Breit neutralisierende Antikörper gegen SARS-CoV-2 als Therapie-Option


  • Dr. Stefanie Reinberger
  • Medizinische Nachrichten
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Kernaussagen

  • Wissenschaftler aus Hannover suchen nach effektiven breit neutralisierenden Antikörpern im Blut von Genesenen COVID-19-Patienten, um diese für die Therapie gentechnisch herzustellen.
  • Solche breit neutralisierenden Antikörper sind auch Hoffnungsträger für einen neuen Ansatz zur Passivimmunisierung gegen HIV.

Nach überstandener Infektion mit SARS-CoV-2 haben Genesene eine Reihe von schützenden Antikörpern im Blut. Diese könnten für die Therapie von schwer an COVID-19 erkrankten Patienten hilfreich sein. Das Prinzip der Serumtherapie geht dabei auf Emil von Behring zurück, der diese Methode 1890 gemeinsam mit dem japanischen Bakteriologe Shibasaburo Kitasato veröffentlichte.

Bei mehreren Viren bereits erfolgreich

Bei Infektionen mit SARS-CoV, Schweinegrippe und Ebola hatte sich bereits gezeigt, dass diese Behandlungsmethode einen Nutzen für die Patienten brachte (Therapie von COVID-19-Patienten mit Rekonvaleszenten-Plasma: aussichtsreiche Option). Studien zur Behandlung von COVID-19-Patienten mit so genanntem Rekonvaleszentenplasma wurden bereits gestartet.

Breit neutralisierende Antikörper gezielt herstellen

Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover wollen nun einen Schritt weitergehen: Sie fahnden im Blut von Genesenen nach Antikörpern, die das Virus besonders effektiv bekämpfen und wollen diese gentechnisch herstellen „Wir suchen nach Antikörpern, die verhindern, dass die Viren an die menschlichen Zellen binden – die also neutralisierend wirken – und die auch gegebenenfalls auftretende Varianten des Virus erkennen können“, sagt Professor Dr. Thomas Schulz, Leiter des MHH-Instituts für Virologie.

Interessant sind also insbesondere so genannte breit neutralisierende Antikörper, die auch Varianten eines Erregers erkennen und Resistenzbildungen daher erschweren. Gleichzeitig neutralisieren sie den Effekt des Virus und unterstützen so die körpereigene Abwehr. Anfang 2020 haben Wissenschaftler der Universität Köln und vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung einen solchen breit neutralisierenden Antikörper gegen HIV publiziert, der nach Angaben der Studienautoren ein vielversprechender Kandidat für eine Passivimmunisierung gegen HIV ist.

Die Wissenschaftler der MHH suchen derzeit in Blutproben von genesenen Patienten nach geeigneten Antikörperkandidaten. „Wir benötigen insbesondere Proben von Menschen, die nach überstandener COVID-Erkrankung besonders viele schützende Antikörper hervorgebracht haben. Das ist bei zehn bis 15 Prozent der Erkrankten der Fall“, so Schulz. Ein wichtiger Baustein hierfür ist der Aufbau des COVID-19 Genesenen-Registers.

Aus den Proben der Genesenen werden die Antikörper-produzierenden B-Lymphozyten isoliert, und dann nach besonders effektiven Antikörpern gesucht, die anschließend gentechnisch im Labor geklont und in Zusammenarbeit mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover zunächst im Tierversuch getestet werden sollen. Das gesamte Prozedere wird allerdings noch einiges an Zeit und Arbeit in Anspruch nehmen: „Ein Therapeutikum aus gentechnisch hergestellten Antikörpern kann dann frühestens im nächsten Jahr zur Verfügung stehen“, dämpft Schulz überzogene Erwartungen.