COVID-19: Auch eine systemische Gefässentzündung

  • The Lancet

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften 

Warum Patienten mit COVID-19 nicht nur lebensgefährliche Komplikationen der Lunge erleiden, sondern auch anderer Organe, ist bisher unklar gewesen. Ein interdisziplinäres Team des Universitätsspitals Zürich zeigt nun, dass SARS-CoV-2 direkt Entzündungen in den Gefäßen auslöst und so zu Organversagen bis zum Tod führen kann. Über ihre Befunde berichten die Wissenschaftler um die Pathologin Prof. Zsuzsanna Varga und ihre Kollegen in einem Brief im Fachmagazin „The Lancet".

Nicht nur eine Lungenerkrankung

Die ersten COVID-19-Patienten mit schweren Krankheitsverläufen erlitten vor allem virale, schwierig zu behandelnde Lungenentzündungen als Komplikation. Für Coronaviren eine typische Erkrankung, da sie vor allem die Atemwege angreifen. Viele behandelnde Ärzte stellten jedoch fest, dass Patienten auch kardiovaskuläre Komplikationen und Multiorganversagen erlitten. 

Veränderungen und SARS-COV-2 in allen Gefäßen

Bei Untersuchungen der Gewebeproben von gestorbenen COVID-19-Patienten nach einer Autopsie ist Pathologen am Universitätsspital Zürich nun aufgefallen, dass die Patienten nicht nur an einer Entzündung der Lunge litten, sondern die Entzündung das gesamte Endothel verschiedenster Organe betraf. Zudem gelang es Zsuzsanna Varga mit dem Elektronenmikroskop, SARS-CoV-2 erstmals direkt im Endothel nachzuweisen, sowie den dort durch das Virus ausgelösten Zelltod .  

Angriff des Virus auf die körpereigene Verteidigung

Die Forscher schlossen daraus, dass das Virus nicht wie bisher vermutet über die Lunge, sondern über die im Endothel vorkommenden ACE2-Rezeptoren die körpereigene Verteidigung direkt angreift, sich darüber verteilt und zu einer generalisierten Entzündung im Endothel führt, die dessen Schutzfunktion zum Erliegen bringt. Das Virus löst also nicht nur eine Lungenentzündung aus, die dann ursächlich für weitere Komplikationen ist, sondern direkt eine systemische Endotheliitis, also eine Entzündung des gesamten Endothels von Herz-, Hirn-, Lungen- und Nieren- sowie Darmgefäßen. Mit fatalen Folgen: Es entstehen schwere Mikrozirkulationsstörungen, die das Herz schädigen, Lungenembolien und Gefäßverschlüsse im Hirn und im Darmtrakt auslösen, und zum Multiorganversagen bis zum Tod führen können. Das Endothel jüngerer Patienten kommt mit dem Angriff der Viren meistens gut zurecht. Anders Patienten, die an Bluthochdruck, Diabetes, Herzinsuffizienz oder koronaren Herzkrankheiten leiden. 

Risiko-Patienten brauchen antivirale Therapie und Gefäßschutz

Wir konnten mit unserer Untersuchung den Beweis für unsere Hypothese beibringen, dass COVID-19 nicht nur die Lunge, sondern die Gefäße aller Organe betreffen kann. COVID ist eine systemische Gefäßentzündung, wir sollten das Krankheitsbild von nun als COVID-Endotheliitis beschreiben“, fasst Professor Frank Ruschitzka, Direktor der Klinik für Kardiologie, die Erkenntnisse in einer Mitteilung zusammen.

Für den Kardiologen folgt daraus auch, dass die Therapie bei COVID-19-Patienten an zwei Stellen ansetzen muss: „Wir müssen die Vermehrung der Viren in deren vermehrungsreichster Phase hemmen und gleichzeitig das Gefäßsystem der Patienten schützen und stabilisieren. Dies betrifft vor allem unsere Patienten mit Herzkreislauferkrankungen und einer bekannt eingeschränkten Endothelfunktion, sowie den bekannten Risikofaktoren für einen schweren Verlauf von COVID-19.“