Cochrane-Review: „Anonyme Alkoholiker“ teilweise besser als andere Therapien

  • Cochrane Systematic Reviews

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Die Teilnahme am Selbsthilfeprogramm der Anonymen Alkoholiker ist eine gute Hilfe für die Sucht-Kranken. Eine wichtige Rolle spielen damit zusammenhängende Zwölf-Schritte-Förderprogramme. Dies zeigt ein aktueller Cochrane Review von 27 Studien zum Vergleich des Selbsthilfeprogramms der Anonymen Alkoholiker (AA) und sogenannter Zwölf-Schritte-Förderprogramme mit anderen Behandlungsmethoden, etwa der kognitiven Verhaltenstherapie.

Hintergrund

Alkohol-Abhängigkeit ist ein weltweit stark verbreitetes Problem, das für erhebliches Leid der Betroffenen und ihrer Familien, aber auch für enorme gesellschaftliche Folgekosten verantwortlich ist. Das in zwölf Schritte gegliederte Selbsthilfekonzept der „Anonymen Alkoholiker" (oder kurz AA) ist ein seit Jahrzehnten verbreiteter Ansatz zur Behandlung der Alkohol-Abhängigen. Es wird aber darüber diskutiert, wie wirksam AA und damit zusammenhängende Zwölf-Schritte-Förderprogramme (Twelve-Steps Facilitation oder TSF), die die Teilnahme an AA erhöhen sollen, wirklich sind. 

AA sind von anderen Betroffenen geführte Gruppen zur gegenseitigen Hilfe. Zwölf-Schritte-Förderprogramme dagegen übernehmen einige der Prinzipien und Techniken von AA, werden aber von Klinikpersonal angeleitet. Sie zielen vor allem darauf ab, Betroffene während des körperlichen Entzugs und dauerhaft danach zur Teilnahme an AA-Sitzungen zu ermutigen. Einige dieser Programme folgen einem Handbuch, das dazu beitragen soll, dass die Behandlung unabhängig von Zeit und Ort vergleichbar verläuft.

Design

Der vorliegende Cochrane-Review befasst sich mit der Wirkung von AA und TSF-Programmen auf die langfristige Abstinenz, auf die Verringerung des Alkoholkonsums und auf die negativen Folgen von Alkoholmissbrauch, etwa auf die körperliche Gesundheit oder auf familiäre und berufliche Probleme. Die Autoren des Berichts untersuchten zudem, ob AA und TSF-Programme die Kosten der Gesundheitsversorgung im Vergleich zu anderen Therapien senken.

Der vorhergehende, 2006 veröffentlichte Cochrane-Review basierte auf nur acht damals verfügbaren Studien mit insgesamt knapp 3500 Teilnehmern. Die Quantität und Qualität der Forschung hat sich seither deutlich erhöht. In diesem aktualisierten Cochrane-Review sind nun 27 Studien mit mehr als 10.000 Teilnehmern (Alter 34 bis 51 Jahre) enthalten. Die in diesem Update enthaltenen randomisierten und nicht-randomisierten Studien untersuchten mehrere Programme, die sich in ihrem Ansatz und ihrer Intensität unterschieden. Diese wurden mit anderen Behandlungsansätzen gegen Alkoholmissbrauch wie einer Kognitiven Verhaltenstherapie (CBT) verglichen.

Hauptergebnisse

  • Die Autoren fanden Evidenz von hoher Vertrauenswürdigkeit (nach GRADE-Schema) dafür, dass klinische, mit Hilfe eines Handbuchs durchgeführte Zwölf-Schritte-Förderprogramme im Vergleich zu anderen aktiven Behandlungsansätzen zu höheren Raten kontinuierlicher Abstinenz über Monate und Jahre hinweg führen können. 
  • So waren nach einem Jahr noch 42 Prozent der Teilnehmer an AA vollständig abstinent; bei den anderen Behandlungen einschließlich kognitiver Verhaltenstherapie betrug diese Rate 35 Prozent. Berechnungen ergaben ein Risiko-Verhältnis (RR) von 1,21 (95% CI 1,03 - 1,42; zwei Studien, 1936 Teilnehmer; Evidenz sehr vertrauenswürdig). Dieser Effekt wurde vor allem dadurch erreicht, dass TSF-Programme die Teilnahme an AA dauerhaft (also auch über das Ende des Förderprogramms hinaus) fördern.
  • Bezogen auf die Verringerung des Alkoholkonsum, der negativen alkoholbedingten Folgen und des Schweregrades der Abhängigkeit schnitten Programme auf Basis der Anonymen Alkoholiker ähnlich gut ab wie die anderen Behandlungsansätze (geringe bis moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE).

Klinische Bedeutung

Co-Autor Dr. John Kelly, Professor für Psychiatrie an der Harvard Medical School und Direktor des Massachusetts General Hospital Recovery Research Institute, kommentiert die Ergebnisse des Reviews einer Mitteilung zufolge so: „Alkohol-Abhängigkeit ist für den Einzelnen und seine Familie beängstigend und stellt weltweit ein bedeutendes und kostspieliges Problem für die öffentliche Gesundheit dar. Die Anonymen Alkoholiker sind eine bekannte, kostenlose Gemeinschaft zur gegenseitigen Hilfe, die unseren Ergebnissen zufolge Betroffene wirklich bei der Genesung und der Verbesserung ihrer Lebensqualität unterstützt.“ Eine weitere wichtige Erkenntnis sei, dass es durchaus einen Unterschied mache, welche Art von Zwölf-Schritte-Förderprogrammen die Menschen erhielten: Besser organisierte und gut formulierte klinische Behandlungen hätten das beste Ergebnis. Es sei daher wichtig, dass klinische Programme und Ärzte auf eines der bewährten handbuchgestützten Programme zurückgriffen, um den Nutzen der Teilnahme an AA für ihre Patienten zu maximieren. 

Außerdem, so Kelly, dürfte es „im Hinblick auf die Gesundheitskosten die politischen Entscheidungsträger interessieren, dass vier der fünf von uns identifizierten relevanten Studien erhebliche Kosteneinsparungen für AA und damit verbundene klinische TSF-Programme zur Erhöhung der Teilnahme von AA zeigten. Das deutet darauf hin, dass diese Programme die Kosten für Gesundheitssysteme erheblich senken könnten.“

Finanzierung: Cochrane Collaboration Group