Bewegungsmangel schadet dem Denkvermögen vielleicht weniger als vermutet

  • British Medical Journal

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die Bedeutung der körperlichen Inaktivität als Demenz-Risikofaktor und damit auch der körperlichen Aktivität für die Demenz-Prävention wird möglicherweise überschätzt. Bewegung und Sport sind dennoch sinnvoll. 

Hintergrund

Körperliche Inaktivität zählt ebenso wie etwa Adipositas und Bluthochdruck zu den modifizierbaren Risikofaktoren für die Demenz-Entwicklung. Aus diesem Grund wird körperliche Aktivität als eine wesentliche „Säule“ der Demenz-Prävention gesehen und auch empfohlen. Die Relevanz körperlicher Inaktivität für die spätere Entwicklung von Demenz-Symptomen ist allerdings noch nicht ausreichend klar, auch weil die hierzu publizierten Studien in der Regel Beobachtungsstudien mit meist unzureichender Beobachtungsdauer sind. So könnte körperliche Inaktivität auch ein frühes Vorzeichen der Demenz-Erkrankung sein, also die Folge der Demenz-Erkrankung und nicht ein kausal beteiligter Risikofaktor. 

Design

Metaanalyse von 19 prospektiven Beobachtungsstudien mit mehr als 400.000 Teilnehmern mit einem mittleren Alter von knapp 46 Jahren; fast 58 Prozent von ihnen waren Frauen. Primärer Endpunkt war die Inzidenz der Alzheimer-Demenz sowie von Demenzen jedweder Ursache. Als physisch inaktiv wurden Angaben definiert wie „weniger als 30 Minuten wöchentliches Laufen/Joggen/zügiges Gehen“, „sehr wenige/nur gelegentliche Spaziergänge“ oder „sportliche Betätigung nur ein paarmal im Jahr“.

Hauptergebnisse

Bei Messungen, die weniger als zehn Jahre vor einer Demenz-Diagnose erfolgten, war physische Inaktivität mit einer um 40% höheren späteren Demenz-Inzidenz assoziiert (HR 1,4); ähnlich verhielt es sich bei der Alzheimer-Demenz (HR 1,36). 

Zur Klärung einer möglichen umgekehrten Kausalitätsbeziehung wurden für die Analyse nur Aktivitäts-Messungen, die mehr als zehn Jahre vor einer Demenz-Diagnose erfolgt waren, berücksichtigt. Dabei zeigte sich dann jedoch kein statistischer Zusammenhang zwischen physischer Inaktivität und Demenz-Risiko.

Klinische Bedeutung

Ein ähnlich negatives Ergebnis für die Bedeutung körperlicher Aktivität hatte eine 2017 publizierte Kohortenstudie mit einer mittleren Beobachtungsdauer von immerhin 27 Jahren („British Medical Journal“). Möglicherweise sei körperliche Inaktivität nur ein frühes Zeichen einer beginnenden, aber noch „präklinischen Demenz“, schlussfolgerten die Autoren um Dr. Séverine Sabia (INSERM Paris), 

Weder die Ergebnisse dieser Studie noch die der aktuellen Metaanalyse sollten jedoch von körperlicher Bewegung oder Sport abhalten. Denn zum einen gibt es Studien mit Hinweisen auf einen Nutzen körperlicher Bewegung für die Demenz-Prävention. Zum anderen ist der Nutzen für die Primär- und Sekundärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen recht unstrittig; zudem gelten Bewegung und Sport auch bei mehreren anderen chronischen Erkrankungen als präventiv und therapeutisch wertvoll, etwa bei Depressionen oder Lungenerkrankungen.

So sieht dies auch der Neurologe Professor Thomas Duning vom Universitätsklinikum Münster, der die Metaanalyse in einer Mitteilung der deutschen Gesellschaft für Neurologie kommentiert hat. Trotz der Ergebnisse, so Duning, „empfehlen wir älteren Menschen, sportlich aktiv zu sein, da Sport kardiovaskulären und metabolischen Erkrankungen vorbeugt, die wiederum Demenzen begünstigen können.“ Auch in der vorliegenden Studie war physische Inaktivität mit einem erhöhten Risiko für Diabetes (HR 1,42), KHK (HR 1,24) und Schlaganfälle (HR 1,16) assoziiert. Bei Teilnehmern, bei denen kardiometabolische Erkrankungen einer Demenz vorausgingen, stellte körperliche Inaktivität (gemessen vor >10 Jahren) auch ein gewisses Demenz-Risiko dar (HR 1,3), welches allerdings die statistische Signifikanz verfehlte.

Finanzierung: staatliche Mittel, Stiftungen.