Burnout bei Ärzten: Chirurgen-Präsident will weniger Bürokratie und mehr Klinik-Kitas


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften 

Immer mehr Krankenhausärzte resignieren laut der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) vor überbordender Bürokratie, ökonomischem Druck und zunehmender Arbeitsverdichtung. Der Präsident der DGCH, Professor Matthias Anthuber, fordert daher ein Umsteuern und appelliert an die gesundheitspolitisch Verantwortlichen, die Verwaltungstätigkeiten der Ärzte zu reduzieren. Zugleich müssten mehr Klinik-Kitas mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung eingerichtet werden, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern.

Untersuchungen zeigen: Fast zwei Drittel der deutschen Klinikärzte erleben negativen Stress im Übermaß („Disstress“), ein Viertel hegt den Wunsch, aus der klinischen Tätigkeit auszusteigen. Dass die Burnout-Raten bei den Medizinern zunehmen, ist unter Experten unstrittig. „Alle Studien, ob national oder international, belegen einen Anstieg“, berichtet Dr. Hans-Peter Unger, Chefarzt des Zentrums für seelische Gesundheit am Asklepios Klinikum Harburg. Die Gefahr für ein Burnout sei, wie berichtet, für Chirurgen in Deutschland groß, so ein Autorenteam um die Psychologen Marcel Kern und Professor Dieter Zapf von der Universität in Frankfurt am Main.

Ärzte zunehmend in „Sandwichposition“

Als Auslöser der Gesundheitsgefährdung genannt werden, wie die Fachgesellschaft erneut betont, ein Übermaß an Bürokratie, Arbeitsverdichtung, Multitasking, häufige Unterbrechungen sowie fachfremde ökonomische und politische Zwänge. So ergab 2017 eine Umfrage des Marburger Bundes unter seinen Mitgliedern, dass knapp die Hälfte der befragten angestellten Ärztinnen und Ärzte (46 %) die eigenen Arbeitsbedingungen als „mittelmäßig“ einstufte, 19 Prozent als „schlecht“ und 5 Prozent sogar als „sehr schlecht“. 26 Prozent beurteilten sie als „gut“ und nur 4 Prozent als „sehr gut“. Jeder fünfte Befragte (19 %) gab an, sich mit dem Gedanken zu tragen, die ärztliche Tätigkeit ganz aufzugeben.

Zu beachten ist auch, dass der sogenannte „Halbgott in Weiß“ zunehmend Vergangenheit ist. Patienten seien heute informierter und kritischer geworden,  sagt der Psychiater und Psychotherapeut Unger. „Insgesamt befinden sich Klinikärzte immer stärker in einer Sandwichposition zwischen Ökonomie und Patientenwohl. Das führt zu Dauerstress, zu Frustration und Erschöpfung, und trifft ältere wie jüngere Ärzte gleichermaßen.“ 

Mangel an Chirurgen befürchtet

Bei den Jüngeren, die auf dem Arbeitsmarkt stark gefragt sind und noch vor einer endgültigen Weichenstellung stehen, kann das radikale Konsequenzen haben – und ein Abdriften aus der Kliniktätigkeit bewirken. Wie eine aktuelle Umfrage im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in Zusammenarbeit mit dem medizinischen Fakultätentag und der Bundesvereinigung der Medizinstudenten unter knapp 14.000 Medizinstudenten ergab, streben 70 Prozent eine Tätigkeit in der ambulanten Medizin an, vor allem in angestellter Position in einer Gemeinschaftspraxis oder einem Medizinischen Versorgungszentrum. „Das ist ein verheerendes Signal für die kurative Medizin im Krankenhaus oder auch in der Praxis“, betont Matthias Anthuber in einer Mitteilung der DGCH. 

Vereinbarkeit von Beruf und Familie besonders wichtig

„Gesundheitsminister Spahn würde dem Medizinstandort Deutschland einen großen Dienst erweisen, wenn er sich dafür einsetzte, die überbordende bürokratische Tätigkeit, die Klinikärzten inzwischen zugemutet wird, zurückzuführen“, sagt Anthuber. Zudem müssten Kliniken sich mehr in der Kinderbetreuung engagieren. „Wir brauchen Klinik-Kitas mit angemessenen Öffnungszeiten, um dem chirurgischen Nachwuchs im Sinne der Vereinbarkeit von Beruf und Familie attraktive Arbeitsbedingungen zu bieten“, so der Chirurgen-Präsident.

Damit wäre viel geholfen, wie Umfragen belegen. Laut Monitor 2017 des Marburger Bundes ist 70 Prozent der Ärzte in Kliniken eine Entbürokratisierung „sehr wichtig“ oder sogar „am wichtigsten“. Die Umfrage unter Medizinstudenten kam zu dem Ergebnis, dass die Wahl des zukünftigen Arbeitsplatzes zu 94 Prozent von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bestimmt wird.