Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Die Spur führt zu den Blutgefäßen


  • Dr. Stefanie Reinberger
  • Medizinische Nachrichten
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Kernaussagen

  • Blutgefäße spielen eine entscheidende Rolle im Krankheitsmechanismus chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen.
  • Fehlgesteuerte Zell-Zell-Interaktionen im Endothel von Blutgefäßen machen diese durchlässig.
  • Die Fehlsteuerung wird unter anderem durch Interferon-Gamma (IFN-γ) verursacht.
  • Die Reaktion der Endothels auf IFN-γ und in der Folge die Durchlässigkeit der Blutgefäße sowie das Fortschreiten der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung ließ sich im Tierexperiment durch Imatinib hemmen.

Hintergrund

Rund 400.000 Menschen leiden in Deutschland an chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Und die Inzidenz nimmt noch zu. Über die zugrundeliegenden Mechanismen, ist bislang wenig bekannt. Die bisherige Forschung konzentrierte sich vorwiegend auf die Epithelzellen, die eine Barriere vom Darm zum umgebenden Gewebe aufbauen, sowie Entzündungszellen. Die Rolle der Blutgefäße, über die Entzündungszellen überhaupt erst an den Ort des Geschehens gelangen können, wurde bislang wenig untersucht. Doch genau hier liegt möglicherweise ein wichtiger Schlüssel zum Mechanismus der Krankheitsentstehung sowie für neue Therapieansätze.

Durchlässige Blutgefäße

Untersuchungen von Wissenschaftlern der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, haben jetzt gezeigt, dass die Blutgefäße bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen besonders durchlässig sind. Ursache dafür ist eine fehlgesteuerte Zell-Zell-Interaktion bei den Endothelzellen der Blutgefäße. Die erhöhte Durchlässigkeit zeigte sich sowohl im Experiment mit Mäusen als auch bei menschlichen Patienten. Die Fehlsteuerung wird unter anderem durch IFN-γ verursacht. Die IFN-γ-Konzentration ist im chronisch-entzündeten Darmgewebe erhöht.

Neuer Ansatzpunkt für die Therapie

Wie bedeutsam die Rolle der durchlässigen Blutgefäße für das Krankheitsgeschehen ist, zeigte sich, als die Wissenschaftler bei ihren Versuchstieren die Fähigkeit der Endothelzellen, auf IFN-γ zu reagieren, blockierten. Dies gelang sowohl auf genetischem Wege als auch durch die Gabe von Imatinib. Der Wirkstoff, der bislang vorwiegend in der Krebstherapie eingesetzt wird, war in der Lage, im Tierexperiment den Krankheitsverlauf der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung deutlich zu unterdrücken.

Mit ihren Ergebnissen decken die Wissenschaftler erstmals die große Bedeutung durchlässiger Blutgefäße für das Entstehen chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen auf. Gleichzeitig eröffnet diese Erkenntnis neue Ansatzpunkte für die Therapie. „Wir hoffen natürlich sehr, dass unsere Ergebnisse langfristig den Patientinnen und Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen nützen", sagt Studienleiter Michael Stürzl. "Dies wird nicht zuletzt dadurch unterstützt, dass das Medikament, das im Tiermodell erfolgreich war, auch schon für klinische Anwendungen zugelassen ist.“