Auch manche Therapie könnte einen Imageberater brauchen

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Wer in der Glitzerwelt angesagt sein will, aber zum Beispiel keinen ebenso teuren wie krassen Fummel aus Paris oder Mailand trägt und auch nicht mit Schrullen, Spleens oder seltsamen Verhaltensweisen ein gewisses Image zu pflegen versucht, der wird es schwer haben in dieser Bussi-Bussi-Welt. In der Politik muss man, um die Gunst der Wähler zu gewinnen, zwar nicht unbedingt très chic daherkommen, aber ohne ein gewisses Image und dessen Pflege, etwa mit Hilfe eines Imageberaters, stellt sich Erfolg auch dort eher selten ein.  

 

Sogar in der Medizin ist Image ein Faktor, der nicht unterschätzt werden sollte. Schönheitschirurgische Engriffe können nicht nur zu einem positiven Image verhelfen, sie scheinen auch selbst ein solches zu haben. In manchen Kreisen dürften ästhetische Korrekturen fast ein „Must Have“ sein, sei es nun die Injektion eines faltenglättenden Giftes für den Fall, dass die Gurkenmaske nicht mehr hilft, sei es das so genannte Body Lifting für jene, deren Geist zwar willig, deren Haut aber schwach ist. 

Da es Therapien gibt, die „in“ oder „en vogue“ sind, gibt es auch solche, die „out“ sind und auch noch nie etwas anderes waren. Dazu gehören zum Beispiel die Therapie mit Psychopharmaka und offenbar noch immer die Elektrokonvulsionstherapie (EKT). Dabei ist der Nutzen des Verfahrens für die Patienten längst gut belegt. „Klinische Studien weisen mit einem hohen Grad an Evidenz nach, dass Patienten von der Behandlung mittels EKT bei bestimmten Krankheitsbildern profitieren. Die positive Wirkung der EKT ist insbesondere für pharmakologisch und psychotherapeutisch therapieresistente Depressionen, aber auch für therapieresistente Manien und Schizophrenien, insbesondere perniziöse Katatonien mit überwiegend hohen Effektstärken belegt“, schreiben der Psychiater  Andreas Fallgatter und der Medizinethiker Urban Wiesing (beide Universität Tübingen).

Trotz Wirksamkeit zu wenig genutzt

Obwohl das Verfahren heute dank vieler Fortschritte eine wirksame und auch verträgliche Therapie ist, wird die EKT zu wenig eingesetzt, klagen Psychiater seit Jahren, so etwa Dr. Eric Slade von der Universität in Baltimore, der dazu letztes Jahr eine Studie veröffentlicht hat. Obwohl zur Wirksamkeit und Verträglichkeit der EKT eine beträchtliche Evidenz vorliege, sei diese Maßnahme erkennbar umstritten, monieren auch die beiden Tübinger Professoren. „Nicht wenige Bürger und Ärzte“ lehnten sie ab, „trotz zahlreicher Sachargumente, vorgebracht nicht zuletzt vom wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer und aktualisiert bekräftigt durch psychiatrische Fachgesellschaften aus vier europäischen Ländern“. Insbesondere in Deutschland werde die EKT im internationalen Vergleich deutlich weniger angewandt. Manche Kliniken kommunizierten es sogar „als Positivum nach außen“, die EKT nicht im therapeutischen  Angebot zu haben. Argumentiert werde zum Beispiel mit der Aussage, dass es eine brutale, belastende und nicht mehr zeitgemäße Therapie sei.

Gründe für die geringe Anwendung

Was aber sind nun die Gründe für die geringe Anwendung, welche Argumente werden für den Verzicht vorgebracht, was spricht für den Verzicht?

Zur geringen Nutzung mag laut Wiesing und Fallgatter beitragen, dass die EKT im Vergleich zur Pharmakotherapie personalintensiv ist. Dieses Argument erkläre allerdings nicht die besonders geringe Anwendung in Deutschland.

Negatives Image

Ein Grund ist offenbar das negative Image der Methode. So hätte in einer Umfrage vor 30 Jahren ein Drittel der Leiter psychiatrischer Kliniken in Deutschland angegeben, die EKT „deshalb nicht anzuwenden, weil ein Negativimage und Berührungsängste gegenüber der Psychiatrie gefördert würden“. Entstanden sei dieses Negativimage unter anderem aufgrund der „Nähe“ der Therapie zu Elektroschocks und damit zu Foltermethoden. Auch  die Darstellung der Psychiatrie in den Medien hat vermutlich dazu beigetragen. Nur ein Beispiel hierfür ist der US-Film „Einer flog über das Kuckucksnest. 

Das historisch gewachsene, schlechte Image der EKT sei allerdings kein überzeugendes Argument, auf die derzeitige EKT zur Behandlung psychisch schwerkranker Patienten zu verzichten. Selbst die Gefahr eines Missbrauchs der Methode ist laut Fallgatter und Wiesing kein „hinreichendes Argument für eine kategorische Ablehnung, sondern allenfalls für Vorsicht“. Denn ansonsten, so ihre Argumentation, „müsste die moderne Medizin auf sehr viel mehr Therapien verzichten.“ 

Die fehlende theoretische Erklärung 

Ein weiteres Argument, das gegen die EKT vorgebracht wird, ist, dass unklar sei, wie sie wirke. Auch dieses Argument sei kein überzeugendes Argument, da von vielen Therapien der exakte Wirkmechanismus nicht bekannt sei, schreiben die Tübinger Autoren. Wäre es ein überzeugendes Argument, müsste die „moderne Medizin auf viele ihrer etablierten Verfahren verzichten“.

Dies gelte auch für das Argument, es handele sich um eine rein symptomatische und nicht um eine kausale Therapie. Dies treffe schließlich auf viele Therapien gerade bei chronischen Erkrankungen zu. Außerdem: „…ob eine Therapie kausal oder nicht ansetzt, ist in der Medizin letztlich irrelevant; es kommt auf die Ergebnisse der Therapie angesichts der zur Verfügung stehenden Optionen an.“

Problem Aus- und Weiterbildung

Ein Problem sei darüber hinaus „das weitreichende Fehlen der EKT in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung. Medizinstudierende bekämen „eine EKT nur sehr selten zu sehen“. In der aktuellen Weiterbildungsordnung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie werde sie gar nicht erwähnt. Deshalb lerne auch ein großer Teil der angehenden Psychiater „die EKT nicht praktisch kennen“. 

Therapiefreiheit der Ärzte, freie Willensbildung der Patienten

Ungeeignet, den Patienten eine wirksame Maßnahme vorzuenthalten, sei auch das Argument der ärztlichen Therapiefreiheit: „Ein akademisch gelehrter Beruf, der kranken Menschen helfen will und sich auch darüber Rechenschaft abgeben will, ob ihm das gelingt, kann es seinen Mitgliedern nicht erlauben, diesen Standard von Rationalität zu unterschreiten." Das, so Wiesing und Fallgatter, gelte auch für die EKT.

Patienten hingegen hätten selbstverständlich das Recht, die EKT abzulehnen, „auch aufgrund unbegründeter Assoziationen“. Eine EKT gegen den Willen eines Patienten sei allenfalls in höchst seltenen Ausnahmefällen zu erwägen, etwa „wenn die Willensäußerung des Patienten krankheitsbedingt beeinflusst ist, eine erhebliche Gefährdung des Patienten vorliegt und keinerlei andere Therapien auf Besserung hoffen lassen“. Verweigert zum Beispiel ein einwilligungsunfähiger Patient die indizierte Behandlung, ist über das Betreuungsrecht eine EKT auch gegen den natürlichen Willen möglich. 

Zusammenfassend lautet die wohl wichtigste Schlussfolgerung von Fallgatter und Wiesing: „Es ist ethisch geboten, Patienten mit einer entsprechenden Indikation die EKT anzubieten und sie gegebenenfalls auch in ein EKT-Zentrum zu verlegen, wenn die EKT nicht vor Ort durchgeführt werden kann."