Biomechanische Studie belegt: Backpfeife ist nicht gleich Backpfeife


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Smalltalk
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Eine Ohrfeige ist laut Duden ein „Schlag mit der flachen Hand auf die Backe“. Umgangssprachlich wird auch von Wangenstreich, Knallschote, Schelle, Maulschelle, Dachtel, Backenstreich, Watsche, Klapf, Backpfeife, Fotze u. a.  gesprochen. Allein die Vielfalt der Begriffe deutet an, dass Ohrfeige nicht möglicherweise nicht gleich Ohrfeige ist, sondern ein „facettenreiches“ Phänomen, dass zudem recht unterschiedliche Folgen haben kann - medizinische und auch juristische. Folgerichtig haben sich Rechtsmediziner der LMU-München und Universität Salzburg um Dr. Peter Hofer und Privatdozent Dr. Jiri Adamec etwas genauer mit der Ohrfeige beschäftigt, und zwar mit der Biomechanik der Ohrfeige und den möglichen Verletzungsfolgen sowie der juristischen Bedeutung. Das Hauptergebnis bestätigt, was nicht nur Fans von Bud Spencer schon immer ahnten: Ohrfeige ist nicht gleich Ohrfeige.

Nicht immer harmlos

Früher wurde oft angenommen, dass Ohrfeigen und Schläge mit der Hand gegen den Kopf und den Körper zwar schmerzhaft sein können, aber meist keine oder ungefährliche Verletzungen nach sich ziehen. Dass Ohrfeigen oder Backpfeifen relativ oft als im Großen und Ganzen harmlos gelten, lässt auch das Ergebnis einer Umfrage  des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte im Jahr 2016 vermuten, in der mehr als 20 % der befragten Deutschen die Meinung äusserten, dass eine Ohrfeige als Körperstrafe akzeptabel sei. Die Ansicht, dass „ein Klaps auf den Hintern noch niemandem geschadet“ habe, scheint demnach noch immer recht präsent zu sein.

Auch möglich: Bewusstseinsverlust, Sturz, intrakranielle Blutung

Doch so harmlos sind Watschen oder Backpfeifen nicht immer. In der wissenschaftlichen Literatur seien als mögliche Verletzungsfolgen ausser Hautrötungen und Hämatomen im Gesicht auch Trommelfellrupturen und Quetsch-Riss-Wunden beschrieben worden, so die Rechtsmediziner. Vor Gericht komme es zudem immer wieder „zu Beschreibungen von Schlägen mit der flachen Hand, welche in teils massiven Verletzungen resultieren“. Im vergangenen Jahr sei es zum Beispiel auf dem Oktoberfest in München zwischen zwei Männern zu einer Auseinandersetzung gekommen, bei der einer der Kontrahenten einen Schlag mit dem Handballen gegen die Schläfe erhalten habe. Die Folge war nach Angaben der Rechtsmediziner eine tödliche Subduralblutung. Und ähnlich wie beim Boxen könne es durch Schläge mit der flachen Hand „zu einer zumindest temporären Beeinträchtigung der Bewusstseinslage und/oder zu einem unkontrollierten Sturz führen“. Dies zeigten unter anderem Videoaufnahmen von so genannten „slapping contests“ (Ohrfeigen-Wettkämpfe), bei denen sich die Gegner gegenseitig (und ohne Gegenwehr) mit Ohrfeigen traktierten. In Russland soll dies eine Kampfsportart   sein. Ein Mann namens „Teigtasche“ sei der größte Schellen-Gladiator von allen, hieß es in einem Medienbeitrag im März dieses Jahres.

Gerichtsverhandlungen: Hautrötungen, aber auch Frakturen

Dass Ohrfeigen nicht grundsätzlich oder immer harmlos sind, zeigen auch die Ergebnisse einer retrospektiven Auswertung von 129 entsprechenden Gerichtsverfahren durch die Autoren. In den meisten Fällen seien als Folge von Schlägen mit der flachen Hand lediglich „Bagatellverletzungen“ entstanden, berichten Peter Hofer und seine Kollegen. Am häufigsten seien Rötungen und/oder Schmerzen sowie kleinere blutende Verletzungen beschrieben worden. In Einzelfällen seien allerdings auch massive Verletzungen wie etwa Frakturen und Verletzungen des Trommelfells vorgekommen.

Schlagen im Dienste der Wissenschaft

Ohrfeige ist eben nicht gleich Ohrfeige. Diese Tatsache bestätigen auch biomechanische Untersuchungen der Rechtsmediziner. Dazu haben sie 15 Männer und 15 Frauen in eine Studie aufgenommen. Die freiwilligen Probanden waren unterschiedlich alt, groß und schwer. Personen mit akuten Verletzungen im Bereich einer Hand bzw. eines Arms und/oder mit spezifischen Erfahrungen/ Training in Bezug auf Schläge/Stöße (Kampfsport, Zugehörigkeit zu Polizei, Militär o. Ä.) wurden laut Erstautor Jiri Adamec ausgeschlossen. Untersucht wurde mit Hilfe einer Kraftmessplatte plus Schlagpolster die Schlagkraft und mit einer Hochgeschwindigkeitskamera die Schlaggeschwindigkeit.

Vor dem beidseitigen Schlagtest wurden die Probanden gefragt, was ihrer Ansicht nach eine Ohrfeige sei. 12 (jeweils 6 Männer und 6 Frauen) hätten angegeben, dass eine Ohrfeige und ein Schlag mit der flachen Hand „eine identische Behandlung darstellen würden“. Die übrigen 18 Freiwilligen hätten zwischen den beiden Handlungen differenziert, eine Ohrfeige zum Beispiel als weniger intensiv beurteilt.

Von leichten Kontakte bis hin zu intensiven Stößen

Die Auswertung der Befragung wie der Messwerte habe „deutliche Unterschiede im Verständnis des Begriffs ‚Ohrfeige‘ und entsprechend in den biomechanischen Charakteristika der Schläge“ gezeigt, schreiben die Autoren. So habe die Bandbreite der „Ohrfeigen“ von sehr leichten Kontakten bis zu intensiven Stößen gereicht, die zu mittelschweren Gesichtsverletzungen führen könnten.  Erwartungsgemäß schlugen Männer kräftiger zu als Frauen, die Schläge der Männer waren sogar mit der nicht-dominanten Hand härter als die Schläge der Frauen mit ihrer dominanten Hand.

Weitere relevante Ergebnisse der Untersuchungen: Die meisten Fälle von Schlägen mit der flachen Hand geschehen im häuslichen Umfeld bzw. bei Beziehungsstreitigkeiten. Männer sind überproportional häufiger Täter, Frauen sind hingegen häufiger Opfer derartiger Gewaltanwendungen, insbesondere im häuslichen Umfeld.

Ein Fazit der Rechtsmediziner

Bei der Bewertung von Schlägen ist nach Angaben der Autoren die Beschreibung mittels Begriffen wie „Ohrfeige“ wertlos; vielmehr müssten in jedem Einzelfall die konkreten Merkmale der Schlagbewegung eruiert werden. Die Bezeichnung eines Schlags als Ohrfeige erlaube per se keine zuverlässigen Rückschlüsse auf die konkrete Ausführung und insbesondere Intensität. Zwingend geboten seien weiterführende biomechanische Untersuchungen, vor allem zum Thema Gewalt gegen Kinder, sowie die systematische Aufarbeitung von dokumentierten Fällen.