Besonders strenge Blutdruck-Kontrolle kein belegter Schutz vor Demenz


  • Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaft

Eine intensive Blutdruck-Therapie schützt einen Teil der Bluthochdruck-Patienten möglicherweise vor leichter kognitiver Beeinträchtigung und Demenz.

Hintergrund

Dass Bluthochdruck das Gehirn gefährdet und eine antihypertensive Therapie das Gehirn schützen kann, ist bekannt. Die seit Jahren diskutierten Fragen sind die, welche Blutdruck-Zielwerte für einen optimalen Hirnschutz angestrebt werden sollten. Besonders intensiv diskutiert werden die Zielwerte seit Erscheinen der Studie „SPRINT“ („New England Journal of Medicine“). Diese vorzeitig beendete US-Studie ergab beim primären kombinierten kardiovaskulären Endpunkt eine relative Risikoreduktion von 25 Prozent (5,2 versus 6,8 %) zu Gunsten der strengen Blutdruck-Kontrolle mit einem systolischen Zielwert von unter 120 mmHg. Beim Parameter Gesamtmortalität betrug die Risikoreduktion 27 Prozent. Im Juli 2018 wurden dann, wie berichtet, vorläufige Daten der SPRINT-Substudie „SPRINT MIND“ (SPRINT Memory and Cognition In Decreased Hypertension) in Chicago auf einem Kongress zur Alzheimer-Erkrankung vorgestellt; nun sind die vollständigen Ergebnisse im „US-amerikanischen Ärzteblatt“ erschienen.

Design

An SPRINT nahmen 9361 mindestens 50 Jahre alte Bluthochdruck-Patienten (systolisch mindestens 130 mmHg, maximal 180) mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko teil. Ausgeschlossen waren allerdings Patienten mit Diabetes mellitus und Patienten, die bereits einen Schlaganfall erlitten hatten. In der Prüf-Gruppe mit einem Zielwert von unter 120 mmHg waren 4678 Patienten, in der Kontroll-Gruppe mit einem Zielwert von unter 140 mmHg 4683 Patienten.

Rund 36 Prozent waren Frauen. Das Durchschnittsalter betrug 68 Jahre; fast 30 Prozent der Studienteilnehmer waren mindestens 75 Jahre alt. Knapp 29 Prozent hatten eine chronische Nierenerkrankung. Die antihypertensive Behandlungsdauer betrug 3,3 Jahre.

Hauptergebnisse

  • In SPRINT MIND wurde der primäre Endpunkt „Demenz“ nicht erreicht, ein zerebraler Nutzen einer strengen Blutdruck-Kontrolle mit einem Zielwert von unter 120 mmHg also nicht belegt.
  • Das mediane Follow-up lag bei fünf, das durchschnittliche bei fast sechs Jahren. In dieser Zeit wurde bei 149 Patienten (7,2 Erkrankungen/100.000 Personenjahre) mit strenger Blutdruck-Kontrolle eine wahrscheinliche Demenz diagnostiziert. In der Gruppe mit Standardtherapie waren es 176 Patienten (8,6 Fälle/100.000 Personenjahre). Die relative Risikoreduktion betrug zwar 17 Prozent; das Ergebnis war aber statistisch nicht signifikant. Hier die Ergebnisse der Berechnungen: HR = 0,83, 95% CI: 0,67 bis 1,04, p=0,10.
  • Signifikante Resultate zu Gunsten der intensiven Blutdruck-Kontrolle wurden allein bei den sekundären Endpunkten MCI (mild cognitive impairment) und der Kombination von MCI plus wahrscheinlicher Demenz beobachtet:
  • Eine MCI wurde bei 287 bzw. 353 Patienten diagnostiziert (HR: 0,81; 95%-Konfidenzintervall: 0,69–0,95), mit p = 0,007 ein signifikanter Unterschied. Auch beim Endpunkt MCI plus wahrscheinliche Demenz war der Unterschied zwischen den beiden Therapiegruppen signifikant (402 versus 469 Patienten; HR: 0,85; 95%-Konfidenzintervall: 0,74–0,97).
  • MCI: relative Risikoreduktion 19 Prozent (HR = 0,81, 95% CI: 0,70 bis 0,95, p=0,01) 
  • MCI plus Demenz: relative Risikoreduktion 15 Prozent (HR = 0,85, 95% CI: 0,74 bis  0,97, p=0,029).

Klinische Bedeutung

Der primäre Endpunkt der Studie (Demenz) wurde nicht erfüllt, was aber nicht sich ausschließt, dass eine intensive Blutdruck-Therapie doch vor einer Demenz schützen kann. Möglicherweise ist das Ergebnis falsch-negativ. Die bisher vorliegenden Daten sprechen zudem dafür, dass eine intensive Blutdruck-Kontrolle mit einem systolischen Zielwert von unter 120 mmHg einer leichten kognitiven Beeinträchtigung vorbeugt. Allerdings könnten diese positiven Ergebnisse zu den sekundären Endpunkten falsch-positiv sein. Die Konversionsrate von MIC zur manifesten Demenz ist außerdem nach bisherigem Wissen nicht 100 Prozent. Insgesamt bleibt es unklar, ob eine aggressive Blutdruck-Therapie vor einer Demenz-Entwicklung schützt. 

Finanzierung: National Institutes of Health