Auch bei der Kohlenhydrat-Zufuhr gilt offenbar: In der Mitte liegt das Glück


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Eine moderate Kohlenhydrat-Zufuhr ist für die Lebenserwartung einer kohlenhydratreichen Kost überlegen; dies trifft auch für den Vergleich mit einer kohlenhydratarmen Ernährung zu - wenn die Eiweiße und die Fette dieser „Low-carb“-Diät tierischen Ursprungs sind. Bei pflanzlicher Herkunft ist es umgekehrt.

Hintergrund

Die Frage, welche Ernährung am ehesten eine gesundes und langes Leben ermöglicht, ist nicht nur ein beliebtes Thema für den Dinner-Smalltalk, sondern auch für die Wissenschaft. Allerdings haben die Gelehrten noch keine Antworten gefunden, die eine große Mehrheit restlos überzeugt. Denn die meisten Studien zum Zusammenhang zwischen Ernährung und Zusammensetzung der Ernährung einerseits sowie Gesundheit, Krankheit und Lebensdauer andererseits sind Beobachtungsstudien. Die Aussagekraft solcher Studien ist allerdings eingeschränkt. So gut wie unstrittig ist daher wahrscheinlich und überspitzt formuliert nur die Aussage, dass - gemessen am Energiebedarf - eine zu große Energiezufuhr gesundheitsschädlich ist, eine deutlich zu geringe allerdings auch. Wobei allerdings etwas Askese mehreren Untersuchungen zufolge ein langes Leben verspricht. Um weitere Erkenntnisse zu dem komplexen Zusammenhang zwischen Ernährung und Lebensdauer zu gewinnen, haben nun US-Wissenschaftler eine weitere Daten-Analyse vorgenommen

Design

Ausgewertet wurden Daten von 15.428 Erwachsenen (45 bis 64 Jahre), die zwischen 1987 und 1989 bei Aufnahme in die ARIC-Studie (Atherosclerosis Risk in Communities) einen Fragebogen zu ihrer Ernährung ausgefüllt und sich nach eigenen Angaben weder besonder kalorienarm noch kalorienreich ernährt hatten (Männer täglich weder unter 600 kcal noch über 4200 kcal, Frauen weder unter 500 noch über 3600 kcal). Primärer Endpunkt der prospektiven Kohortentudie war die Gesamtmortalität. Für die aktuelle Publikation wurde nun der Zusammenhang zwischen Gesamtmortalität und Kohlenhydrat-Zufuhr (Anteil an der gesamten Energiezufuhr) untersucht. Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden dann in einer Metaanalyse gemeinsam mit den Ergebnissen von sieben prospektiven Studien aus den USA, Europa und ausgewertet. Die Zahl der Studien-Teilnehmer betrug insgesamt 432.179.

Hauptergebnisse

Die Daten der Kohorten-Studie zeigen, dass bei der Kohlenhydrat-Zufuhr ein Mittelweg für viele Menschen wohl der beste Weg ist. Denn Teilnehmer mit einer Zufuhr entsprechend einem Anteil von 50 bis 55% der Gesamtenergie-Zufuhr hatten eine geringere Gesamtmortalität als die Teilnehmer mit einem vergleichsweise geringen Anteil (70%).

Nach Schätzungen der Autoren haben 50-Jährige mit moderater Kohlenhydrat-Zufuhr (50 bis 55%) noch eine Lebenserwartung von weiteren 33 Jahren und jene mit geringer Zufuhr (unter 40%) noch eine Lebenserwartung von 29 Jahre. 50-Jährige mit kohlenhydratreicher Ernährung (Energieanteil über 70%) leben den Schätzungen zufolge noch 32 Jahre. 

Die Metaanalyse bestätigte das Resultat zur geringsten Gesamtmortalität bei moderater Kohlenhydrat-Zufuhr.

Außerdem zeigten weitere Analysen, dass es offenbar nicht allein auf die Energiemenge ankommt, sondern auch auf die Energiequellen. Kohlenhydratarme Diäten, in denen die Kohlenhydrate durch Proteine und Fette tierischer Herkunft ersetzt wurden, schnitten beim Parameter „Gesamtmortalität“ schlechter ab als eine Diät mit moderater Kohlenhydrat-Aufnahme. Bei Ersatz der Kohlenhydrate durch Eiweiße und Fette pflanzlicher Herkunft schnitt diese „Low-carb“-Diät am besten ab.  

Klinische Bedeutung

Die Studie zeige zum einen, dass eine kohlenhydratreiche Kost und auch eine kohlenhydratarme für die Gesundheit nicht so gut sind wie eine moderate Kohlenhydrat-Zufuhr, so der an der Studie beteiligte Epidemiologe und Ernährungswissenschaftler Professor Walter Willet (Boston). Die Studie zeige zudem, dass es allerdings hauptsächlich darauf ankomme, wo die Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße stammten. 

Die Studie spricht demnach für die in den westlichen Ländern ohenhin meist propagierte fleisch- und wurstarme Ernährung mit Obst, Gemüse und Nahrungsmitteln aus Getreide.

Problem auch dieser Ernährungs-Studie ist, dass es sich um eine Kohortenstudie handelt; ein Unsicherheitsfaktor ist dabei auch, dass die Teilnehmer einen Fragebogen ausfüllen mussten, und zwar zu Beginn der Studie und dann sechs Jahre später. Eine randomisierte und kontrollierte Langzeitstudie ist daher weiterhin erwünscht, dürfte jedoch aber kaum zu realisieren sein.

Finanzierung: National Institutes of Health