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COVID-19: ein Erinnerungsschreiben für die Unvernünftigen und Nachlässigen

  • Nature Medicine

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Im Diskurs

Die Deutschen sind, wie ihre Geschichte zeigt, gegenüber dem „Staat“ selten übermäßig aufmüpfig gewesen. Das ist auch in der Corona-Krise so: Die meisten Menschen in Deutschland fürchten offenbar COVID-19 und akzeptieren die damit verbundenen Unannehmlichkeiten und Einschränkungen. Es gibt allerdings auch Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker - und jene irgendwie sorglosen, meist jüngeren Menschen, die sich offenbar nicht vorstellen können, dass ihnen das Virus etwas „anhaben“ könnte, und daher die  Schutzmaßnahmen vernachlässigen. 

Hohe Akzeptanz der Anti-Corona-Maßnahmen

Die hohe Akzeptanz der Anti-Corona-Maßnahmen in der Bevölkerung zeigen mehrere  Umfragen. So hält sich laut der jüngsten COSMO-Befragung der Universität Erfurt und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die große Mehrheit der Teilnehmer an die sogenannte AHA-Formel: Rund 89 Prozent der Befragten gaben an, in der letzten Woche häufig oder immer eine Alltagsmaske benutzt zu haben, knapp 84 Prozent waschen sich häufig oder immer 20 Sekunden lang die Hände und 85,5 Prozent halten häufig oder immer 1,5 Meter Abstand.

Ein ähnliches Ergebnis hatte eine Umfrage Heidelberger Wissenschaftler: Mehr als 80 Prozent von 1351 Befragten gaben an, sich immer oder zumindest meistens an die Vorgaben gehalten zu haben. Auch die Akzeptanz der mit dem Lockdown verbundenen Grundrechtseinschnitte ist offenbar groß. Bei der Frage nach der Einhaltung der Einschränkungen gab nur eine verschwindend kleine Minderheit von unter vier Prozent an, den Corona-Regeln selten oder nie gefolgt zu sein. Die Befragung fand zwischen dem 30. Juni und dem 7. Juli 2020 statt. Sie ist Teil eines interdisziplinären Projektes am Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg, das sich dem Thema „Gesellschaftliche Selbstermächtigung“ widmet. 

Eine aktuelle Umfrage im Auftrag des „Spiegels“ zeigt zudem, dass die meisten Bürger in Deutschland wenig Verständnis für die aktuellen Proteste, etwa in Berlin, gegen die Schutzmaßnahmen haben. Insgesamt erklärten laut dem Nachrichtenmagazin rund zwei Drittel der Befragten, sie hätten „auf keinen Fall" Verständnis. Weitere zwölf Prozent antworteten mit „eher nein". Etwa jeder fünfte Befragte gab hingegen an, er oder sie habe „auf jeden Fall" oder „eher" Verständnis für die Demonstrationen gegen staatliche Corona-Auflagen.

„Auch junge Menschen sind nicht unbesiegbar"

Doch auch im Fall der aktuellen Pandemie und ihrer Eindämmung hängt das weitere Infektionsgeschehen stark vom, salopp formuliert, „schwächsten Glied in der Kette“ ab. Die Leugner, die Verschwörungstheoretiker und die Unbekümmerten und Sorglosen haben erheblichen Einfluss auf das epidemiologische Geschehen, das auch mehr als ein halbes Jahr nach dem Ausbruch - in Deutschland und schon gar nicht weltweit - wirklich beruhigend aussieht. Das Virus macht nicht nur keine Pause, sondern scheint wieder richtig „in Fahrt zu kommen“: Weltweit werden Anstiege der Infektionszahlen festgestellt und wieder Schutzmaßnahmen ergriffen oder verschärft.

Eine Ursache für den Anstieg sei Nachlässigkeit bei der Einhaltung der Verhaltensregeln, so RKI-Chef Professor Lothar Wieler vor wenigen Tagen. Vor Nachlässigkeit bei der Einhaltung der Verhaltens-Regeln warnt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), wobei sie besonders junge Menschen im Fokus hat. „Es scheint, dass der Wiederanstieg der Fälle in mehreren Ländern teilweise darauf zurückzuführen ist, dass junge Menschen unachtsam geworden sind", sagt Tedros Adhanom Ghebreyesus. Doch auch „junge Menschen sind nicht unbesiegbar. Auch sie können sich infizieren und sterben."

Dass gerade jüngere Menschen sich seltener an die Regeln halten als Ältere., zeigt zum Beispiel die schon zitierte COSMO-Umfrage: Danach halten sich 81,4 Prozent der 18- bis 29-Jährigen an die Maskenregel, bei den über 65-Jährigen liegt der Anteil bei 97,0 Prozent. In der jüngeren Altersgruppe bestätigen knapp 70  Prozent, häufig oder immer in der Öffentlichkeit auf einen Abstand von 1,5 Metern geachtet zu haben. Bei den über 65-Jährigen sind es über 95 Prozent.

Erinnerung und Mahnung zugleich: COVID-19 ist eine Multiorgan-Erkrankung

Obgleich Appelle an die Vernunft erfahrungsgemäß bei manchen Menschen etwa so sinnvoll erscheint, wie Eulen nach Athen zu tragen, ist es vielleicht dennoch nicht überflüssig, noch einmal daran zu erinnern, wie gefährlich das Virus ist und was es so gefährlich macht. Ein gewichtiges Argument lautet: So gut wie alle Organe können betroffen sein. COVID-19 ist eine Multiorgan-Erkrankung. Ein weiteres Argument: Die Erkrankung kann selbst bei jungen offiziell genesenen Menschen zu möglicherweise jahrelangen gesundheitlichen Einschränkungen führen. Hinweise darauf, dass COVID-19 eine Multiorgan-Erkrankung ist, haben unter anderen Autopsien geliefert.

So sei das neue Virus ausser in der Lunge auch in zahlreichen anderen Organen und Organsystemen zu finden – so zum Beispiel auch in der Niere: möglicherweise verursache es dort direkt die häufigen Schäden bei einer COVID-19-Infektion, haben kürzlich Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) in einem Brief im „New England Journal of Medicine“ berichtet. Konkret konnten die Wissenschaftler, die insgesamt 27 gestorbene Patienten obduziert hatten, den SARS-CoV-2-Erreger in der Lunge, im Rachen, im Herz, in der Leber, im Gehirn und in den Nieren nachweisen. Die höchsten Konzentrationen des Virus pro Zelle fanden sie in den Atemwegen, gefolgt von Niere, Herz, Leber, Gehirn und Blut. Außerdem ergaben ihre Berechnungen eine Korrelation zwischen dem gleichzeitigen Bestehen mehrerer Erkrankungen und dem Virusbefall von Organen. Dies könnte ein zusätzlicher Faktor für den großen Einfluss der Vorerkrankungen auf die Sterblichkeit sein. 

Eine Erklärung dafür, dass bei COVID-10 mehrere Organe befallen sein können, haben Gewebe-Untersuchungen eines interdisziplinären Forscherteams des Universitätsspitals Zürich geliefert: Danach verursacht das Virus eine systemische Endotheliitis, also eine Entzündung des Endothels von Herz-, Hirn-, Lungen- und Nieren- sowie Darmgefäßen. Mit fatalen Folgen: Es entstehen schwere Mikrozirkulationsstörungen, die das Herz schädigen, Lungenembolien und Gefäßverschlüsse im Hirn und im Darmtrakt auslösen und zum Multiorganversagen bis zum Tod führen können („The Lancet“).

Einen umfangreichen Überblick zu den nicht-pulmonalen Manifestationen bei COVID-19-Patienten vermittelt ein Beitrag von US-Ärzten im Fachmagazin „Nature Medicine“. Zu diesen nicht-pulmonalen Manifestationen oder Befunden zählen nach ihren Angaben: 

  • hämatologische und das Immunsystem betreffende Befunde wie Lymphozyten- und auch Thrombozyten-Mangel, Leukozytose und Neutrophilie, erhöhte Entzündungsmarker, Hinweise auf eine Gerinnungsstörungen, arterielle und venöse  thrombotische Komplikationen, Katheter-Thrombosen,Stent-Thrombosen und das CRS (Cytokine-release syndrome) mit hohem Fieber, Hypotonie und Multoirganversagen 
  • kardiovaskuläre Komplikationen wie Myokardischämien, Myokarditis, Kardiomyopathien und Arrhythmien
  • renale Symptome und Komplikationen wie Elektrolytstörungen, Proteinurie, Hämaturie, metabolische Azidose
  • gastrointestinale und hepatobiliäre Symptome wie Durchfall, Erbrechen, Bauchschmerzen, mesenteriale Ischämien, erhöhte Leber-Enzyme und erhöhtes Bilirubin
  • Schon mehrfach im Fokus standen neurologische Symptome und Komplikationen. So hatte bereits im April eine chinesische Arbeitsgruppe neurologische Manifestationen bei COVID-19-Patienten beschrieben und den Anteil der Patienten mit neurologischen Begleiterscheinungen mit rund 36 Prozent angegeben. Nun haben die selben Autoren das Auftreten neurologischer Symptome und Begleiterkrankungen bei kritisch kranken COVID-19-Patienten ausgewertet. Bei diesen Patienten lag der Anteil sogar bei 65 Prozent („Frontiers in Neurology“). Ergebnisse: 65 Prozent der Patienten hatten mindestens ein neurologisches Begleitsymptom. Bei 23,3% der Patienten betraf dies das ZNS; es traten beispielsweise Delir, zerebrovaskuläre Erkrankungen oder hypoxische Enzephalopathien auf. Sieben Prozent der Patienten hatten neuromuskuläre Störungen. Aufgrund der inzwischen zahlreichen Berichte über neurologische Symptome im Zusammenhang mit COVID-19 spreche die internationale Fachwelt bereits von „Neuro-COVID“, hieß es kürzlich in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. 
  • Nicht außer Acht lassen sollte man auch mögliche dermatologische Symptome, denn auch die Haut gehört zu den Organen, die bei COVID-19-Patienten betroffen sein können. Dies sei allerdings zu wenig bekannt, so schon vor wenigen Monaten Professor Peter Elsner von der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG). So zeigten seinen Angaben nach Berichte aus Ländern wie China, Italien oder Spanien, dass bis zu 20 Prozent der wegen COVID-19 stationär behandelten Patienten Hauterscheinungen aufgewiesen hätten. Dies seien vor allem erythematöse Exantheme, generalisierte Urtikaria und varicelliforme Bläschen gewesen, meist am Stamm der Patienten. Ob es sich dabei um spezifische Zeichen der COVID-19-Infektion oder möglicherweise um Medikamenten-Nebenwirkungen gehandelt habe, sei jedoch noch unklar. Einige Patienten mit schweren Verläufen könnten nach Angaben von Elsner auch Hautblutungen, akrale Thrombosen oder eine marmorierte Hautverfärbung (Livedo racemosa) entwickeln, was auf eine Beteiligung kleiner Gefäße und deren Thrombosierung hinweisen könne.

Eine Erkrankung mit vielleicht lebenslangen Folgen

Beunruhigend ist zudem die Erfahrung, dass Symptome  offenbar persistieren können, wie eine Studie aus Italien befürchten lässt. Den Studien-Autoren um Dr. Angelo Carfì zufolge hatten die meisten Patienten mit gesicherter SARS-CoV-2-Infektion klinische Symptome (71,4% von 31 845 bis Anfang Juni gesicherten Fällen). Am häufigsten waren Husten, Fieber, Luftnot, Myalgien, Gelenkschmerzen, Müdigkeit, gastrointestinale Beschwerden und Störungen des Geruch- und Geschmacksinns. Was bislang fehlte, waren Erkenntnisse zur Persistenz der Symptome nach der sogenannten Genesung der Patienten. Carfi und seine Kollegen haben daher Daten von 143 Patienten zu dieser Fragestellung ausgewertet. Das mittlere Alter der Patienten betrug knapp 57 Jahre (19 bis 84), 53 waren Frauen. Während des Klinikaufenthaltes hatten knapp drei Viertel Zeichen einer interstitiellen Pneumonie. Die mittlere Dauer des Klinikaufenthaltes betrug 13,5 Tage. 21 Patienten wurden nicht-invasiv beatmet, sieben invasiv. 

Im Mittel 60 Tage nach Beginn der Symptome wurden die Patienten nachuntersucht und zu Symptomen befragt. Zu diesem Zeitpunkt waren nur 18 (12,6 Prozent) völlig frei von COVID-19-assoziierten Symptomen. 32 Prozent hatten ein oder zwei Symptome, 55 Prozent sogar mindestens drei. Kein Patient hatte Symptome einer akuten Erkrankung. Bei 44 Prozent wurde eine verminderte Lebensqualität festgestellt. Viele Patienten klagten noch über Fatigue (53 Prozent), Dyspnoe (43,4 Prozent), Gelenkschmerzen (27,3 Prozent) und Brustschmerzen (knapp 22 Prozent).

Es gibt also viele gute Gründe, auch für junge Menschen, bei der Einhaltung der Schutzmaßnahmen nicht nachlässig zu sein. Auch dann nicht, wenn der Eindruck besteht, dass Besserung schon in Sicht oder sogar eingetreten sei. Manchmal ist bekanntlich das Licht am Ende des Tunnels nur der entgegenkommende Zug.