Auch in Deutschland höchstes Sterberisiko für Arme und Arbeitslose

  • BMJ Open

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Armut und Arbeitslosigkeit sind auch in Deutschland mit einem erhöhten Sterberisiko assoziiert. Dies geht aus der Analyse von Daten der Deutschen Rentenversicherung hervor, die Pavel Grigoriev, Rembrandt Scholz und Vladimir M. Shkolnikov vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock vorgenommen haben. Über die Ergebnisse ihrer Berechnungen berichten die Forscher im Fachmagazin „BMJ Open“.

„Zum ersten Mal stehen wir auf sicherer Datenbasis, wenn wir die einzelnen Faktoren und ihren Einfluss auf die Sterblichkeit in Deutschland bewerten“, sagt Pavel Grigoriev, der zusammen mit seinen Kollegen die Daten von 27 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ausgewertet hat. Ähnliche Untersuchungen für Deutschland nutzten bisher wesentlich kleinere Datensätze, die aus Umfragen stammten und daher weniger aussagekräftig waren.

Höhe des Einkommens besonders wichtig 

Die neuen Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, einen Job zu haben: Arbeitslosigkeit verdoppelt das Sterberisiko. Noch wichtiger ist das Einkommen, vor allem für die Männer: Die Sterblichkeit des am schlechtesten verdienenden Fünftels lag um 150 Prozent über dem des am besten verdienenden Fünftels. Schlechtere Bildung erhöhte das Sterberisiko für Männer hingegen nur um etwa 30 Prozent.

Um die Sterberisiken vergleichbar zu machen, rechneten die Forscher den Einfluss des Alters heraus. So spielt es etwa keine Rolle, dass Arbeitslose im Durchschnitt älter sind als Menschen mit Job, und schon daher häufiger sterben. Vielmehr wurde die Altersstruktur aller Bevölkerungsgruppen statistisch so angeglichen, dass alle die gleiche Zusammensetzung hatten. Sterblichkeitsunterschiede sind darum nur noch auf die verbleibenden Faktoren wie Arbeitslosigkeit oder Einkommen zurückzuführen.

Ost- oder Westdeutschland? Per se nicht entscheidend

„Einen verschwindend geringen Einfluss auf das Sterberisiko hat die Wohnregion“, sagt Pavel Grigoriev. Zwar sei das Sterberisiko im Osten etwa für die Männer um ein Viertel höher als im Westen. Rechnet man aber die Einflüsse von Arbeitslosigkeit, Bildung, Einkommen und Nationalität heraus, verschwindet der Unterschied. Dass die Sterberate der Männer im Osten höher ist, liegt also daran, dass es dort einen höheren Anteil an Arbeitslosen, an weniger Gebildeten und an Menschen mit geringerem Einkommen gibt. Denn all diese Faktoren erhöhen die Sterblichkeit. Andere in Ost und West unterschiedliche Faktoren, wie etwa die medizinische Infrastruktur, scheinen hingegen eine verschwindende Rolle zu spielen.

Am stärksten benachteiligt: Männer im Osten

Wie extrem der sozioökonomische Status, vor allem Einkommen, Arbeitsstatus und Bildung, die Überlebenschancen beeinflusst, zeigt die am stärksten benachteiligte Gruppe der Männer im Osten: 14 Prozent zählen hier zur untersten Einkommens- und Bildungsschicht. Diese Gruppe hat im Vergleich zur höchsten Einkommens- und Bildungsschicht ein mehr als achtmal so hohes Sterberisiko. In Westdeutschland ist die am stärksten benachteiligte Gruppe unter den Männern mit rund elf Prozent Bevölkerungsanteil kleiner, und mit einem gut fünfmal so hohen Sterberisiko etwas weniger benachteiligt. Zumindest für die Männer sind die Sterberisiken im Osten also deutlich ungleicher verteilt als im Westen. Trotzdem beeinflussen auch im Westen Einkommen und Arbeitslosigkeit das Sterberisiko erheblich. Bei den Frauen sind die Unterschiede vor allem beim Einkommen weniger stark ausgeprägt. Arbeitslosigkeit und Bildung wiegen gleich schwer wie bei den Männern.

Armut ein kardiovaskulärer Risikofaktor

Einen wesentlichen Anteil an der erhöhten Sterblichkeit von armen, arbeitslosen und weniger gebildeten Menschen haben Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In den letzten 30 Jahren hätten viele Studien gezeigt, dass auch in Deutschland, trotz des hohen allgemeinen Wohlstandes und der sozialen Sicherungssysteme, ein enger Zusammenhang zwischen sozialem Status und Gesundheit sowie Krankheiten bestehe, so Privatdozent Dr. Thomas Lampert vom Robert Koch-Institut in Berlin, der internationale wissenschaftliche Publikationen dazu ausgewertet hat. Danach sei Armut auch in Deutschland ein kardiovaskulärer Risikofaktor. So erleiden nach Angaben des Berliner Wissenschaftlers Menschen aus sozial benachteiligten Verhältnissen zwei- bis dreimal häufiger einen Herzinfarkt oder Schlaganfall als Menschen, die unter besseren Bedingungen leben. Trotz weitgehend gleicher Behandlung im Krankenhaus erholten sie sich schlechter. „So verkürzt ein Herzinfarkt das Leben der Betroffenen in ärmeren Bevölkerungsschichten um rund fünf Jahre. Patienten mit höherem Einkommen verlieren nur etwa dreieinhalb Jahre“, erläutert Thomas Lampert.

Viel Arbeit, wenig Lob

Die sozialen Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen können laut Lampert nur zum Teil auf verhaltensbezogene Risikofaktoren zurückgeführt werden. Ärmere Menschen rauchen in Deutschland zwar häufiger und sind eher übergewichtig. Außerdem ernähren sie sich ungesünder und bewegen sich weniger. Zum Teil sind sie am Arbeitsplatz auch ungesunden Belastungen ausgesetzt. Es gibt aber auch psychische Stressoren. Dazu zählen beispielsweise hohe Arbeitsanforderungen in Kombination mit geringer Selbstbestimmung. Aber auch „Gratifikationskrisen“  gehen mit einem erhöhten Infarkt-Risiko einher. Solche Krisen entstehen durch das empfundene Missverhältnis von persönlichem Engagement am Arbeitsplatz und dem gezahlten Lohn oder das fehlende Lob durch Kollegen und Vorgesetzte. Vielen ärmeren Menschen fehlt es zudem an sozialen Kontakten. Der Verlust des Partners oder des Arbeitsplatzes führten bei ihnen schneller zu Lebenskrisen. Außerdem gehen ärmere Menschen seltener zum Arzt und reagieren später auf gesundheitliche Beschwerden.