Corona-Studien: Weniger ist mehr und „husch, husch“ riskant

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Der Skandal

Wie in den vergangenen Tagen weltweit berichtet, haben die beiden renommierten Fachzeitschriften „The Lancet“ und das „New England Journal of Medicine“ zwei vielbeachtete und auch einflussreiche klinische Studien zur Infektion mit dem neuen Corona-Virus (SARS-CoV-2) zurückgezogen. In beiden Fällen wurden als Grund dafür erhebliche Zweifel an den Daten angegeben, die den Studienautoren von der US-Firma Surgisphere mit Sitz in Chicago geliefert worden waren. Die Webseite des Unternehmens  ist inzwischen übrigens nicht mehr vorhanden. 

Die „Corona-Studien“

Bei der einen  Studie , die nun zurückgezogen wurde, ging es um den Nutzen von Hydroxychloroquin oder Chloroquin (mit oder ohne Makrolid). Erschienen war diese Studie im Fachmagazin „The Lancet“ . Bei der anderen zurückgezogenen  Studie, die im „New England Journal of Medicine“  (NEJM) veröffentlicht wurde, untersuchten die Autoren das Mortalitätsrisiko von COVID-19-Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen, wobei auch der mögliche Einfluss von ACE-Hemmern und Sartanen auf den Verlauf der Infektionskrankheit analysiert wurde.

Autoren der „Lancet“- Studie waren Mandeep R. Mehra (Harvard Medical School, Boston), Frank Ruschitzka (Universitätsklinik Zürich) und Amit N. Patel (bis vor Kurzem Universität von Utah, jetzt Universität von Miami). Mehra und Patel waren auch Autoren der im „NEJM“ erschienen Studie; einer der anderen Autoren war Sapan S. Desai, Chef von Surgisphere. Weniger öffentlich bekannt ist, dass noch eine dritte aktuelle COVID-19-Studie von Mehra, Desai und Patel erhebliche Zweifel bei anderen Wissenschaftlern geweckt hat. Im Fall dieser Studie, die in Lateinamerika einige Relevanz für die COVID-19-Therapie bekommen haben soll, ging es um Ivermectin.

Fragen an Autoren, Fachmagazine und Gutachter

In all diesen Fällen stellt sich zum einen die Frage, wie es passieren konnte, dass die Studien-Autoren Daten von Surgisphere verwendeten. Oder was sie dazu bewogen hat. Die andere Frage lautet, warum den Fachmagazinen und ihren Gutachtern bei der Prüfung der Studien keine der vielen inzwischen bekannten inhaltlichen Ungereimtheiten auffielen und keine Zweifel an der Validität und auch der Seriosität der Datenbasis aufkamen. „Ins Rollen“ kam die Sache erst, nachdem das „Kind in den Brunnen gefallen war“, die Studien also veröffentlicht waren und mehr als 100 Wissenschaftler und Kliniker  auf Ungereimtheiten hingewiesen und die Seriosität der Daten der „Lancet“-Studie  und der „NEJM“-Studie in Offenen Briefen an die Chefredakteure Eric J. Rubin („NEJM“) und Richard Horten („The Lancet“) hinterfragt und um präzise Informationen dazu gebeten hatten. 

Ein gewisses Maß an Skepsis hätte es allerdings nicht erst nach, sondern bereits vor der Publikation der beiden Studien geben können, vielleicht sogar geben müssen. Denn allein schon Surgisphere, der Lieferant der Studien-Daten, hätte bei näherem „Hinsehen“ zumindest ein wenig zum Nachdenken und Nachfragen anregen können.

Surgisphere und Sapan Desai

Surgisphere wurde 2008 von Sapan Desai gegründet, der laut France Info damals als Postdoktorand an der Duke University in North Carolina arbeitete. Sein kleines Unternehmen vermarktete medizinische Lehrbücher - die übrigens immer noch bei Amazon erhältlich sind. Zwei Jahre später wurde Sapan Desai Herausgeber  des „Journal of Surgical Radiology“. 2012 zog der Gefäßchirurg nach Houston, wo er an der Universität von Texas arbeitet. In dieser Zeit startete er eine Crowdfunding-Kampagne für sein Projekt „Neurodynamic Flow“   eine Elektrodenkappe, die das Gehirn stimulieren sollte: „Neurodynamics Flow ermöglicht es, schneller zu lernen, besser zu performen und smarter zu denken“, versprach Desai. Es fanden sich drei Unterstützer, die etwas mehr als 300 US-Dollar investierten. Bis Februar dieses Jahres arbeitete Desai am Northwest Community Hospital in Arlington Heights (bei Chicago), kündigte dann aber, weil er sich mehr seinem Unternehmen Surgisphere widmen wollte, um das es in den Jahren zuvor still geworden war. Nun, ausgerechnet in der beginnenden COVID-19-Krise, wurde das Unternehmen wieder deutlich reger, wobei es sich seiner Webseite zufolge auf die Analyse von „Big Data“ mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz fokussierte. Seltsam war, dass zu diesem Zeitpunkt mit Ausnahme von Desai keiner der wenigen Mitarbeiter (11) eine entsprechende wissenschaftliche Expertise dazu vorweisen konnte. So waren zwei Vizepräsidenten Marketing-Experten, die Verfasserin von Pressemitteilungen des Unternehmens war Autorin von Fantasy-Romanen; Marketingleiterin war eine junge Dame aus Las Vegas , von der behauptet wird, dass sie identisch sei mit einer gleichnamigen Dame aus Las Vegas, die dort als Model arbeite und sich im Web teilweise mit einem Hauch von Nichts als einziger Bekleidung präsentiere.

Desai selbst war zuvor (2019) mit Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens konfrontiert worden, die von ihm natürlich als unbegründet bezeichnet wurden. Auch der Kardiochirurg Amit Patel habe bereits vor mehreren Jahren Anlass für Zweifel an seiner Seriösität geliefert, wie die britische Wissenschaftlerin Dr. Alexandra Nowbar vom National Heart and Lung Institute (Imperial College London), die als Studien-Autorin mit Arbeiten von Patel zu tun hatte, vor wenigen Tagen berichtete.

Bemerkenswert an Surgisphere war sicher auch die doch recht werbende Behauptung, eine medizinische Datenbank mit Daten von über 200 Millionen Menschen von weltweit rund 1200 Kliniken und medizinischen Einrichtungen aufgebaut zu haben. Den Fachzeitschriften und ihren Gutachtern wiederum hätte auffallen können oder müssen, in welcher Geschwindigkeit die Autoren ihre Publikationen fertig gestellt hatten. Im Fall der „Lancet“-Publikation schafften sie es, innerhalb von wenigen Wochen die Daten von rund 96000 teilnehmenden Patienten aus 671 Krankenhäusern auf sechs Kontinenten zu analysieren, die Publikation zu schreiben, einzureichen und erfolgreich durch den Begutachtungs-Prozess zu bringen. Das mag bei einer Publikation auf einem Preprint-Server noch realisierbar sein, aber bei einer renommierten Fachzeitschrift mit Peer Review ist das reichlich ungewöhnlich.

Warnung vor Schnellschüssen: „Better late than sorry”

Die Fachzeitschriften und ihre Gutachter müssen sich daher wohl zu Recht den Vorwurf gefallen lassen, nicht sorgfältig genug geprüft zu haben. Den Aussagen von Gerd Antes, Professor an der Medizinischen Universität Freiburg und bis 2018 Leiter des Deutschen Cochrane Zentrums, in einem Interview mit dem „Spiegel“  kann man nur zustimmen. Antes:  Gutachter müssten „den Mut haben, misstrauisch zu sein und Zweifeln konsequent nachzugehen. Und es kann schon mal mehrere Monate dauern, bis der Prozess abgeschlossen ist. Wenn, wie jetzt in der Pandemie, alles immer ganz schnell gehen muss, dann werden die normalen Sicherheitsmechanismen ausgeschaltet. Doch immer nur husch, husch, das geht schief, wie sich nun zeigt.“ Kritisch hat sich Dr. Serge Horbach vom Institute for Science in Society, Radboud University, Nijmegen gegenüber „Science Media Center Germany“  geäußert: „In diesem speziellen Fall hatten die Gutachter wohl alle notwendigen Informationen, um Ungereimtheiten zu erkennen, so wie es auch andere Kommentatoren nach der Veröffentlichung des Manuskripts taten. Insbesondere angesichts des hohen Status der Zeitschriften, in denen diese Ergebnisse erschienen sind, erwarten die Leser wahrscheinlich eine gründliche Qualitätskontrolle, zum Beispiel durch engagierte Statistikgutachter.“

Auch Prof. Dr. Jörg Meerpohl, Direktor des Instituts für Evidenz in der Medizin am Universitätsklinikum Freiburg und Direktor von Cochrane Deutschland übt deutliche Kritik: „Es ist in der Tat sehr ernüchternd, dass diese Unstimmigkeiten weder im Peer Review, noch im editoriellen Prozess der Journale aufgefallen sind. Gerade bei so hochrangigen Zeitschriften wie ‚The Lancet‘ und dem ‚NEJM‘ sollte so etwas nicht vorkommen. Hier müssen die entsprechenden Fachzeitschriften jetzt rigoros prüfen, wie es dazu gekommen ist, und entsprechende Maßnahmen einleiten, damit so etwas in Zukunft nicht mehr vorkommt. Besonders dramatisch finde ich, dass dies bei Studien passiert ist, von denen klar war, dass sie eine so große Bedeutung für das Management der Pandemie weltweit haben. Hier hätte ich 200-prozentige Sorgfalt erwartet."

Eine Blamage, aber kein Grund zur Häme

Für diese renommierten Zeitschriften ist dieser Skandal natürlich eine Blamage; aber andere Verlage und Zeitschriften-Verantwortliche wären gut beraten, auf Häme zu verzichten. Denn zum einen gibt es wohl kaum eine renommierte Zeitschrift mit Peer Review, die noch nie eine Studie  hat zurückziehen müssen. Wofür es natürlich ganz unterschiedliche Gründe gibt; fabrizierte Daten bzw. wissenschaftliches Fehlverhalten ist nur einer von mehreren Gründen. Einen tieferen Einblick bieten hierzu die Gründer und Betreiber der US-Webseite „Retraction Watch“  Adam Marcus und Ivan Oransky. Zum anderen habe sich schon mehrere, auch renommierte Journals dadurch blamiert, dass sie bewusst produzierte und unsinnige „Fake-News-Beiträge“ akzeptiert und publiziert haben, wie zum Beispiel die Wissenschaftler Helen Pluckrose, James A. Lindsay und Peter Boghossian gezeigt haben, indem sie etwas mehr als seltsame Beiträge fabriziert und zur Publikation bei Zeitschriften eingereicht haben - teilweise mit Erfolg (siehe ihre Webseite: Areo; Academic Grievance Studies and the Corruption of Scholarship ). In einer Studien etwa behauptet die - fiktive - Autorin, sie habe in einem Park in Portland die Genitalien von knapp 10.000 Hunden inspiziert und die Herr- und Frauchen dabei über deren sexuelle Orientierung und Präferenzen befragt. Das wiederum soll irgendetwas mit „queerer Perfomativität" zu tun haben, wie es im Spiegel" hieß. In dem Text mit dem Titel: Human reactions to rape culture and queer performativity at urban dog parks in Portland, Oregon  wird vorgeschlagen, Männer wie Hunde zu trainieren, damit sie nicht zu Vergewaltigern würden. Eine ähnlich unsinnige Studie hatten Lindsay und Boghossian vor einigen Jahren schon einmal versucht; in dem Beitrag mit dem Titel „The conceptual penis as a social construct“  ging es um die Schuld des Penis am Klimawandel . Blödsinn ist nunmal unsterblich.