Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Angststörungen bei jedem dritten Patienten

  • Lancet Gastroenterol Hepatol

  • von Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Fast jeder dritte Patient mit chronisch-entzündlicher Darmerkrankung (CED) hat Symptome einer Angststörung und 25 % der CED-Patienten haben Depressionen. Die in einer großen Metaanalyse gefundene Prävalenz psychischer Störungen ist höher als erwartet. Sie sollte zur praktischen Folge haben, dass Patienten mit CED grundsätzlich auf psychische Störungen hin gescreent werden und bei entsprechendem Befund Therapieangebote erhalten.

Hintergrund
CED bestehen meist lebenslang, betreffen häufig auch jüngere Menschen. Eine reduzierte Lebensqualität und verminderte soziale Funktionalität können indirekte Folgen sein. Über die Darm-Hirn-Achse werden aber auch direkte biologische Zusammenhänge zwischen CED und Befindlichkeit der Patienten vermutet. Ziel einer umfangreichen Metaanalyse war es, dieses Problem zu quantifizieren (1).

Design

  • systematischer Review wissenschaftlicher Publikationen mit Metaanalyse
  • Auswahl von Studien mit jeweils mindestens 100 CED-Patienten, bei denen Symptome von Depression und Angst mit validierten Methoden erhoben worden waren (Publikationen bis September 2020)

Hauptergebnisse

  • 77 international publizierte Studien mit insgesamt 30.118 Patienten erfüllten die Auswahlkriterien.
  • Die gepoolte Prävalenz für Angstsymptome betrug 32,1 % (95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI]: [28,3–36,0]) und für Depressivität 25·2% ([22,0–28,5]).
  • Patienten mit Morbus Crohn hatten in Studien, die auch Colitis ulcerosa erfassten, ein um 20 % erhöhtes Risiko für Angst oder Depressionen (Odds Ratio [OR] bei beiden psychischen Störungen jeweils 1,2).
  • Frauen mit CED waren häufiger von Symptomen der Angst betroffen als Männer (33,8 % vs. 22,8; %; OR: 1,7).
  • Auch Symptome der Depressivität waren bei weiblichen Patienten häufiger (21,2 % vs. 16,2 %).
  • Bei aktiver Erkrankung wurde deutlich häufiger eine psychische Symptomatik diagnostiziert als bei inaktiver Erkrankung (Angst: 57,6 % vs. 38,1 % [aktiv vs. inaktiv]; Depression: 38,9 % vs. 24,2 %)

Klinische Bedeutung
Jeder dritte bis vierte Patient mit CED ist von Angst- und/oder Depressivitätssymptomen betroffen. Dies ist nach Angaben der Studienautoren weit mehr, als bislang durch Daten gesichert. Zwar würden, so die Autoren, in den meisten internationalen Leitlinien diese Zusammenhänge thematisiert und Kooperationen mit Psychotherapeuten und Psychosomatikern empfohlen (Deutschland: [2]). Ein generelles Screening auf psychische Störungen aber werde im Allgemeinen nicht empfohlen, so das internationale Forscherteam. Dies sei jedoch vor dem Hintergrund der weiten Verbreitung von Angst und Depression in dieser Patientenpopulation  sinnvoll, um die Lebensqualität zu verbessern und psychosomatisch bedingten Krankheitsaktivitäten oder -komplikationen unter CED-Therapie vorzubeugen. Auch für Allgemeinmediziner mit psychosomatischer Grundversorgung könne dies praktisch relevant sein.

Finanzierung: keine Angaben