COVID-19: Ausgebremste T-Helferzellen bei Risikopatienten sorgen für schlechtere Immunantwort


  • Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft

Bei älteren Menschen und Personen mit Grunderkrankungen werden Virus-spezifische T-Helferzellen zwar besonders häufig gebildet, sind aber in ihrer Funktion eingeschränkt. Dies erkläre möglicherweise, warum diese Menschen ein besonders hohes Risiko haben, schwer an COVID-19 zu erkranken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Charité, die kürzlich im Journal of Clinical Investigation erschienen ist.

Für ihre Studie untersuchte die Forschungsgruppe um Arne Sattler von der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie das Blut von 39 Patienten, die mit einer SARS-CoV-2-Infektion in die Charité aufgenommen worden waren. Aus deren Blutproben gewannen die Forscher T-Helferzellen, die sie mit Teilstücken der Membran-, Nukleokapsid- und Spike-Proteine von SARS-CoV-2 stimulierten. Anschließend bestimmten sie die Anzahl der T-Helferzellen, die auf die verschiedenen Virus-Bruchstücke reagierten, und untersuchten, ob es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der aktivierten T-Helferzellen und den Risikofaktoren der Patienten gab.

Mehr T-Helferzellen mit zunehmendem Alter und Komorbidät

Wie das Forscherteam zeigen konnte, wiesen die COVID-19-Betroffenen umso mehr Virus-spezifische T-Helferzellen in ihrem Blut auf, je älter sie waren. Derselbe Zusammenhang fand sich auch für den Komorbiditätsindex als Maßzahl für die Schwere von 19 verschiedenen Grunderkrankungen: Je höher der Komorbiditätsindex lag, desto mehr SARS-CoV-2-spezifische T-Helferzellen zirkulierten im Blut der  Patienten, heißt es in einer Mitteilung der Charité.

Allerdings beobachteten die Forscher ebenfalls, dass mit fortschreitendem Alter der Betroffenen und Gesamtlast ihrer Grunderkrankungen immer weniger dieser Zellen den Botenstoff Interferon gamma (IFNγ) produzierten. Diesen Botenstoff geben die Zellen normalerweise ab, wenn sie ein Virus erkannt haben, um andere Komponenten der Immunabwehr gegen den Erreger zu stimulieren.

T-Helferzellen von Risikopatienten werden ausgebremst

Die übermäßig vielen gegen das neue Coronavirus gerichteten T-Helferzellen, die wir im Blut von COVID-19-Betroffenen mit Risikofaktoren gefunden haben, sind also teilweise nicht mehr richtig funktionstüchtig“, wird Sattler zitiert. Die T-Helferzellen würden bei Menschen mit Risikofaktoren also gewissermaßen ausgebremst. Sattler und sein Team gehen davon aus, dass dies hinderlich für eine effiziente Bekämpfung des Erregers sein könnte.

Eine bereits bekannte molekulare „Bremse“ des Immunsystems ist das Protein PD-1. Es sorgt laut der Berliner Wissenschaftler auf der Oberfläche von T-Zellen normalerweise dafür, dass eine Immunantwort nicht überschießt und sich beispielsweise gegen den eigenen Körper richtet. Tatsächlich konnte die Charité-Forschungsgruppe nachweisen, dass die Virus-spezifischen T-Helferzellen während einer akuten SARS-CoV-2-Infektion deutlich mehr PD-1 bilden als nach einer Infektion mit vergleichsweise milden Symptomen.

Lösen der Immunbremse als möglicher Therapieansatz

Zusammen mit Beobachtungen anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weisen unsere Daten darauf hin, dass PD-1 mitverantwortlich dafür sein könnte, dass das Immunsystem bei einigen COVID-19-Betroffenen zu wenig Botenstoffe zur Erregerabwehr ausschüttet. betont Sattler. Möglicherweise könnten COVID-19-Patientinnen und -Patienten von Therapien profitieren, die darauf abzielen, eine solche ‚Immunbremse‘ wieder zu lösen“, schlussfolgert Sattler. Um das zu klären, seien aber noch zahlreiche Studien nötig.