Asylgrund Angst vor Genitalverstümmelung: rechtsmedizinische Untersuchungsbefunde


  • Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten

Kernbotschaften

Die Entfernung von Klitoris und Klitorisvorhaut ließ sich meist problemlos feststellen, wohingegen die Beurteilung, ob die großen und kleinen Schamlippen vollständig vorhanden sind, Schwierigkeiten bereiten konnte. Die Differenzierung zwischen Exzision und Infibulation nach vaginalen Entbindungen war naturgemäß nicht möglich. Die rechtsmedizinische Befunderhebung trägt möglicherweise zum Schutz von Mädchen vor Genitalverstümmelungen im Heimatland bei.

Hintergrund

Die Verstümmelung der äußeren Genitalien von Frauen durch teilweise oder vollständige Entfernung der äußeren anatomischen Strukturen („female genital mutilation“, FGM) wird weltweit in mehr als 30 Ländern praktiziert. Weltweit seien nach Schätzungen mehr als 200 Millionen Mädchen und Frauen in mehr als 30 vorwiegend, jedoch nicht ausschließlich afrikanischen Ländern genitalverstümmelt, schreiben Münchener Rechtsmediziner um die Privatdozentin Bettina Zinka.

In vielen Regionen hat die FGM traditionelle Gründe; Familien, deren Töchter nicht „beschnitten“ sind, riskieren nach Angaben der Rechtsmediziner soziale Ausgrenzung. Seit Anfang des Jahres 2017 wurden am Institut für Rechtsmedizin der Universität München im Auftrag des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 153 genitale Untersuchungen bei Mädchen und Frauen vorgenommen, die aus ihren Herkunftsländern geflohen waren. Das BAMF erwünschte Stellungnahmen zu der Frage, ob bei den Probandinnen in der Vergangenheit eine Genitalverstümmelung erfolgt war oder nicht, da sie die Flucht vor drohender Genitalverstümmelung als Asylgrund angegeben hatten.  

Design

Untersucht wurden 153 weibliche Flüchtlingen aus Afrika. Überprüft wurde dabei das vollständige Vorhandensein von Klitoris, Klitorisvorhaut, kleinen und große Schamlippen sowie Narben und einer evtl. Einengung des Introitus. Die erhobenen FGM-Befunde wurden gemäß der Klassifikation der WHO den FGM-Typen I (Klitoridektomie), II (Exzision), III (Infibulation) oder IV (sonstige) zugeordnet. 

Hauptergebnisse

Von den 153 untersuchten Frauen und Mädchen stammte der Großteil aus Nigeria (n = 109) und Somalia (n = 27). Bei 52 war eine FGM vorgenommen worden, sieben von ihnen waren Kinder und Jugendliche. Zu beurteilen, ob überhaupt eine FGM vorlag, war laut den Rechtsmedizinern ohne größere Schwierigkeiten möglich. Bei 18 Frauen war eine Klitoridektomie, bei 30 eine Exzision und bei vier eine Infibulation nachweisbar. Von den 30 Untersuchten mit FGM- Typ II hätten sieben jedoch angegeben, zuvor einer Infibulation und einer entbindungsbedingten Deinfibulation ausgesetzt gewesen zu sein. Narben hätten sich nur selten und „in dezenter Ausprägung abgrenzen lassen“. 

Bedeutung

Die Auswirkungen der rechtsmedizinischen Begutachtungen für die Untersuchten könnten derzeit nicht abgeschätzt werden, erklären die Autoren. Nach ihrem Kenntnisstand sei eine bereits erfolgte Genitalverstümmelung kein „anerkannter Asylgrund, sondern allenfalls eine (noch) nicht erfolgte FGM, da die Betroffenen bei Rückkehr in ihr Heimatland ggf. der Gefahr einer noch durchzuführenden Genitalverstümmelung oder – je nach Herkunftsland – auch der einer Reinfibulation ausgesetzt wären“. Die rechtsmedizinische Befunderhebung könne möglicherweise zum Schutz von Mädchen vor Genitalverstümmelungen im Heimatland beitragen, wenn diese als Grundlage dafür diene, „dass unverstümmelten Mädchen genau aufgrund dessen Asyl in Deutschland gewährt würde, wohl gemeinsam mit ihren Eltern“.