CHIP: noch ein wichtiger Risikofaktor für Herz- und Hirninfarkte?

  • Herzinfarkt, Schlaganfall, Entzündung, Atherosklerose, CHIP, Cholesterin, Bluthochdruck

  • aus Thomas Kron
  • Im Diskurs
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Fast schon enthusiastisch hat kürzlich die „New York Times “ berichtet, dass es einen kardiovaskulären Risikofaktor gebe, der noch reichlich unbekannt sei, aber zunehmend als ebenso gefährlich wie Bluthochdruck und Cholesterin eingeschätzt werde. Gemeint ist die „clonal hematopoiesis of indeterminate potential“, kurz CHIP. Dabei handelt es sich um im Knochenmark akkumulierende hämatopoetische Stammzellen mit somatischen Mutationen (meist der Gene DNMT3A, TET2, ASXL1 und JAK2 ), die zu einem Funktionsverlust der betroffenen Gene bzw. Proteine führen.

Häufiger Tumoren und kardiovaskuläre Komplikationen

Die Häufigkeit von CHIP steigt mit dem Alter. Bei unter 40-jährigen Menschen ist CHIP sehr selten, bei über 70 Jahre alten Menschen hingegen kann die Prävalenz mehr als zehn Prozent betragen. Patienten, die davon betroffen sind, entwickeln zum einen überdurchschnittlich häufig hämatologische Tumorerkrankungen (Faktor 10). Zum anderen hätten sie ein deutlich erhöhtes kardiovaskuläres Mortalitätsrisiko, schreibt Gina Kolata, Wissenschaftsjournalistin der „New York Times, mit Verweis auf eine Ende 2014 publizierte Studie von Dr. Siddhartha Jaiswal  und seinen Kollegen. Um rund 40 bis 50 Prozent erhöht sei das Risiko, innerhalb einer Dekade an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben. Eine aktuelle Auswertung von mehreren Studien durch die selben Wissenschaftler bestätigte dann dieses Resultat. Danach haben unter 50-jährige CHIP-Patienten ein vierfach erhöhtes Risiko für einen Myokardinfarkt, mindestens 60-Jährige ein zweifach erhöhtes KHK-Risiko. 

CHIP sei die wichtigeste Entdeckung in der Kardiologie seit den Statinen, wird Professor Peter Libby, Harvard-Kardiologe und einer der beteiligten Studien-Autoren, in der „New York Times“ zitiert. Die Daten stützen nach Angaben der Autoren die Hypothese, dass somatische Mutationen in hämatopoetischen Zellen zur Entwicklung der Atherosklerose bei Menschen beitragen. Und: CHIP sei ein möglicherweise modifizierbarer kardiovaskulärer Risikofaktor, modifizierbar etwa durch Lipidsenker oder antiinflammatorische Wirkstoffe. 

Der mögliche Pathomechanismus

Wie lässt sich das erhöhte kardiovaskuläre Risiko erklären? Aus den Stammzellen mit den Mutationen entwickeln sich weiße Blutzellen, deren Erbsubstanz ebenfalls diese Mutationen enthält. In arteriellen Plaques fördern diese weißen Blutzellen womöglich Entzündungsprozesse - mit der Folge, dass diese Plaques größer werden oder eher zum Platzen neigen. In Untersuchungen mit Mäusen haben Professor Benjamin Ebert (Harvard University, Dana-Farber Cancer Institute) und Professor Kenneth Walsh (Boston University) diese Hypothese auch belegen können. Es könne sein, dass CHIP auch an der Genese von anderen entzündlichen Erkrankungen beteiligt sei, so Ebert.

Konsequenzen für den klinischen Alltag?

Kann etwas gegen CHIP getan werden? Ein Test auf CHIP wird von den Autoren derzeit nicht empfohlen. Wer aber unbedingt wissen will, ob er diesen Risikofaktor hat oder nicht, kann einen Bluttest machen lassen, der laut „New York Times“ allerdings sehr teuer sein soll (ein paar tausend US-Dollar. Betroffenen Patienten kann jedoch derzeit nur das geraten werden, was generell empfohlen wird: gesunde Ernährung, Bewegung, Nikotin-Verzicht und zumindest wenig Alkohol. 

Gleichwohl könnte CHIP in der Herzgefäß-Medizin an Bedeutung gewinnen.  Gene, die bei CHIP Mutationen enthalten, scheinen in intaktem Zustand an antiinflammatorischen Mechanismen beteiligt zu sein. Mehrere Studien sprechen dafür, dass das JAK2 entzündliche und auch thrombotische Vorgänge steuert. Infolge der Mutationen kann es daher zum Beispiel zu schädlichen Entzündungsreaktionen kommen.

Entzündliche Prozesse sind an der Genese der Atherosklerose beteiligt und somit auch an kardiovaskulären Komplikationen. Erst vor wenigen Monaten wurden Daten einer Studie veröffentlicht, die dieses schon länger bestehende Entzündungskonzept der Genese kardiovaskulärer Krankheiten stützt. Bei dieser Studie handelte es sich um die Phase-3-Studie CANTOS zur Sekundär-Prävention nach Herzinfarkt mit Canakinumab, einem Antikörper gegen Interleukin-1β. Hauptergebnis der von Novartis finanzierten Studie: Der Antikörper kann offenbar durch seine antiinflammatorische Wirkung nach einem Herzinfarkt weiteren kardiovaskulären Komplikationen vorbeugen. Eine Subanalyse bestärkte dann noch diese Ergebnisse. Sie ergab, dass Patienten mit akutem Koronarsyndrom (AKS), deren Wert für das hochsensitive CRP (hsCRP) nach einmaliger Therapie mit Canakinumab stark fiel, klinisch besser abschnitten als AKS-Patienten ohne starke Reduktion des hsCRP-Wertes. So ging laut Professor Paul Ridker (Brigham & Women’s Hospital in Boston) eine Reduktion des hsCRP-Wertes auf unter zwei mg/l mit einer signifikanten Reduktion bei schweren kardiovaskulären Ereignissen einher (relative Reduktion 25 Prozent). 

CHIP-Forschung noch in den Kinderschuhen

Zu CHIP seien allerdings noch viele Fragen unbeantwortet, so Dr. John F. Keaney (University of Massachusetts Medical School, Worcester) in einem begleitenden Kommentar zu der Publikation von Jaiswal im „New England Journal of Medicine“. Unklar sei zum Beispiel, ob es Wechselwirkung zwischen CHIP und herkömmlichen Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Hypercholesterinämie gebe. Auch Siddhartha Jaiswail, Erstautor der CHIP-Studien, warnt vor voreiligen Schlussfolgerungen. Die Berichterstattung der US-Tageszeitung sei zwar zu begrüßen, aber etwas zu enthusiastisch. Denn die CHIP-Forschung stecke noch in den Kinderschuhen, twittert der US-Forscher. Es sei auch noch zu früh, um bereits einen Kausalzusammenhang zwischen den Mutationen und Herzgefäß-Krankheiten herzustellen. Außerdem sei zu beachten, dass bei bestehenden konventionellen Risiken der zusätzliche Einfluss von CHIP auf das kardiovaskuläre Gesamtrisiko relativ gering sei, so Siddhartha Jaiswail, der übrigens ebenso wie einige andere Autoren der Studien potenzielle Interessenkonflikte offengelegt hat. Benjamin Ebert etwa, Senior-Autor der Studie, ist zusammen mit weiteren beteiligten Wissenschaftlern Mitinhaber eines Patents im Zusammenhang mit CHIP . Das Vorhandensein potenzieller Interessenkonflikte muss selbstverständlich nicht automatisch der wissenschaftlichen Seriösität der Autoren entgegenstehen, wie Siddhartha Jaiswail etwa mit seinen Twitter-Kommentaren zeigt.