„Corona“-Impfstoff: am wenigsten wirksam bei jenen, die ihn am meisten brauchen?

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Die Welt wartet angespannt auf einen Impfstoff gegen das neue Corona-Virus. Vor allem alte Menschen brauchen den Impfschutz, da sie besonders gefährdet für schwere und tödliche Krankheitsverläufe sind. Das zeigen unter anderen aktuelle Zahlen von etwa 10.000 COVID-19-Patienten von 920 deutschen Krankenhäusern („The Lancet Respiratory Medicine“). Insgesamt starb etwa ein Fünftel (22 Prozent) der stationär behandelten Patienten. Dabei lag die Sterberate der Männer mit 25 Prozent um sechs Prozentpunkte über der von Frauen (19 Prozent). Unabhängig vom Geschlecht war die Sterberate bei den älteren Patienten sehr hoch: In der Altersgruppe der 70- bis 79-Jährigen, betrug sie 27 Prozent, in der Gruppe der Menschen ab 80 Jahren 38 Prozent. 

Überproportional betroffen von der COVID-19-Pandemie seien alte Menschen, vor allem Menschen in Pflegeeinrichtungen, betont auch die WHO. In vielen Ländern gibt es laut der Genfer Organisation Hinweise darauf, dass mehr als 40% der COVID-19-Todesfälle in einem Zusammenhang mit Langzeitpflegeeinrichtungen gestanden hätten, in einigen wohlhabenden Ländern sogar 80 Prozent.

Auch das Immunsystem altert

Doch die alten Menschen, die den Impfstoff am dringendsten benötigen, sind möglicherweise die Menschen, bei denen ein Impfstoff nicht oder am wenigsten wirkt. Ein Grund dafür ist, dass nicht nur Organe wie Herz, Lunge oder Hirn altern; auch das Immunsystem und Immunzellen zeigen im Laufe des Lebens altersbedingte physiologische Schwächen. Wissenschaftler nennen dieses Phänomen Immunoseneszenz. So beginnt der Thymus, der der Ausreifung und Differenzierung der T-Lymphozyten sowie der Elimination unbrauchbarer T-Zellen dient, im höheren Alter zu schrumpfen. T-Zellen spielen jedoch eine zentrale Rolle bei der Bekämpfung vieler Virusinfektionen. Zu den wichtigsten T-Zell-Populationen zählen CD8+-T-Zellen (Killer-T-Zellen), die die infizierte Zellen direkt abtöten können, sowie CD4+-T-Zellen (T-Helferzellen), die unter anderem B-Zellen bei der Antikörper-Produktion unterstützen.

COVID-19-Patienten mit schweren Krankheitsverläufen, zu denen nicht ausschließlich, aber oft alte Menschen gehören, scheinen weniger T-Zellen zu haben („EBioMedicine“). Festgestellt hat dies etwa ein Forschungsteam der Medizinischen Hochschule Hannover. Bei ihren Untersuchungen erkannten die Wissenschaftler zudem, dass für den Verlauf der Erkrankung eine bestimmte Zusammensetzung der Lymphozyten eine wichtige Rolle spielt. „Uns war zwar bekannt, dass schwer an COVID-19 erkrankte Patienten generell weniger Lymphozyten im Blut haben“, sagt Dr. Christian Schultze-Florey, gemeinsam mit Professor Dr. Christian Könecke verantwortlicher Leiter der Studie. „Allerdings wussten wir nicht, welche speziellen Untergruppen und in welchen Ausmaß diese tatsächlich betroffen sind.“ Bei schweren Verläufen von COVID-19 – etwa Patienten, die beatmet werden müssen – zeigten sich alle Lymphozyten-Unterarten vermindert im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen. Dies war bei milden COVID-19 Verläufen deutlich weniger ausgeprägt. „Von wegweisender Bedeutung war zudem, dass die COVID-19-Patienten mit milder Erkrankung schon bei Aufnahme ins Krankenhaus mehr Effektor-T-Zellen aufwiesen als die Patienten mit einem schweren Verlauf“, erläutert Könecke. 

Inflammaging - noch eine Hürde

Die Immunoseneszenz ist zudem nicht die einzige Herausforderung für Forscher, die versuchen, COVID-19-Impfstoffe zu entwickeln. So kann sich das Immunsystem bei alten Menschen in einem entzündlichen Dauerzustand befinden, dauerstimuliert etwa durch Viren. Wissenschaftler bezeichnen dies als Inflammaging. Dieses biologische Phänomen könnte es einem Organismus erschweren, einen neuen Erreger wie SARS-CoV-2 zu erkennen - oder durch einen Impfstoff dagegen stimuliert zu werden. Zu den Viren, die dabei eine wichtige Rolle spielen sollen, gehört das Cytomegalie-Virus (CMV), dessen Seroprävalenz bei älteren Menschen sich 80% nähert. Von diesem Virus sei belegt, dass es die Immunalterung beschleunige; ältere Menschen mit klinisch stiller CMV-Infektion könnten daher besonders anfällig für schwere COVID-19-Erkrankungen sein, schreiben Dr. Seilesh Kadambari (Oxford Vaccine Group, University of Oxford) und seine Kollegen. 

Biologische Hürden sind überwindbar 

Wo Schatten ist, da ist aber zum Glück auch Licht. So könnte eine sinnvolle Gegenstrategie darin bestehen, die Entzündung zu verringern, etwa mit einem Steroid. Ein Ansatz könnte auch sein, die spezifische Antikörperreaktion nach einer Impfung pharmakologisch zu verstärken. Zudem gibt es Möglichkeiten, Impfstoffe so zu optimieren, dass auch ältere Menschen geschützt werden, etwa durch Verwendung von Adjuvanzien oder durch einen besonders hohen Antigen-Gehalt. Die biologischen Hürden auf dem Weg zu einem „Corona-Impfstoff“, der auch alte Menschen schützt, sind sehr wahrscheinlich nicht unüberwindbar, wie ja auch die erfolgreiche Entwicklung von Influenza-Impfstoffen zeigt. Ein womöglich größeres Problem als Immunoseneszenz und Inflammaging könnten die Skepsis und das Misstrauen sein, die manche Menschen Impfungen entgegenbringen. Das Misstrauen gegenüber einem Impfstoff gegen SARS-CoV-2 könnte die erwünschte Immunität in der Bevölkerung gefährden, heißt es etwa in einem aktuellen Beitrag in der „New York Times“.

Impfbereitschaft in Europa: beunruhigende Daten

Wenig positiv stimmen da die Ergebnisse einer Befragung zur COVID-19-Pandemie in mehreren europäischen Ländern. Während im April 2020 noch 70 Prozent der Menschen in Deutschland bereit waren, sich gegen das Corona-Virus impfen zu lassen, sank die Zahl im Juni auf 61 Prozent. Viele Menschen sorgten sich insbesondere um mögliche Nebenwirkungen, so die Autoren der repräsentativem Umfrage unter Leitung des Hamburg Center for Health Economics  der Universität Hamburg. Befragt wurden jeweils im April und Juni 2020 mehr als 7000 Menschen in Deutschland, Dänemark, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Portugal und dem Vereinigten Königreich.

Insgesamt sank die Impfbereitschaft gegen SARS-CoV-2- in den befragten Ländern von 74 Prozent im April auf 68 Prozent nur zwei Monate später. Bis auf Portugal verzeichnen alle Länder geringere Zahlen, die größten Abweichungen gibt es in Italien (minus 13 Prozent) und Deutschland (minus 9 Prozent). Deutschland weist zudem – neben Frankreich – die geringste Zustimmung zur Impfung unter den befragten europäischen Ländern auf. Gleichzeitig verdoppelte sich hierzulande die Zahl der Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen. In Deutschland sagt dies inzwischen jeder Fünfte. 

Ob bei diesem sich möglichen Problem eine Impfpflicht die Lösung sein könnte, über deren Notwendigkeit schon vor Monaten schwadroniert wurde, ist zumindest fraglich. Wahrscheinlicher ist, dass eine solche Impfpflicht vor allem Wasser auf die Mühlen von Populisten und Spinnern wäre, die hinter Impfungen und erst recht hinter Pflichten das reine Böse wittern.