COVID-19: Die zweite Welle, Nasen-Zellen und ein neurologisches Syndrom


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

In Deutschland sind einige Einschränkungen gelockert worden, was erfreulich ist, aber auch Sorgen bereitet. Erfreulich ist auch, dass Wissenschaftler weitere wichtige Erkenntnisse zu den Übertragungs-Mechanismen des Erregers gewonnen haben. Eine zentrale Rolle spielen dabei offenbar schleimbildende Zellen in der Nase. Mehrere publizierte Studien zeigen nun, dass  COVID-19 auch eine neurologisch relevante Erkrankung sein kann.

 

Angst und Warnung vor der zweiten Welle

Wie in manchen anderen Ländern sind in Deutschland erste vorsichtige Lockerungen von den restriktiven Maßnahmen der Pandemie-Bekämpfung beschlossen worden. Bekanntlich ist nicht jeder politische „Entscheider“ (bzw. „politische Entscheiderin“) besonders „amused“ über das zum Teil angeblich nicht nur „forsche, sondern zu forsche“ Vorgehen mancher Bundesländer. Denn befürchtet wird eine zweite Welle der Infektionen mit dem neuen Corona-Virus, die noch weit schlimmer sein könnte als die erste Welle. „Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen", so etwa Angela Merkel.

„Wenn wir alle weiter jetzt so tun, als ob das Problem überwunden wäre, werden wir wieder einen Ausbruch haben. Das ist ziemlich sicher", warnte auch Professor Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts. „Wir stehen immer noch am Anfang der Pandemie, das vergessen viele", wird auch die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig im „SPIEGEL“ zitiert. Und: „Die Regierung hat mit den Lockerungen nun ein falsches Signal gesendet, und ich befürchte, dass viele das Virus jetzt nicht mehr so ernst nehmen und wieder mehr Kontakte treffen." Wenn das passiere, stehe Deutschland bald wieder da, wo es am Anfang gestanden habe, so die Virologen in dem Hamburger Nachrichtenmagazin.

Positive Antikörper-Tests: keine ausreichende Sicherheit

In zu großer Sicherheit wiegen sollten sich offenbar auch jene Menschen nicht, die bereits eine Infektion mit SARS-CoV-2 überstanden haben. Denn bislang gebe es keine ausreichenden Beweise dafür, dass Menschen nach COVID-19 vor einer Zweit-Infektion geschützt seien, warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Und: Ein positiver Antikörper-Nachweis sei kein ausreichender Garant für Immunität. 

Eintrittspforten für SARS-CoV-2: zwei Zellen in der Nase

Es ist offenbar so, dass trotz zunehmender wissenschaftlicher Erkenntnisse noch immer viele Fragen zu dem neuen Virus und COVID-19 zu klären sind. Dazu zählten bislang unter anderen Fragen zu den Übertragungs-Mechanismen des Erregers. Hier ist ein internationales Team nun einen wichtigen Schritt weitergekommen. So seien wahrscheinlich zwei Zelltypen in der Nase die ersten Eintrittspforten für das neue Coronavirus, so eine Mitteilung vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft. Anhand von Daten aus dem Human Cell Atlas haben die Forscher bei Becherzellen und Flimmerepithel in der Nase besonders viele der Proteine entdeckt, die SARS-CoV-2 nutzt, um in unsere Zellen zu gelangen. Dass Forscher des Wellcome Sanger Institutes, des Universitätsklinikums Groningen, der Universität Cote d'Azur und des CNRS in Nizza und ihre Kollegen des Human Cell Atlas Lung Biological Network diese Zellen identifiziert haben, könnte zur Erklärung der hohen Übertragungsrate von SARS-CoV-2 beitragen.

Die Forscher analysierten verschiedene Datensätze des Human Cell Atlas (HCA)-Konsortiums, die aus der Einzelzell-RNA-Sequenzierung von mehr als 20 verschiedenen Geweben nicht infizierter Menschen gewonnen worden waren. Dazu gehörten Zellen aus der Lunge, Nasenhöhle, Auge, Darm, Herz, Niere und Leber. Die Forscher untersuchten, welche der einzelnen Zellen die beiden wichtigsten Eintrittsproteine exprimieren, die das Virus für die Infektion nutzt.

Dr. Waradon Sungnak, der Erstautor der Studie vom Wellcome Sanger Institute, sagt: „Das Rezeptorprotein – ACE2 – und die TMPRSS2-Protease, die beim Eintritt von SARS-CoV-2 helfen kann, wird in den Zellen verschiedener Organe exprimiert. Darunter sind die Zellen an der Innenseite der Nase. Wir haben dann gezeigt, dass von allen Zellen die schleimproduzierenden Becherzellen und Flimmerzellen in der Nase die höchsten Konzentrationen dieser beiden Proteine aufweisen. Das macht diese Zellen zum wahrscheinlichsten Erstinfektionsweg für das Virus.“

Die beiden wichtigsten Eintrittsproteine ACE2 und TMPRSS2 sind auch in Hornhaut-Zellen des Auges und in der Darmschleimhaut zu finden. Dies deutet auf einen weiteren möglichen Infektionsweg über das Auge bzw. die Tränendrüsen hin und offenbart das Potenzial für eine fäkal-orale Übertragung.

Guillain-Barré-Syndrom auch bei Infektion mit SARS-CoV-2

Eine gesicherte Erkenntnis dürfte inzwischen die sein, dass SARS-CoV-2 auch eine für Neurologen relevante Erkrankung ist. Nur eine der neurologischen Erkrankungen, die bei COVIOD-19-Patienten auftreten können, ist das Guillain-Barré-Syndrom, wie kürzlich auch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie betont hat.

Anfang April wurde erstmals die Möglichkeit eines SARS-CoV-2-assoziierten Guillain-Barré-Syndroms (GBS) in einer Publikation im „Lancet Neurology“ diskutiert. Kurz darauf folgten zwei weitere Publikationen aus Europa, die ein GBS bzw. eine GBS-Variante bei COVID-19-Patienten beschreiben (NEJM und Neurology). Eine Besonderheit beim GBS von COVID-19-Patienten: Während es häufig 2–4 Wochen dauert, bis ein Infekt-assoziiertes GBS auftritt, kam es bei den SARS-CoV-2-Infektion bereits nach 5–10 Tagen zu dieser schweren neurologischen Komplikation.

Der erste Fallbericht eines vermutlich SARS-CoV-2-assoziierten GBS betrifft eine 61-jährige Frau aus China, die mit Paresen der unteren Extremitäten in die Klinik aufgenommen wurde, jedoch keine Atemwegssymptome, Fieber oder Diarrhoe aufwies. In den folgenden drei Tagen breiteten sich die Paresen aus. Die Therapie erfolgte mit i.v.-Immunglobulinen. An Tag 8 entwickelte die Patientin Husten, Fieber und wies im Thorax-CT Zeichen einer viralen Pneumonie auf. Der SARS-CoV-19-Rachenabstrich war positiv. Die Autoren diskutieren ein SARS-CoV-2-assoziiertes GBS, da die klassischen respiratorischen COVID-19-Symptome aber erst eine Woche nach Beginn des GBS hinzukamen, müsse auch die Möglichkeit eines zufälligen koinzidenten Auftretens beider Erkrankungen in Betracht gezogen werden. 

Doch zwei Wochen später wurde bereits eine Fallserie mit GBS bei fünf italienischen SARS-CoV-2-Patienten veröffentlicht. Von 1.000-1.200 COVID-19-Patienten erkrankten fünf innerhalb von 5-10 Tagen nach Symptombeginn von COVID-19 an einem GBS, drei dieser Patienten mussten maschinell beatmet werden. In der Studie konnte allerdings nicht abgegrenzt werden, ob die Beatmung wegen des GBS oder der respiratorischen Infektion notwendig wurde. 

Eine dritte Arbeit aus Madrid stellt zwei Kasuistiken von COVID-19-Patienten mit der GBS-Variante des Miller Fisher-Syndromes (MFS) vor. Im Serum waren MFS-auslösende Gangliosid-Antikörper nachweisbar; beide Patienten hatten SARS-CoV-2-positive Rachenabstriche.

Typischerweise treten das klassische GBS oder das MFS zwischen10 Tagen und bis zu vier Wochen nach der zugrundeliegenden Infektion auf, also in der Regel, nachdem die Patienten von der Infektionskrankheit genesen sind. Bei SARS-CoV-2-Infektionen hingegen ist das Intervall deutlich kürzer. Alle bisher berichteten Patienten erkrankten bereits 5–10 Tage nach Symptombeginn der COVID-19-Erkrankung.

„Bei beatmeten Patienten auf der Intensivstation stellt das GBS eine wichtige Differentialdiagnose zur sog. Critical Illness-Neuropathie dar, einer peripheren Nervenschädigung, die in der Regel erst später im Krankheitsverlauf bei Patienten auf der Intensivstation auftritt“, betonte Prof. Dr. Helmar Lehmann von der Neurologischen Universitätsklinik Köln. Und Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, ergänzte: „Die Unterscheidung ist aber relevant, um nicht die Behandlung mit Immunglobulinen zu versäumen.“