„Big Data“ in der Medizin: Mehr Daten bedeuten nicht mehr Wissen


  • Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft

Das Thema „Big Data“ in der Medizin wird nach Ansicht von Professor Gerd Antes, Co-Direktor von Cochrane Deutschland, viel zu unkritisch gesehen. Die Vermutung, durch mehr Daten werde automatisch mehr Wissen gewonnen, sei „schlicht falsch“, so der wissenschaftliche Vorstand der Cochrane Deutschland Stiftung in Freiburg. 

Hintergrund

Als wichtigste Quelle gesicherten Wissens gelten in der Medizin randomisierte und kontrollierte klinische Studien sowie Metaanalysen von solchen Studien. Da diese klinischen Prüfungen aber stets experimentellen Charakter haben, ist ihr Nutzen für den klinischen Alltag grundsätzlich begrenzt, wobei es allerdings große Unterschiede zwischen den Untersuchungen gibt. Mehr Nähe zum klinischen Alltag, zur so genannten „Real World“, und bessere Diagnose- und Therapiemöglichkeiten versprechen sich viele Akteure im Gesundheitswesen von „Big Data“, von medizinisch relevanten Daten, die zum Beispiel mit Hilfe von Apps und smarten Fitness-Trackern generiert werden können. In einem Interview für die „Deutsche Gesellschaft für Geriatrie“  (DDG) hat Gerd Antes dazu Stellung genommen. Beim kommenden Kongress der DDG und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (6.-8. September in Köln)  wird Antes dazu auch einene Grundsatzvortrag halten: „Big Data – Datenrauschen auch in der Geriatrie?“  

Hauptaussagen 

Viele Akteure im Gesundheitswesen versprechen sich von mehr Daten mehr Wissen und bessere Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten führen. Sicherlich, so Antes,  gebe es zum Beispiel „hervorragende Apps oder Erinnerungssysteme, die insbesondere in der Altersmedizin die Versorgung erleichtern“.  Antes ist allerdings überzeugt,  dass das Thema Big Data, vor allem  im Gesundheitswesen, viel zu unkritisch gesehen werde, eine Überzeugung, die er nach seinen Angaben auch belegen könne. 

Was der Freiburger Wissenschaftler kritisiert, ist unter anderem, dass „dabei das wissenschaftliche Denken außer Kraft gesetzt wird“. Dank unbegrenzter Datenmengen werde „Nach dem Motto: Je mehr Daten wir haben, desto genauere Aussagen können wir daraus ableiten“. Dieser versprochene Nutzen lasse sich bisher aber nicht feststellen: Außerdem würden Risiken und Kosten nicht dazu in Bezug gesetzt. Antes: „Die Vermutung, dass mehr Daten automatisch auch zu mehr Wissen führen, ist schlichtweg falsch. Im Gegenteil: Mehr Daten können auch mehr Fehler bedeuten, was ein großes Risiko in der Patientenversorgung darstellt.“ Er fordert daher „eine wissenschaftlich fundierte rationale Betrachtung von Big Data, wie es in jeder Technikfolgenabschätzung üblich ist“.

Besonders relevant sei das Thema in der Geriatrie: Denn in der Altersmedizin gebe es aufgrund der Lebenszeit und der Multimorbidität der Patienten noch mehr Daten. Wenn man bei diesen hochdimensionalen Daten einzelne Mechanismen herausfischen wolle, sei die Gefahr, etwas richtig falsch zu machen, noch größer. Besonders in der Geriatrie sollte man, betont Antes, „nicht einfach die Datenkrake loslaufen lassen". 

Ein weiteres Argument für einen kritischen  Umgang mit „Big Data“ sei die große Entfremdung der Bevölkerung von der Medizin. Antes: „Alle wollen mehr Sprechzeiten und persönliche Zuwendung. Aber alles, was jetzt gerade passiert im Hinblick auf die Digitalisierung und Big Data, geht in eine ganz andere Richtung.“ Das treffe massiv die älteren Patientinnen und Patienten. „Neue Technologien bringen zwar neue Möglichkeiten und damit Vielfalt mit sich, haben jedoch ernsthafte Nebenwirkungen, die mit hoher Priorität ebenfalls betrachtet werden müssen.“

Fazit

Insgesamt, so Antes abschließend, „wäre es wünschenswert, wenn international das Thema Big Data und der Umgang damit kritischer gesehen wird und wissenschaftlich fundierte Datenqualität in Zukunft den nötigen Stellenwert bekomm“. Praktisch hieße das, „sich nicht nur von den Versprechungen leiten zu lassen, sondern für die Nutzung sorgfältig abwägende Nutzen-Risiko-Betrachtungen verpflichtend zu machen“.