Bluthochdruck - nicht nur eine Folge ungesunden Verhaltens, sondern auch ungesunder Verhältnisse

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Bluthochdruck-Patienten sollen Ausdauersport treiben, Übergewicht reduzieren, gesund essen, auf Alkoholisches verzichten und selbstverständlich gehorsam jeden Tag ihre antihypertensiven Medikamente nehmen. Das ist zwar richtig. Denn so können Komplikationen wie Nierenschäden und Schlaganfall verhindert werden. Aber dieser so genannte patientenzentrierte Ansatz, bei dem die Patienten es sind, die sich anstrengen sollen, reicht offenbar nicht immer aus - weil zu viele Patienten nicht so können oder wollen, wie sie sollen. Und weil er dem komplexen Problem Bluthochdruck offenbar nicht ganz gerecht wird. 

Zunehmend betroffen: Menschen in armen Ländern

Die epidemiologischen Fakten sind jedenfalls wenig erfreulich. So soll es 2010 weltweit knapp 1,4 Milliarden Menschen mit Bluthochdruck (≥140/90 mmHg) gegeben haben, die Mehrheit der Betroffenen, rund eine Milliarde, in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen.  Besorgniserregend ist die Entwicklung in armen Ländern. Die Prävalenz-Raten in Ländern Afrikas gehörten zu den weltweit höchsten überhaupt, so die Herzkreislauf-Wissenschaftler Prateek Sharma und Robert D. Brook von der Universität von Michigan in Ann Arbor. Auch in Entwicklungsländern in Ostasien und im Pazifischen Raum sei Bluthochdruck mit rund 439 Millionen Betroffenen ein großes und wachsendes Problem. Für diese Entwicklung gibt es sicher mehr als nur einen Grund. Ein relevanter Faktor ist die „Umwelt“. Die zunehmende Prävalenz der Hypertonie in diesen Regionen gehe einher mit einer Zunahme von Umwelt-Risikofaktoren wie Luftverschmutzung, so Sharma und Brook, die sich die wissenschaftlichen Befunde dazu genau angeschaut und in einem Beitrag im „Journal of Human Hypertension“ dargestellt haben.

Blutdruck-Anstieg durch Kälte, Höhe, Naturkatastrophen

Zu den relevanten Umweltfaktoren zählt nach Angaben der US-Wissenschaftler die Temperatur. Mehrere Studien hätten gezeigt, dass der Blutdruck bei Kälte steige. Der aktuellsten Metaanalyse zufolge sei ein Abfall der Außentemperatur um ein Grad Celsius mit einer Zunahme der Blutdruckwerte um 0,26 und 0,13 mmHg assoziiert. Mögliche Mechanismen, mit denen dieser Zusammenhang erklärt werden kann, sind  zum Beispiel Vasokonstriktion, Sympathikus-Aktivierung und Natrium-Retention. Für den klinischen Alltag empfehlen die Autoren, zu beachten, dass der Blutdruck  steigen kann, wenn die Temperaturen fallen, und die Medikation dann gegebenenfalls anzupassen.

Auch die Höhe hat einen Einfluss auf den Blutdruck. Bei akuter Höhen-Exposition steigen die Blutdruck-Werte für einige Tage an, unabhängig von den Temperaturen, beeinflusst allerdings auch durch individuelle Risikoparameter. Bei einem längerem Aufenthalt in der Höhe, etwa zur Akklimatisation, wird die Blutdruck-Reaktion schwächer. Eine Blutdruck-Zunahme kann bei längerem Aufenthalt in Regionen über 2500 Meter allerdings auch persistieren. Mögliche Mechanismen: Hypoxie-induzierter Chemoreflex, Sympathikusaktivierung, erhöhte arterielle Steifigkeit, Endothelin-Ausschüttung und erhöhte Blutviskosität. Sharma und Brook betonen allerdings, dass es relativ unklar sei, ob es zwischen chronischem Bluthochdruck sowie kardiovaskulären Erkrankungen und Leben in großen Höhen einen unabhängigen Zusammenhang gebe. Gleichwohl empfehlen sie, die antihypertensive Therapie gemäß den Leitlinien zu intensivieren, falls die Werte infolge eines Aufenthaltes in der Höhe außerhalb des Zielbereiches liegen.. Bei sehr starker Zunahme, etwa auf Werte über 180/110 mmHg, oder bei therapiererefraktärem Hypertonus sei ein rascher Abstieg auf tiefere Höhen zu empfehlen.

Weitere Umweltfaktoren, die auf den Blutdruck Einfluss haben, sind Naturkatastrophen, etwa Erdbeben und Vulkan-Ausbrüche. Hier bleibe als Gegenmaßnahme nur die sorgfältige Beobachtung der Betroffenen über mehrere Monate, gegebenenfalls sogar auf Dauer, da es Hinweise auf die mögliche Entwicklung einer chronischen Hypertonie gebe. Den Betroffenen selbst kann nur Stressreduktion, gesunder Lebensstil und eventuelle eine antihypertensive Medikation empfohlen werden. In der Regel, so Sharma und Brook, falle der Blutdruck innerhalb eines halben Jahres nach der Katastrophe wieder auf die ursprünglichen Werte.

Risikofaktoren Lärm 

Bei Naturkatastrophen mögen manche Menschen das Schicksal, den Zufall oder nicht näher definierte böse Mächte am Werk sehen. Bei den kardiovaskulär schädlichen Umweltfaktoren Lärm und Luftverschmutzung ist die Beteiligung von uns Menschen hingegen schwer von der Hand zu weisen. Dass zwischen Lärm und kardiovaskulären Störungen Zusammenhänge bestehen, ist bereits mehrfach beschrieben worden. Die Häufigkeit von ischämischen Herzerkrankungen steige statistisch signifikant mit dem Ausmaß der Belastung durch Verkehrslärm, berichtete ein Forscherteam auf dem Europäischen Kardiologie-Kongress (ESC) in Barcelona. „Angesichts der Auswirkungen von Lärm auf die Ausschüttung von Stresshormonen und die Schlafqualität scheint ein kausaler Zusammenhang zwischen Verkehrslärm und einer ischämischen Herzerkrankung plausibel“, so die Forscher, die 61 Studien ausgewertet hatten. Eine robusteste Datenlage liege für Straßenverkehrslärm vor, hieß es in einer Mitteilung der deutschen Kardiologen-Gesellschaft. Bei einer Analyse aller Daten (7451 Fälle von ischämischer Herzerkrankung) errechneten die Forscher ein relatives Erkrankungsrisiko von 1,08 pro 10 Dezibel Anstieg des Straßenverkehrslärms  (95% CI 1,02 – 1,15). Für einen Zusammenhang zwischen KHK und Lärm sprechen nach Angaben der Autoren auch Studien-Daten zur Prävalenz ischämischer Herzerkrankungen sowie  zur KHK-Mortalität.

Nächtlicher Fluglärm gehe mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck einher, meldeten vergangenes Jahr auch Autoren einer Beobachtungs-Studie  ( „Occupational & Environmental Medicine“ ). Dass nächtlicher Fluglärm gesundheitsschädlich sein kann, haben vor wenigen Jahren bereits Mainzer Wissenschaftler um den Kardiologen Professor Thomas Münzel berichtet. Nächtlicher Fluglärm könne die Endothelfunktion beeinträchtigen und den Blutdruck steigern, warnten Thomas Münzel und seine Kollegen 2013  im Fachblatt „Clinical Research Cardiology“ . Ausführlich dargestellt hat den Zusammenhang im selben Jahr auch ein internationales Wissenschaftlerteam in einem Übersichtsbeitrag im „Lancet“  . Und in einer vor wenigen Monaten publizierten Studie  haben Thomas Münzel, Andreas Daiber (Zentrum für Kardiologie Universität Mainz) und ihre Mitarbeiter sogar ein Enzym identifiziert, das an der Genese von fluglärmbedingten Gefäßschäden beteiligt ist. Sie konnten zudem zeigen, dass Fluglärm in der Nacht eine besonders schädliche Wirkung hat. Zudem konnten sie zeigen, dass die Ausschaltung des Enzyms ‚phagozytische NADPH Oxidase‘, welches hauptsächlich in Entzündungszellen vorkommt, Fluglärm-induzierte negative Auswirkungen an Gefäßen und Gehirn verhindert. 

Risikofaktor Luftverschmutzung

Besonders „up to date“ ist gegenwärtig der Umweltfaktor „Luftverschmutzung“. Auch hier liegen laut Sharma und Brook bereits viele Studien vor, die zeigen, dass akute und über Jahre anhaltende Feinstaub-Exposition zusammen mit anderen durch Verkehr bedingten Luft-Schadstoffen zu Blutdrucksteigerung und Hypertonie führen können.

Die Luftverschmutzung, und hier in erster Linie Feinstaub, soll für jährlich mehr als vier Millionen Todesfälle verantwortlich sein. Die meisten Todesfälle mit knapp 60 Prozent entstünden als Folge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, berichteten im August zum Beispiel Thomas Münzel und seine Kollegen im „European Heart Journal “).

Zentrale Forschungsfragen von Münzel und Wissenschaftlern aus Großbritannien und den USA waren hierbei, welche Bestandteile der Luftverschmutzung (Feinstaub, Ozon, Stickstoffdioxid, Kohlenmonoxid und Schwefeldioxid) besonders schädlich für das Herz-Kreislauf-System sind und über welche Mechanismen die Gefäße geschädigt werden. „Zusammenfassend kann man feststellen, dass – in Bezug auf die gefäßschädigende Wirkung der Luftverschmutzung – der Feinstaub eine herausragende Rolle spielt“, kommentierte Münzel. „Besonders der Ultrafeinstaub macht uns hierbei große Sorgen. Dieser hat die Größe eines Virus. Wenn der Ultrafeinstaub inhaliert wird, dann geht er über die Lunge sofort ins Blut, wird von den Gefäßen aufgenommen und bewirkt lokal eine Entzündung. Das bedingt letztlich mehr Atherosklerose und führt somit zu mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“ Interessant sei sicher auch die Tatsache, dass in Bezug auf die viel diskutierten Dieselabgase in erster Linie der Feinstaub und nicht das Stickstoffdioxid (NO2), die beide bei der Verbrennung von Dieselbrennstoff entstehünden, negative Auswirkungen auf die Gefäßfunktion habe.

Professor Dr. Jost Lelieveld vom Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie, ebenfalls Autor des Beitrags, kommentierte: „Die Ultrafeinstaubteilchen werden hauptsächlich in der Atmosphäre chemisch aus Emissionen von Verkehr, Industrie und Landwirtschaft gebildet. Um niedrige, gesundheitlich unbedenkliche Konzentrationen zu erreichen, müssen die Emissionen aus all diesen Quellen reduziert werden.“ 

Besonders gefährdet, an den Folgen schlechter Atemluft zu sterben, sind übrigens Kinder in armen Ländern ( „The Lancet Planetary Health“ ). Im Tschad etwa ist das Risiko für Kinder, an der Luftverschmutzung zu sterben, gegenüber dem weltweiten Mittel sogar fast auf das Zehnfache erhöht. In Subsahara-Afrika verliert jedes Kind im Durchschnitt vier bis fünf Lebensjahre durch verschmutzte Umgebungsluft. Spätestens in diesem Fall sollte klar sein, dass auch die Verhältnisse und nicht nur das Verhalten viel mit Gesundheit und Krankheit zu tun haben.