BARMER-Arzneimittelreport: Risiken für Polypharmazie-Patienten durch mangelhaften Informationsfluss

  • BARMER

  • von Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Jedes Jahr müssen mehrere Millionen Menschen ins Krankenhaus, die mindestens fünf Arzneimittel zugleich einnehmen. Allein im Jahr 2017 waren bundesweit 2,8 Millionen Personen am Tag ihrer Klinik-Aufnahme Polypharmazie-Patienten. Gerade bei dieser Patientenklientel kommt es bei der Aufnahme und Entlassung aus dem Krankenhaus häufig zu Informationsdefiziten. Das wird aus dem aktuellen Arzneimittelreport der BARMER, der am 13. August in Berlin vorgestellt wurde, deutlich.

Medikamentenpläne häufig unvollständig

So hatten nur 29 Prozent der Patienten bei der Klinikaufnahme den bundeseinheitlichen Medikationsplan, der Informationsverluste zwischen Ärzten verhindern soll, heißt es im aktuellen Arzneimittelreport. 17 Prozent verfügten über gar keine aktuelle Aufstellung ihrer Medikamente, wie eine Umfrage unter rund 2.900 bei der BARMER versicherten Polypharmazie-Patienten über 65 Jahren ergeben hat. Zudem seien vorhandene Pläne häufig unvollständig gewesen. „Es ist unverständlich, dass die Aufnahme in ein Krankenhaus als millionenfacher Prozess so fehleranfällig ist. Das kann lebensgefährlich sein. Es muss verhindert werden, dass Patienten aufgrund von Informationsdefiziten zu Schaden kommen“, so der Vorstandsvorsitzende der BARMER Christoph Straub.

Patienten bekommen medikamentöse Therapie häufig nicht erklärt

Wie aus dem BARMER-Report weiter hervorgeht, fließen die Informationen zur Arzneimitteltherapie auch während des Klinikaufenthalts nur bruchstückhaft. So gaben über 30 Prozent der von der BARMER Befragten an, dass ihnen die Arzneitherapie vom Arzt nicht erklärt worden sei. Jeder dritte Patient mit geänderter Therapie habe zudem vom Krankenhaus keinen aktualisierten Medikationsplan erhalten.

Darüber hinaus würden die Medikationsrisiken im Krankenhaus nicht erkennbar geringer, heißt es weiter. Laut Arzneimittelreport sei die Anzahl der Patienten, die nach der sogenannten PRISCUS-Liste eine nicht altersgerechte Arzneimitteltherapie erhalten, nach der stationären Behandlung höher als zuvor. Weiter habe jeder zehnte Patient nach dem Krankenhausaufenthalt Arzneimittel von einem Arzt verordnet bekommen, bei dem er im halben Jahr zuvor nicht in Behandlung war.

40 Prozent der Allgemeinmediziner unzufrieden mit Informationsfluss

Den Reportergebnissen zufolge stockt zudem die Weitergabe von behandlungsrelevanten Daten aus dem stationären in den ambulanten Sektor. Indizien dafür liefert eine Umfrage für den Arzneimittelreport unter 150 Hausärzten. Demnach waren 40 Prozent der befragten Allgemeinmediziner mit den Informationen durch das Krankenhaus unzufrieden oder sehr unzufrieden. So seien nur bei jedem dritten betroffenen Patienten Therapieänderungen begründet worden.

 „Umfassende Informationen von der Klinik zum weiterbehandelnden Arzt sind unerlässlich. Dies gilt umso mehr, da stationär behandelte Patienten zunehmend älter sowie mehrfach erkrankt sind und polypharmazeutisch behandelt werden. Von einer modernen sektorenübergreifenden Versorgung ist unser Gesundheitswesen meilenweit entfernt“, resümiert der Autor des Arzneimittelreports Daniel Grandt.

Projekt TOP startet im Oktober

Aus diesem Grund solle ab Oktober das Projekt „Top“ („Transsektorale Optimierung der Patientensicherheit“) gestartet werden, das vom Innovationsfonds gefördert wird. Alle Medikamente werden in einem standardisierten Medikationsplan erfasst, sofern der Patient sein Einverständnis gegeben habe. Dazu gehörten Vorerkrankungen und eine Liste aller verordneten Arzneimittel.

Das Projekt ist auf vier Jahre angelegt. Dabei sind neben Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), Landesapothekerkammern, sowie der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA).