Computerspielsucht: Gründe für die Anerkennung als eigenständige Krankheit


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft

Eine internationale Gruppe von über 50 Experten für Suchtkrankheiten begründet, warum exzessives Spielen, etwa von Computerspielen, offiziell als eigenständige Krankheit gelten soll.

Hintergrund

Die WHO hat „Gaming Disorder" (Spielsucht, insbesondere Computerspielsucht) in die Überarbeitung der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) aufgenommen. In den vergangenen Monaten wurde vielfach darüber berichtet, dass diese Entscheidung ungerechtfertigt sei. Zu den Argumenten einer relativ kleinen Gruppe von Forschern gehörte, dass der Stand der Wissenschaft noch zu viele Lücken aufweise. Weiterhin bestehe die Gefahr, dass man unproblematische Computerspieler damit stigmatisiere. Exzessives Spielen sei keine eigenständige Erkrankung, sondern vielmehr eine Form der Bewältigung von anderen psychischen Problemen oder Störungen. Auch behauptete die Gruppe, dass die neue Diagnose eine Reaktion auf die moralisch gefärbte Panik sei, die dem Computerspielen entgegengebracht werde. Sucht-Experten aus nahezu allen Regionen der Welt, darunter auch WHO-Wissenschaftler, legen in einer aktuellen Stellungnahme die Gründe für die Aufnahme „Gaming Disorder“ in die Internationalen Klassifikation der Krankheiten dar.

Hauptargumente 

In der nun veröffentlichten Stellungnahme weisen die Wissenschaftler auf die klinische Bedeutung dieser Störung hin. Betroffene hätten unter einer deutlichen und zum Teil sehr schwerwiegenden Beeinträchtigung ihres Lebens zu leiden. In vielen Ländern zeigten die Zahlen einen deutlichen Anstieg der Hilfesuchenden. Die Aufnahme diese Störungen in die ICD-11 sei eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass wirksame Behandlungsmethoden entwickelt, geprüft und finanziert würden, heißt es in der Veröffentlichung. Lücken in der Forschung dürften kein Grund dafür sein, eine Störung nicht als Krankheit anzuerkennen.

Die Sucht-Experten weisen zudem darauf hin, dass viele der kritischen Autoren Wissenschaftler seien, die sich nicht mit Fragen der Behandlung oder Vorbeugung psychischer Erkrankungen beschäftigten. Viele seien Medienpsychologen, Kommunikationswissenschaftler, Computerspieldesigner, experimentelle Psychologen oder Erziehungswissenschaftler. Damit seien sie im Grunde fachfremd im Hinblick auf klinische Notwendigkeiten oder Fragen der öffentlichen Gesundheit.

Dies zeige sich auch in ihren Argumenten, die an der klinischen Wirklichkeit vorbei gingen, klagen die Autoren der aktuellen Stellungnahme. Ein Beispiel sei die Annahme, das Computerspielen sei lediglich Ausdruck einer anderen Störung wie einer Depression oder einer Angststörung. Dabei werde jedoch übersehen, dass auch bei Alkohol- oder Drogenabhängigkeit häufig eine andere psychische Erkrankung vorliegt und diese auch Auslöser der Sucht sein kann. Dennoch werde nicht behauptet, Alkohol- und Drogenabhängigkeit seien keine eigenständigen und behandlungsbedürftigen Erkrankungen.

Die auch vorgebrachte Befürchtung, unproblematische Spieler könnten stigmatisiert werden, sei unbewiesen und irreführend, heißt es außerdem. Das würde bedeuten, dass man im Gegenzug dann auch die Diagnose Alkohol-Abhängigkeit abschaffen müsse, weil unproblematische Alkohol-Konsumenten dadurch stigmatisiert werden könnten.

Klinische Bedeutung

Entsprechende Einschätzungen halten die Sucht-Experten für potentiell gefährlich. So könnten sich Krankenkassen oder andere Kostenträger auf deren vermeintlich wissenschaftliche Argumente berufen und die Kostenübernahme von Therapien verweigern. Auch die Computerspiele-Industrie könnte diese Argumente aufgreifen und für ihre Zwecke nutzen. „In der Tat geschieht dies bereits. Es existiert eine gemeinschaftliche Stellungnahme zahlreicher Vereinigungen der Spieleindustrie, die das Ziel hat die Aufnahme der Computerspielsucht in ICD-11 zu verhindern“, sagt der Psychiater Privatdozent Dr. Hans-Jürgen Rumpf von der Universität zu Lübeck. Rumpf ist Erstautor der Stellungnahme und gehört seit 2014 zu den Experten, die die WHO zu Verhaltenssüchten und deren Aufnahme in ICD-11 beraten.

Finanzierung: Die Autoren erhielten nach eigenen Angaben für ihre Arbeit an der Stellungnahme keine finanzielle Unterstützung