Blutdruck-Senkung auf unter 140/90 bei manchen alten Menschen zu riskant


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaft

Blutdruckwerte unter 140/90 mmHg während einer antihypertensiven Therapie gehen bei über 80-Jährigen oder alten Patienten, die bereits einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten haben, mit einer erhöhten Mortalität einher.

Hintergrund

Die Frage nach den optimalen Zielwerten in der antihypertensiven Therapie beschäftigt Bluthochdruck-Forscher schon seit vielen Jahren. Besonders viel Bewegung kam in die Diskussion über diese Werte durch die 2015 publizierte US-Studie SPRINT, deren Ergebnisse für sehr niedrige Zielwerte sprachen, was in der US-Leitlinie auch berücksichtigt wurde. Die Autoren der europäischen Leitlinie sind ihren Kollegen allerdings nicht gefolgt.  Laut der europäische Leitlinie soll der Blutdruck bei über 65-Jährigen auf unter 140/90 mmHg eingestellt werden. Diese Zielwerte gelten auch für über 80-Jährige, bei ihnen sind jedoch verstärkt individuelle Faktoren wie Begleiterkrankungen zu berücksichtigen. Die US-amerikanischen Fachgesellschaften empfehlen für alle Bluthochdruck-Patienten, die älter sind als 65 Jahre, sogar eine Einstellung des Blutdrucks auf unter 130/80 mmHg. Welche Zielwerte nun tatsächlich für die Behandlung älterer Menschen mit Bluthochdruck die besten sind, ist weiterhin Gegenstand einer wissenschaftlichen Debatte.

Design

Für die Studie wurde eine Kohorte von mindestens 70 Jahre alten Patienten gebildet, die zu Beginn (November 2009 bis Juni 2011) mit  Antihypertensiva behandelt wurden. Die prospektive Beobachtungsphase reichte bis Dezember 2016. Berechnet wurde das Mortalitäts-Risiko in Abhängigkeit vom Blutdruck, wobei Werte von unter 140/90 mmHg als normalisierte Werte galten. Dabei wurden auch Einflussfaktoren wie Geschlecht, Body-Mass-Index, Raucherstatus, Alkoholkonsum, Diabetes und die Zahl der blutdrucksenkenden Mittel berücksichtigt. Von 1628 Patienten (mittleres Alter 81 Jahre) hatten 636 normalisierte Blutdruckwerte. Erfasst wurden die epidemiologischen Daten im Rahmen der „Berliner Initiative Studie“, die von Professorin Dr. Elke Schäffner, Stellvertretende Direktorin des Instituts für Public Health der Charité, geleitet wird.

Hauptergebnisse

  • Die Auswertung der Daten zeigte, dass die medikamentöse Senkung des Blutdrucks auf unter 140/90 mmHg – und insbesondere auf unter 130/90 mmHg – nicht grundsätzlich eine schützende Wirkung hat. So gingen normalisierte Blutdruckwerte im Vergleich zu nicht-normalisierten Werten mit einer Zunahme des Gesamtmortalitäts-Risikos um 26 Prozent einher (Inzidenz-Raten: 60,3 versus 48,5 per 1000/Jahr; HR 1,26; 95% CI 1.04–1.54).
  • Über 80-Jährige, deren Blutdruck bei unter 140/90 mmHg lag, haben den Berechnungen zufolge sogar ein um 40 Prozent höheres Sterberisiko als diejenigen, deren Blutdruck mehr als 140/90 mmHg beträgt (Inzidenz-Raten: 102,2 versus 77,5 per 1000/Jahr; HR 1,40; 95% CI 1,12–1,74). 
  • Eine ähnliche Beobachtung machte die Forscher bei den Teilnehmern der Studie, die in der Vergangenheit einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten hatten: Bei denjenigen, deren Blutdruck bei unter 140/90 mmHg lag, ergaben die Berechnungen eine Zunahme des Sterberisikos um 61 Prozent (Inzidenz-Raten 98,3 versus 63,6 per 1000/Jahr; HR 1,61; 95% CI 1,14–2,27). 
  • Bei Studienteilnehmern im Alter von 70 bis 79 ergaben die Berechnungen hingegen keine Risikozunahme (Inzidenz-Raten 22,6 versus 22,7 per 1000/Jahr; HR 0,83; 95% CI 0.54–1.27).
  • Dies galt auch für Teilnehmer ohne kardiovaskuläre Ereignisse in der Vorgeschichte  (Inzidenz-Raten 45,2 versus 44,4 per 1000/Jahr; HR 1,16, 95% CI 0,90–1,48). 

Klinische Bedeutung

Die Ergebnisse der Beobachtungsstudie sprechen für eine eher moderate Blutdruck-Senkung bei alten Menschen, insbesondere bei jenen, die bereits einen Schlaganfall oder Myokardinfarkt hatten. Zudem liefert die Studie Argumente für eine personalisierte und risikoadaptierte antihypertensive Therapie. „Unsere Ergebnisse machen deutlich, dass die Behandlung eines erhöhten Blutdrucks bei diesen Patientengruppen individuell angepasst werden sollte“, erklärt Dr. Antonios Douros vom Institut für Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Charité. Der Erstautor der Studie betont zudem: „Wir sollten davon abkommen, die Empfehlungen der Fachgesellschaften pauschal bei allen Patientengruppen anzuwenden.“

Finanzierung: Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation ,  KFH-Stiftung-Präventivmedizin) und Institut für Disease Management e.V.