Body Mass Index zur Einschätzung des kardiovaskulären Risikos wenig tauglich

  • ESC-Paris

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Der Body Mass Index (BMI) scheint für das kardiovaskuläre Risiko weniger relevant zu sein als angenommen. Um Herz und Gefäße zu schützen, ist es aktuellen Studien-Daten zufolge vermutlich besser, auf eine gute körperliche Fitness zu achten als auf ein geringes Körpergewicht. „Ich neige dazu, mich weniger auf eine Gewichtsabnahme zu fokussieren als auf bessere Fitness und mehr Kraft“, so auch ein Fazit von Dr. Darryl Leong (Population Health Research Institute, Hamilton, Kanada), der die Daten der weltweiten Beobachtungsstudie (PURE vor wenigen Tagen beim Kongress der Europäischen Kardiologen-Gesellschaft in Paris vorgestellt hat. 

26 besser als 23?

Weitere wichtige Erkenntnisse von Leong und seinen Kollegen: Der Taille-Hüft-Quotient (WHR: Waist -to- Hip - Ratio) und das Verhältnis von Kraft zu Gewicht sind zur Beurteilung des kardiovaskulären Risikos womöglich aussagekräftiger als der BMI. Außerdem: Am längsten leben möglicherweise Menschen, deren BMI etwas über der oberen Grenze von 25 liegt. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, deren Aussagekraft nicht so hoch ist wie die einer prospektiven und kontrollierten Interventionsstudie. 

Daten bestätigen: riskant ist das Extreme

Leong und seine Kollegen haben über 140.000 Erwachsene (35–70 Jahre) aus weltweit 21 Ländern über einen medianen Zeitraum von 9,5 Jahren beobachtet. Und dabei unter anderem den Zusammenhang zwischen Körpergewicht, körperlicher Fitness und Mortalität untersucht. Hier einige ihrer Befunde:

Mit steigende BMI nimmt das Diabetes-Risiko zu; deutlich schwächer ausgeprägt ist der Zusammenhang zwischen BMI und dem Risiko für Bluthochdruck sowie kardiovaskulären Erkrankungen. 

Beim Zusammenhang zwischen BMI und Mortalität ergaben die grafische Darstellung eine U-förmige Kurve: Die Gesamt-Mortalitätsrate war bei einem BMI unter 20 und ab einem Wert von 35 am größten. Prognostisch am günstigsten war ein BMI zwischen 25 und 30. Gesamt-Mortalität und kardiovaskuläre Mortalität waren bei solchen mittleren BMI-Werten am geringsten. Als prognostisch optimaler Wert erwies sich für Frauen und für Männer ein BMI von 27.

Weitere Analysen ergaben einen deutlichen Zusammenhang zwischen Taille-Hüft-Quotient sowie Diabetes und kardiovaskulären Erkrankungen und auch kardiovaskulärer Mortalität. Bei der Gesamt-Mortalität wurde statt eines U-förmigen Zusammenhangs ein J-förmiger festgestellt. Das Kraft-Gewicht-Verhältnis ging am stärksten mit Diabetes mellitus einher, aber auch mit der Gesamt-Mortalität sowie Herz-Gefäß-Erkrankungen einschließlich kardiovaskulärer Mortalität.

Joggen statt Hungern

Die wichtigste Botschaft dieser Befunde für den klinischen Alltag ist vermutlich die, auf die Leong wie auch andere Kardiologen in Paris hingewiesen haben: Es ist vielleicht sinnvoller, Patienten zu etwas Sport zu bewegen, damit sie so fitter werden, als ihnen die Reduktion eines zu hohen Körpergewichtes an’s Herz zu legen, was den meisten Menschen ohnehin schwerfällt. Etwas salopp formuliert: Joggen ist besser als Hungern.