COVID-19, die „Kinderpornografie-Mafia“ und missglückter erweiterter Suizid

  • Psychiatrische Praxis

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Fall der Woche
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Kernbotschaften

Die SARS-CoV-2-Pandemie und die damit verbundenen Änderungen der Lebensbedingungen sind für viele Menschen eine erhebliche Belastung. Besonders empfindlich auf solche „Stressoren“ reagieren Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen. Bei ihnen können dadurch bislang eher unauffällige bzw. subklinische psychotische Störungen erheblich zunehmen, wie die Krankengeschichte einer Patientin zeigt, über die Judith Weise von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Leipzig und ihre Kollegen berichten.

Die Patientin und ihre Geschichte

Bei der Patientin handelte es sich um eine alleinstehende Frau Mitte 60, die nach einem überlebten Suizidversuch sowie einem ebenfalls erfolglosen Versuch, ihr Haustier zu töten, vom Rettungsdienst in ein Krankenhaus gebracht wurde. Dort habe sie berichtet, sich zunehmend von der SARS-CoV-2-Pandemie bedroht zu fühlen. Zum einen befürchte sie, sich zu infizieren und dann maschinell beatmet und ihrer Autonomie beraubt zu werden. Zum anderen sei sie sich sicher, dass infolge der Pandemie bestehende demokratische Strukturen zerstört würden und es zu einem „Rechtsruck“ in der Politik kommen werde. Ihre Mutter sei ihren Aussagen zufolge eine „versteckte Jüdin“ gewesen. Zudem habe sie vor wenigen Jahren durch E-Mails erfahren, als Kind missbraucht worden sei. Sie engagiere sich daher für die Bekämpfung der „Kinderpornografie-Mafia“ und habe sich bereits an die Bundeskanzlerin und den Papst als Vorstand der „klerikalen Eliten“ gewandt.

Die nicht mehr berufstätige und seit zehn Jahren alleinstehende Frau lebte in einer Mietwohnung; Kontakt zu anderen Menschen hatte sie vor allem über E-Mails, und zwar zu Personen, die ihre Annahmen zu einem gesellschaftlichen Rechtsruck und zur  „Kinderpornografie-Mafia“ unterstützten. Halluzinationen und affektive Symptome seien verneint worden. Nach Angaben von Weise und ihren Mitautoren lag bei der Patientin eine wahnhafte Störung vor.

Therapie und Verlauf

Eine antipsychotische Therapie lehnte die Frau ab, da sie nach eigener Einschätzung psychisch gesund sei. Gegen eine kardiologische Therapie wegen Herzrhythmusstörungen hatte sie hingegen keinen Einwände. Davon, dass sie psychisch krank sei, habe die Patientin auch weiterhin nicht überzeugt werden können. Eine antipsychotische Therapie habe sie daher auch im weiteren Verlauf abgelehnt, ebenso eine Fremdanamnese sowie eine kraniale MRT, „da sowohl der Befragte als auch der cMRT-Befund durch die „Kinderpornografie-Mafia“ manipuliert werden könne“. 

Die Patientin habe dennoch an verschiedenen therapeutischen Angeboten teilgenommen und sich durch den stationären Aufenthalt entlastet gefühlt, sodass dieser verlängert worden sei. Auf Bitte der Patientin sei sie dann ambulant weiterbetreut worden und habe sich zuletzt sehr zugänglich und stabilisiert ohne Anzeichen einer akuten Eigen- oder Fremdgefährdung gezeigt - „trotz weiterhin abgelehntem Krankheitsbegriff und floridem Wahnsystem“. 

Diskussion

Der vorliegende Fall beschreibt den Leipziger Psychiatern zufolge eine Frau mit paranoidem Wahn. Es sei anzunehmen, dass sich die Erkrankung unter anderem aufgrund der sozialen Isolation über die letzten Jahre sukzessive verschlechtert habe. Durch die SARS-CoV-2-Pandemie sei die Störung exazerbiert. Der missglückte Versuch, ihr Haustier im Rahmen eines „erweiterten“ Suizids zu töten, verdeutliche die Schwere der aktuellen suizidalen Krise. 

Die Prävalenz wahnhafter Störungen liegt nach Angaben der Autoren bei 24–30/100000. Frauen erkrankten häufiger; das Alter bei Erkrankungsbeginn liege bei 35–55 Jahren. Eine Beeinflussung durch psychosoziale Faktoren sei bekannt. Die Betroffenen fielen im gesellschaftlichen Leben selten auf, da sie im Alltag ein hohes soziales Funktionsniveau und kein bizarres Verhalten zeigten. Krankheitseinsicht und Zustimmung zu einer medikamentösen Therapie seien in der Regel gering.