COVID-19: Befürchtungen, aber auch Hoffnungen

Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Wenige Tage nach Beginn der restriktiven Maßnahmen zur Eindämmung der Virus-Verbreitung stehen ökonomische Folgen im Fokus der Diskussion. Die Therapie dürfe nicht schlimmer sein als die Krankheit, heißt es vielerorts. Die große Sorge: Operation gelungen, Patient tot. Die Kassandra-Rufe scheinen nicht unberechtigt zu sein: So prognostiziere das Ifo-Institut , dass jede zusätzliche Woche Shutdown ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) kosten werde, also rund 35 Milliarden Euro, berichtet „Media Pioneer“ . Im schlimmsten Fall sinke die Wirtschaftsleistung um 20 Prozent. Das Land befinde sich im Sinkflug – und es sei unklar, ob sich da unten eine Landebahn befinde, so das Team um den Journalisten Garbor Steingart.

Weniger Wohlstand, mehr Armut

Anders formuliert: Die Menschen werden ärmer sein, wobei allerdings differenziert werden sollte: Einige Menschen werden etwas weniger reich sein; viele Menschen werden ihren bescheidenen Wohlstand verloren haben; ihr flotter SUV aus heimischer Produktion wird womöglich einem Produkt aus Korea weichen müssen, Urlaube könnten häufiger auf dem Balkon (so man einen hat) stattfinden müssen und wöchentliche Restaurant-Besuche bis auf Weiteres Vergangenheit sein. Ein nicht geringer Teil der Bürger wird vermutlich noch ärmer sein als bisher schon. Das Dienstleistungsproletariat werde verelenden, heißt es.

Mehr Gewalt, Kriminalität und Suizide

Befürchtet und wohl auch schon beobachtet wird darüber hinaus eine Zunahme häuslicher Gewalt   sowie krimineller Aktivitäten im Internet. Die Landeskriminalämter  in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt etwa haben erst kürzlich davor gewarnt. Befürchtet wird außerdem ein Anstieg der Suizide. Denn insbesondere für Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen  und auch alte, nicht mehr mobile Menschen sind restriktive Maßnahmen wie Quarantäne und Kontaktsperren eine erhebliche Belastung. Darüber hinaus könnten nicht nur Wohlstand und wirtschaftliche Existenzgrundlage verloren gehen, sondern auch wichtige Freiheitsrechte dauerhaft eingeschränkt bleiben, etwa die Versammlungsfreiheit, die Bewegungsfreiheit, die Gewerbe- und Dienstleistungsfreiheit, die Freiheit der Verfügung über das eigene Eigentum.

Mehr Kooperation und Solidarität?

Es gibt aber auch Stimmen, die das Positive in der Krise sehen: Für den Soziologen Professor Aladin El-Mafaalani etwa biete die derzeitige Krise eine Chance auf mehr globale Kooperation statt Konkurrenz. Er wünsche sich eine Weltgesellschaft, die von Macht und Konkurrenz auf Kooperation, Solidarität und Zusammenhalt umschalte, so der Soziologe auf der Online-Plattform „Media Pioneer“. Vor Corona habe er gedacht, „es bräuchte Außerirdische dafür. Aber vielleicht sind es winzig kleine Viren, die uns zeigen, dass wir alle im selben Boot sitzen.” Auf die Frage, ob wir aus der Krise etwas lernen, antwortet der Philosoph Peter Sloterdijk  in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit": „Ohne Zweifel. Wir erleben den Beginn eines Zeitalters, dessen basale ethische Evidenz ich in meinem Buch Du mußt dein Leben ändern als Ko-Immunismus bezeichnet habe. Anders als im Kommunismus geht es nicht um eine Produktions- und Güterverteilungsgemeinschaft, sondern um das Einschwören der Individuen auf wechselseitigen Schutz. Eine immunologische Risikogemeinschaft, die weltweite Solidarität verlangt, ist allem Schrecken zum Trotz denkbar."

Und das Gesundheitswesen?

Auch das Gesundheitswesen und die Medizin werden nach der Krise nicht mehr so sein können (und dürfen) wie zuvor. Wir könnten im Gesundheitswesen „auf keinen Fall zur Tagesordnung übergehen“, so etwa Professor Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, in einem Interview mit dem Berliner Portal „Gerechte Gesundheit“.„Wir müssen systematisch aus der Situation lernen und da gibt es sehr sehr viel“, so der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität in Frankfurt am Main. Wir müssten, sagt Gerlach, „sicher erkennen, dass der öffentliche Gesundheitsdienst an den allermeisten Standorten komplett überfordert war oder noch ist. Wir sehen Personalmangel, Unterausstattung und fehlende Konzepte. Wir haben das vielleicht größte Problem in Pflegeheimen. Hier leben die Hochrisiko-Patienten. Normalerweise müsste man genau dort den Einsatz der Mittel konzentrieren. Das alles müssen wir aufarbeiten.“  Für die nächste Pandemie müssten wir besser vorbereitet sein.

Auch EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen weist in einem aktuellen Interview in der Wochenzeitung „Die Zeit“ auf Defizite im Gesundheitswesen hin, die durch die Virus-Pandemie nun besonders sicht- und fühlbar geworden seien. Auf die Frage, ob angesichts problematischer Lieferketten die EU mehr Autarkie im Gesundheitswesen brauche, antwortet von der Leyen: „Wir werden uns die Lieferketten sehr genau anschauen müssen. Ich habe in dieser Krise gelernt, dass ein Kopfschmerzmittel, das hier jeder in seiner Hausapotheke hat, nicht ohne Indien hergestellt werden kann. Und nun ist Indien selbst durch das Virus blockiert. Wir müssen unsere europäische Krisenvorsorge verbessern. Wir sollten uns nicht auskoppeln aus der Globalisierung, wohl aber widerstandsfähiger werden und unser Lieferantennetz verbreitern, wir dürfen nicht von einem einzelnen Produzenten außerhalb der EU abhängig sein.“ 

Unstrittig „änderungsbedürftig“ sind auch die teilweise miserable Bezahlung und die geringe Wertschätzung von Menschen mit so genannten „systemrelevanten“ Tätigkeiten im Gesundheitswesen, ob nun Pflegekräfte und Arzthelferinnen etwa oder Reinigungskräfte, die OP-Säle und Patienten-Zimmer desinfizieren. „Besserverdiener sehen sich gern als Leistungsträger der Gesellschaft. Jetzt zeigt eine Studie, in systemrelevanten Berufen verdienen Menschen im Durchschnitt schlecht“, so kürzlich der Ökonom und Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Professor Marcel Fratzscher . Im Durchschnitt, so Fratzscher, liege der Bruttostundenlohn in systemrelevanten Berufen um 15 bis 20 Prozent niedriger als in nicht systemrelevanten Berufen. Und: „Eine ganze Reihe systemrelevanter Berufe – wie Reinigungskräfte oder Beschäftigte im Lebensmitteleinzelhandel – erhält eine so geringe Bezahlung, dass sie in den Niedriglohnbereich fallen, also einen geringeren Lohn als zwölf Euro brutto pro Stunde verdienen.“

Grundlegender Wandel?

Das alles sind zutreffende Befunde, berechtigte Wünsche und Aufforderungen zum Handeln. Der Wandel, den das Gesundheitswesen durch die gegenwärtige Pandemie möglicherweise erfährt, könnte jedoch noch sehr viel grundlegender sein.

Die Bilder und Berichte aus italienischen Kliniken, die Diskussion und Empfehlungen von Fachgesellschaften und Medizinethikern zum Thema Triage (etwa bei zu wenigen Beatmungsmaschinen) könnte erheblichen Einfluss auf das Vertrauen der Menschen in das Gesundheitswesen und die Ärzteschaft haben. Allokationsentscheidungen werden im Gesundheitswesen zwar täglich getroffen. „Allerdings kommt es nur sehr selten zu einer konkreten und unmittelbaren Entscheidung zwischen zwei oder mehr Patienten, von denen einer bei Nichtbehandlung mit dem Tod rechnen muss“, so Nils Hoppe, Professor für Ethik und Recht in den Lebenswissenschaften und Direktor des Centre for Ethics and Law in the Life Sciences (CELLS), Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover.

Möglicherweise macht die derzeitige Krise den Bürgern und den Entscheidern im Gesundheitswesen wie auch Wissenschaftlern deutlich, was in der Medizin und für die medizinische Versorgung wirklich wichtig ist - und was eben nicht, etwa infantile Diskussionen über Globuli und angeblich kardioprotektive Schokolade oder die (gefühlt) 135. Metaanalyse über die positiven Effekte der Mittelmeerkost und körperlicher Bewegungen auf Herz, Hirn und Gefäße. 

Wünschenswert ist auch, dass sich wieder die Erkenntnis durchsetzt: Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen sind primär für die Versorgung von Kranken da und nicht in erster Linie für die Steigerung des materiellen „Wohlbefindens“ von Investoren oder Geschäftsführern. Die Kranken-Versorgung darf nicht mehr nach dem Vorbild industrieller Produktion erfolgen. Worauf es wieder ankommen muss, ist das, was Patienten brauchen und ihre Ärzte für medizinisch geboten halten, und nicht das, was - zwecks persönlicher Bonus-Optimierung - Controller, Kaufmänner und Investoren wünschen. 

„Can Medicine be cured“? So lautet der Titel eines vielbeachteten Buches des Gastroenterologen Seamus O’Mahony von der Universität von Cork. Überaus optimistisch zeigte sich der Autor nicht. Es gebe zu viele, die ein Interesse daran hätten, dass sich nichts oder wenig ändere. Schon Niccolò Machiavelli wusste: „Der größte Feind der neuen Ordnung ist, wer aus der alten seine Vorteile zieht." Erst ein wirtschaftlicher Kollaps oder nicht zu beherrschende Pandemien könnten die Medizin vielleicht wieder in die richtige Richtung lenken, so Seamus O’Mahony. Es könnte sein, dass seine Vorhersage in Erfüllung geht.