COVID-19 bei Lebertransplantierten: Komorbiditäten gefährlicher als Immunsuppression

  • Lancet Gastro Hep

  • von Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Eine Fall serien analyse von COVID-19-Erkrankungen bei Patienten nach Lebertransplantation aus der Lombardei ergibt: Begleiterkrankungen erhöhen das Risiko für fulminante, tödliche Verläufe stärker als die Immunsuppression. Die Transplantationsmediziner empfehlen, die Intensität der Abstoßungsprophylaxe nicht wegen eines erhöhten COVID-19-Risikos und bei asymptomatischen, positiv getesten Patienten zu reduzieren, sondern vor allem die Komorbidität als Risikofaktor für schwere COVID-19-Verläufe im Blick zu haben.

Hintergrund
Patienten mit Immunsuppression gelten als Risikogruppe für schwere COVID-19- Erkrankungen . Da nach Organtransplantation generell eine immunsuppressive Abstoßungsprophylaxe erforderlich ist, gehören Organempfänger dazu. Noch aber gibt es wenig Daten aus der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie zum tatsächlichen Risiko. Erste Ergebnisse kommen nun von einem großen Transplantationszentrum im Mailand, in der Mitte der Lombardei (1) . In dieser Region sind die Infektionszahlen und die Zahl der tödlichen Verläufe von COVID-19 in Italien am höchsten.

Design

  • Fallserie schwer verlaufender COVID-19-Erkrankungen bei Patienten nach Lebertransplantation
  • monozentrische Studie der Universität Mailand
  • Multivariatenanalyse tödlicher Verläufe unter besonderer Berücksichtigung der Intensität der Immunsuppression

Hauptergebnisse
Im Verlauf des aktuellen Ausbruchs sind innerhalb weniger Wochen 3 Patienten mit transplantierter Leber an  einer Pneumonie, verursacht durch Covid-19, gestorben. Alle waren männlich und gehörten zur Kohorte von 111 Patienten, die seit mindestens 10 Jahren eine neue Leber hatten und bei denen die Immunssuppression reduziert war. Alle hatten allerdings medikationspflichtige metabolische Erkrankungen wie Diabetes und Hyperlipidämie.

Auch 3 von 40 Patienten, die seit weniger als 2 Jahren eine neue Leber hatten und deutlich stärker immunsupprimiert waren als die Langzeit-Transplantatempfänger, wurden positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Bei ihnen verlief die Infektion symptomlos und zugleich waren ihre Komorbiditäten gering.

Klinische Bedeutung
Die Lungenschäden bei schwer verlaufenden COVID-19-Erkrankungen werden auf direkte, gewebepathogene Effekte des Virus zurückgeführt oder auf indirekte Wirkungen durch auf überschießende Entzündungsreaktionen. Sollten starke Immunreaktionen hauptverantwortlich für fulminante COVID-19-Verläufe sein, könnte eine Immunsuppression protektiv wirken. Diese Frage sei nicht geklärt, so die Autoren. Aus der Fallserie lasse sich keine Assoziation ableiten zwischen intensiver Immunsuppression und erhöhtem Risiko. Vor allem Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes und Hyperlipidämie hätten offensichtlich Bedeutung.

Die Autoren raten davon ab, die Immunsuppression bei asymptomatischen SARS-CoV-2-positiven Patienten nach Lebertransplantation zu reduzieren. Diese Empfehlung gibt aktuell auch die American Association for the Study of Liver Diseases (2).

Finanzierung: öffentliche Mittel