Chirurgen leiden besonders unter Zeitdruck und wenig Handlungsspielraum


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Chirurgen in Deutschland sind offenbar besonders gefährdet, ein Burn-out-Syndrom zu erleiden. Dies gilt vor allem für Assistenz- und Fachärzte in großen Kliniken. Da dies auch die Versorgung der Patienten beeinträchtigen kann, wird eine konzertierte Gegenmaßnahme aller Akteure des Gesundheitswesens als notwendig erachtet.

Hintergrund

Psychische Belastungen am Arbeitsplatz sind mit erheblichen Folgen für Beschäftigte und deren Gesundheit verbunden. Arbeitsmedizinische und psychologische Studien im Gesundheitswesen finden immer wieder stark erhöhte Burn-out-Werte bei Ärzten und Pflegekräften. Bislang seien spezifische Risikofaktoren von Chirurgen aber selten untersucht worden, berichtet die Autoren der vorliegenden Untersuchung. In ihr werden die wichtigsten Stressfaktoren und die Ressource Handlungsspielraum am Arbeitsplatz von Chirurgen in Deutschland sowie deren psychisches Befinden untersucht und mit Werten einer großen Referenz-Population verglichen.

Design

Alle 17.566 Mitglieder des Berufsverbandes der Deutscher Chirurgen wurden im Juli 2017 angeschrieben. 643 haben den Fragebogen mindestens zu 80 % vollständig beantwortet. Bei knapp 35 Prozent von ihnen handelte es sich um Ärztinnen. Das Durchschnittsalter lag zwischen 50 und 55 Jahren mit einer durchschnittlichen Berufserfahrung zwischen 20 und 25 Jahren. Die Stichprobe umfasst 64 Assistenzärzte, 103 Fachärzte, 304 Ober- und Leitende Oberärzte, 84 Chefärzte und 81 niedergelassene Ärzte, 7 Personen gaben Sonstiges oder nichts an. Viszeral- (36,7 %) und Unfallchirurgie (24,5 %) waren am häufigsten vertreten. 

Hauptergebnisse

  • Für Chirurgen ist Zeitdruck generell ein hoch ausgeprägter Stressor. 
  • Gravierend sind die Unterschiede in Bezug auf die berufliche Position. So haben der Umfrage zufolge besonders Assistenz- und Fachärzte ungünstige Belastungskombinationen mit hoher Unsicherheit bei der Zielerreichung und fehlenden Handlungsspielräumen, gepaart mit sehr hohen Erschöpfungswerten und niedriger Arbeitszufriedenheit. 
  • Oberärzte und Chefärzte schneiden beim Parameter Arbeitszufriedenheit dagegen deutlich überdurchschnittlich ab. 
  • Chirurgen aus Einzel- sowie Gemeinschaftspraxen sowie auch Medizinischen Versorgungszentren sind weniger Stressoren ausgesetzt und verfügen über mehr Ressourcen.
  • Zwischen den einzelnen Fachdisziplinen wurden nur marginale Unterschiede festgestellt.

Klinische Bedeutung

Die vorliegende Studie bestätigt nach Angaben der Autoren den Befund, dass die Arbeitsbedingungen auch in Deutschland für Chirurgen mit ei- nem hohen Stresspotenzial und einer hohen Burn-out-Rate verbunden sind. So hätten erst kürzlich in einer Umfrage unter Chirurgen nur 30 % der Befragten der Aussage „An diesem Arbeitsplatz bleibt man psychisch gesund“ zugestimmt. Dies lässt nach Angaben der Autoren erahnen, welches Ausmaß das Problem in operativen Fächern mittlerweile erreicht habe. Dieser Befund sei jedoch bislang „ohne jede Resonanz bei den unterschiedlichen Akteuren im Gesund- heitswesen geblieben“. Dabei sei schon seit lange bekannt, dass das Wohl- befinden von Ärzten von entscheiden- der Bedeutung für die Leistung eines Gesundheitssystems sei.

Da in dieser Arbeit nur die Ressource Handlungsspielraum untersucht wurde, sollten in künftigen Studien zu diesem Thema auch weitere Parameter wie beispielsweise die soziale Unterstützung, das Teamklima oder die Führungsqualität, berücksichtigt werden, empfehlen die Autoren. Und um einen hohen Qualitätsstandard zu erhalten, sei es dringend geboten, „konzertiert mit allen Akteuren des Gesundheitssystems über die Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern nachzudenken und zu handeln“. 

Finanzierung: keine Angaben