Auch alltägliche „sportfreie“ Bewegung kann das Wohlbefinden steigern


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

Körperliche Aktivität fördert die Stimmung und ist wichtig, um auch psychisch gesund zu bleiben. Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim haben untersucht, welche Hirnregionen dabei eine zentrale Rolle spielen. Die Ergebnisse zeigen: Man muss sich nicht unbedingt besonders schweißtreibenden sportlichen Tätigkeiten hingeben, um sich rundum wohl und fit zu fühlen. „Schon das alltägliche Treppensteigen kann helfen, sich wach und energiegeladen zu fühlen und damit das Wohlbefinden zu steigern“, erläutern die beiden Erstautoren der Studie, Dr. Markus Reichert (ZI und KIT) sowie Dr. Urs Braun vom ZI. Besondere Relevanz haben die Forschungsergebnisse womöglich in der derzeitigen Situation mit Corona-Beschränkungen und dem bevorstehenden Winter. „Aktuell leiden wir unter starken Einschränkungen des öffentlichen Lebens und unserer sozialen Kontakte, was sich auf unser Wohlbefinden niederschlagen kann“, so ZI-Wissenschaftlerin Professorin Heike Tost, ebenfalls Studienautorin, in einer Mitteilung zu der Studie.

67 Probanden und eine neuartiger Kombination verschiedener Methoden

„Die Untersuchungen wurden durch eine neuartige Kombination verschiedener Forschungsmethoden im Alltag und im Labor möglich“, so Professor Ulrich Ebner-Priemer, (ZI Mannheim und KIT). Eingesetzt wurden Alltagserhebungsverfahren (sogenannte Ambulante Assessments) mit Bewegungssensoren und Smartphone-Abfragen zum Wohlbefinden, die anhand von Geolokalisations-Daten ausgelöst wurden, sobald sich die Studienteilnehmer bewegten. Mit diesen Verfahren wurde der Mitteilung zufolge bei 67 Probanden der Einfluss der Alltagsaktivität auf Wachheit und Energiegeladenheit über sieben Tage hinweg erfasst. Dabei zeigte sich, dass die Probanden sich direkt nach alltäglicher Aktivität wacher und energiegeladener fühlten. Wachheit und Energiegeladenheit wiederum waren nachweislich wichtige Komponenten des Wohlbefindens und der psychischen Gesundheit der Probanden.

Gehirnareale für Alltagsbewegung und Wohlbefinden identifiziert

Kombiniert wurden diese Analysen bei einer weiteren Gruppe von 83 Personen mit MRT-Befunden. Dabei wurde das Volumen der grauen Hirnsubstanz gemessen, um herauszufinden, welche Areale im Gehirn für diese Alltagsprozesse eine Rolle spielen. Wichtig für das Zusammenspiel von Alltagsbewegung und affektivem Wohlbefinden ist ein Bereich der Großhirnrinde, der subgenuale Anteil des vorderen cingulären Cortex. Diese Hirnregion spielt eine zentrale Rolle bei der Regulation von Emotionen und der Widerstandsfähigkeit gegen psychische Erkrankungen. Von Autoren der Studie wurde diese Hirnregion nun als ein entscheidendes neuronales Korrelat identifiziert, das den Zusammenhang von körperlicher Aktivität und subjektiver Energiegeladenheit vermittelt. „Personen, die ein geringeres Volumen an grauer Hirnsubstanz in dieser Region aufwiesen und ein erhöhtes Risiko haben, an psychiatrischen Erkrankungen zu leiden, fühlten sich einerseits weniger energiegeladen, wenn sie körperlich inaktiv waren“, beschreibt Heike Tost die Ergebnisse, „aber andererseits nach alltäglicher Bewegung deutlich energiegeladener als Personen mit größerem Hirnvolumen.“

Spezifischer Nutzen von körperlicher Aktivität im Alltag

Professor Andreas Meyer-Lindenberg, Vorstandsvorsitzender des ZI und Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, schlussfolgert: „Die Ergebnisse weisen damit auf einen spezifischen Nutzen von körperlicher Aktivität im Alltag für das Wohlbefinden hin, insbesondere bei Menschen, die anfällig für psychiatrische Erkrankungen sind.“ Zukünftig könnten die in der Studie gewonnen Ergebnisse im Alltag dazu führen, dass eine auf dem Smartphone installierte App bei sinkender Energie die Nutzer zu Bewegung stimulieren soll, um das Wohlbefinden zu steigern. „Langfristig ist in Studien zu klären, ob sich durch Alltagsbewegung kausal das Wohlbefinden und das Hirnvolumen verändern lassen und inwieweit diese Ergebnisse helfen könnten, psychiatrische Erkrankungen zu vermeiden und zu therapieren,“ so Urs Braun.