Budgetierung der Arzthonorare


  • Presseagentur Gesundheit (pag)
  • Pro & Contra
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Eine alte Forderung der Vertragsärzteschaft thematisiert die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wieder verstärkt: „Die Budgetierung muss weg“, fordert KBV-Vorstand Dr. Andreas Gassen. „Die Gesamtvergütung ist ökonomische Vernunft“, argumentiert dagegen Gesundheitsökonom Hartmut Reiners, Experte für Grundsatzfragen der Gesundheitspolitik. Ein Für und Wider zur Abschaffung der Budgetierung.

 

Pro

Dr. Andreas Gassen © pag, Fiolka
Dr. Andreas Gassen © pag, Fiolka

„Als vor über 25 Jahren die Budgetierung eingeführt wurde, sollte eine Ausweitung der Leistungsmenge – auch angesichts der damaligen „Ärzteschwemme“ – verhindert werden. Heute sind die Rahmenbedingungen völlig andere. Die Kapazitäten ärztlicher Arbeitszeit gehen zurück, gleichzeitig gibt es einen demografisch bedingt steigenden Behandlungsbedarf. Hinzu kommt, dass die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen nicht nach medizinischen Kriterien gesteuert wird: Die Versicherten entscheiden selbst, wann, wie oft und zu wie vielen Ärzten sie gehen. All das passt nicht mit einer gedeckelten Kostenübernahme zusammen. Das Morbiditätsrisiko liegt bei den Ärzten, und das ist absurd. Die Versorgung der Patientinnen und Patienten muss sich nach dem medizinischen Bedarf richten und dieser muss bezahlt werden. Die Budgetierung muss weg – in konsequent durchgeführten Schritten. Die KBV hat hierfür einen Vorschlag gemacht, nämlich zunächst die Entbudgetierung aller Grundleistungen. Gleichzeitig plädieren wir für eine bessere Steuerung der Inanspruchnahme, etwa indem Versicherte sich – freiwillig – verpflichten können, ihre Versorgung von einem bestimmten Arzt koordinieren zu lassen. Mit solchen Maßnahmen gelingt der Ausstieg aus den Budgets – um die Menschen bedarfsgerecht zu versorgen und den ärztlichen Nachwuchs zu sichern.“

 

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

 

 

Contra

Hartmut Reiners © H. Reiners
Hartmut Reiners © H. Reiners

„Zur regionalen Budgetierung der Ärztevergütungen gibt es keine ökonomisch rationale Alternative. Das Gesundheitswesen ist, wie es Ökonomen ausdrücken, ein angebotsinduzierter Wirtschaftszweig. Ärztinnen und Ärzte haben das Monopol, Krankheiten zu diagnostizieren und Therapien einzuleiten. Das ist völlig in Ordnung. Wer sonst als sie sollte diese Aufgabe wahrnehmen? Aber dadurch können sie die Nachfrage nach ihren Leistungen beeinflussen. Dafür gibt es solide empirische Belege. Die Annahme, alle Ärztinnen und Ärzte seien prinzipiell so selbstlos, ihre Position nicht auch zur Umsatzoptimierung zu nutzen, ist naiv. Daher ist die Gesamtvergütung mit abgestaffelten Entgelten unverzichtbar. Das gilt auch für deren Morbiditätsorientierung, mit der die Krankheitsrisiken von den Krankenkassen und nicht von den Arztpraxen getragen werden. Die an den Einnahmen der Kassen orientierte Ausgabendeckelung wurde zu Recht abgeschafft. Übrigens: Die Gesamtvergütung ist keine Erfindung der Krankenkassen, sondern der organisierten Ärzteschaft. Sie setzte sie 1913 im „Berliner Abkommen“ durch und sorgte dafür, dass sie 1955 im Kassenarztrecht fixiert wurde.“

 

Hartmut Reiners, Ökonom und Experte für Grundsatzfragen in der Gesundheitspolitik