COVID 19: Die Pandemie und die Psyche

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Für einiges Aufsehen hat vor wenigen Wochen der Suizid der New Yorker Notfall- und Intensivmedizinerin Dr. Lorna M. Breen  gesorgt, die viele COVID-19-Patienten versorgen musste und sich ebenfalls mit dem neuen Virus infizierte. Da die Ärztin an keiner psychischen Vorerkrankung gelitten haben soll, wird ein Zusammenhang zwischen dem Suizid und der beruflichen Tätigkeit und Pandemie angenommen. Das ist nur eine Vermutung, doch Fakt ist, dass SARS-CoV-2 und die aktuelle Pandemie nicht nur organische, sondern auch psychische Schäden zur Folgen haben können. 

Höhere psychische Belastung durch „soziale Schockereignisse"

Durch die aktuelle Lage könnten Ängsten und seelische Belastungen ausgelöst werden, die sich nicht zuletzt auch körperlich auswirkten, indem sie etwa unser Immunsystem schwächten, warnt etwa die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin . „Soziale Schockereignisse wie Epidemien oder die schon jetzt absehbare massive Wirtschaftsrezession führen oftmals zu einer deutlich höheren psychischen Belastung sowie zu einer steigenden Suizidmortalität“, schreiben Dr. Dirk Richter und Dr. Simeon Zürcher vom Zentrum Psychiatrische Rehabilitation und der Berner Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

Kontaktverbote, Ausgangsbeschränkungen und Abstandhalten – Ziel dieser Maßnahmen ist, das Infektionsgeschehen zu verlangsamen. Doch gleichzeitig gefährdeten diese Beschränkungen die psychische Gesundheit von Menschen, schreiben auch Wissenschaftler der Universität Leipzig, die, wie berichtet, zusammen mit dem Kompetenznetz Public Health zu COVID-19 ein Kurzdossier  zu den psychosozialen Folgen von Isolations- und Quarantäne-Maßnahmen veröffentlicht haben. Dass solche restriktiven Maßnahmen auch psychische Folgen haben können, hatte im Februar schon ein Team um die britische Psychologin Dr. Samantha K. Brooks (Department of Psychological Medicine, King’s College London) betont. 

Wut, Ärger und auch Aggressionen

Da die üblichen Reaktionen auf Angst - Flucht oder Kampf - in der aktuellen Pandemie-Situation nicht funktionieren, haben die Menschen auch so gut wie keine Bewältigungsstrategien und reagieren zum Teil mit Depressionen, Gefühlen der Ausweglosigkeit, Suchtmittel-Missbrauch, Wut, Ärger und auch Gewalt. Mehrere europäische Länder wie Belgien, Frankreich, Spanien und Großbritannien hätten eine Zunahme der Gewalt gegen Frauen, Männer und Kinder gemeldet, sagte am vergangenen Donnerstag WHO-Regionaldirektor Hans Kluge bei einer virtuellen Pressekonferenz der Genfer Organisation. 

Studien-Auswertung zeigt erhebliche Belastung von medizinischem Personal

Zu den Menschen, deren psychische Gesundheit während die Pandemie als besonders gefährdet gilt, zählen auch Menschen, die in Gesundheitsberufen arbeiten, insbesondere Pflege- und Rettungskräfte und Ärztinnen bzw. Ärzte. Ein Team um Dr. Dr. Jens Bohlken vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP) der Universität Leipzig hat nun untersucht, welche Auswirkungen die Pandemie und die damit einhergehende Arbeitssituation auf die Psyche hat. Dazu haben Bohlken und seine Kollegen 14 Studien mit Klinikpersonal aus Infektionsabteilungen, Abteilungen für Fieberkranke, Abteilungen der Inneren Medizin inklusive Intensivstationen sowie der Chirurgie und Psychiatrie ausgewertet. Die Studien stammen zwar alle aus Asien (überwiegend China), aber zahlreiche der in diesen Studien untersuchten Themen könnten auf deutsche Verhältnisse übertragen werden, so Bohlken. 

Die Stichprobengröße habe zwischen 37 und 1257 Personen des überwiegend pflegerischen und ärztlichen Personals geschwankt. Der Anteil an COVID-19-nahen Tätigkeiten habe zwischen 7,5 und 100 Prozent gelegen. Ergebnis der Studien-Auswertung: Den Leipziger Wissenschaftlern zufolge wurde eine erhebliche Belastung durch Stress, depressive und ängstliche Symptome berichtet. Schwere Ausprägungsgrade hätten sich bei 2,2–14,5% der Befragten gefunden. Angesichts der Häufigkeit psychischer Symptome bei medizinischem Personal erscheinen laut Bohlken und seinen Mitautoren begleitende psychiatrisch-psychotherapeutisch informierte Interventionen notwendig, um eine Bewältigung zu unterstützen. Wünschenswert sei nun eine schnell einsetzende Forschung in diesem Bereich. Dies gilt vor allem für medizinisches Personal im ambulanten Versorgungssektor. Denn diese Personen-Gruppe sei bei der Belastungsforschung bislang kaum berücksichtigt worden. Gerade in Deutschland stelle der ambulante Versorgungssektor durch Haus- und Fachärzte eine wichtige Säule des Gesundheitssystems dar und sollte daher unbedingt in diese Studien einbezogen werden. 

Umfrage zu arbeitsbezogenen Belastungen sowie individuellen Bewältigungsstrategien

Eine solche Studie zur psychischen Belastung von Beschäftigten im Gesundheitswesen haben Heidelberger Wissenschaftler initiiert. Um die Belastungen von Ärzten, Rettungskräften und anderen Beschäftigten im Gesundheitswesen und die mit der Ausnahmesituation der Corona-Krise verbundenen Stressfaktoren zu erfassen, führen sie vom 8. Mai 2020 an eine Online-Befragung durch. „Aus den persönlichen Erfahrungen wollen wir Informationen über kurzfristig erforderliche Maßnahmen zum Krisenmanagement gewinnen. Darüber hinaus möchten wir auch Schlüsse für die künftige Aus- und Fortbildung ziehen“, sagt Privatdozentin Dr. Marie Ottilie Frenkel, Stressforscherin an der Universität Heidelberg, die die Studie gemeinsam mit Funktionsoberarzt Dr. Stefan Mohr, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Klinik für Anästhesiologie des Universitätsklinikums Heidelberg, durchführt. Ausser den spezifischen arbeitsbezogenen Belastungen sollen auch die individuellen Bewältigungsstrategien erhoben werden. Dabei geht es zum Beispiel um die Frage, welche Maßnahmen den Umgang mit Stress stärken und inwieweit die Befragten darauf im Rahmen ihrer Ausbildung vorbereitet wurden. 

In einer ersten Befragungsrunde im April konnten laut einer Mitteilung der Universität bereits mehrere Ärzte und Beschäftigte von Krankenhäusern, Corona-Schwerpunktpraxen und den Abstrichzentren in der Rhein-Neckar-Region für die Teilnahme gewonnen werden, ebenso Mitarbeiter örtlicher Hilfsorganisationen. Auch Notfallmediziner aus ganz Baden-Württemberg und Bayern hätten sich beteiligt. Für die zweite Befragung vom 8. bis 15. Mai hoffen die Initiatoren insbesondere auf die deutschlandweite Mitwirkung von Beschäftigten im Gesundheitswesen, die klinisch, präklinisch oder ambulant tätig sind. Die Teilnahme an der Online-Befragung dauert zehn bis zwölf Minuten. Eine weitere Befragungsrunde soll vom 29. Mai bis zum 5. Juni 2020 stattfinden