Arztpraxis reif für Physician Assistant?

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In Kliniken sind Physician Assistants schon im Einsatz. In der ambulanten Versorgung haben sie noch einen Exotenstatus, aber es tut sich etwas. Sachsen kündigt an, die Arztassistenten „in die Fläche“ bringen zu wollen. Und in Niedersachsen würde ein Allgemeinmediziner gerne Physician Assistants einsetzen, um in dem ärztlich verwaisten Emsland die Menschen adäquat versorgen zu können.  

 

Was Ärztemangel bedeutet, erfährt Dr. Volker Eissing aus Papenburg im nördlichen Emsland jeden Tag in seiner Praxis. Um 5.45 Uhr beginnt er morgens die Sprechstunde, um 19 Uhr ist er fertig. Nur so schaffen es er und seine vier Kollegen sowie 75 Medizinische Fachangestellte (MFA) in dem Medizinischen Versorgungszentrum „Birkenallee“, 15.000 Fälle im Quartal zu behandeln. In der Region fehlen Ärzte, „im Umkreis von 18 Kilometer sind sieben Ärzte schon 70 Jahre alt“, erzählt Eissing. Es ist absehbar, dass in naher Zukunft noch mehr Patienten ohne Arzt da stehen werden.

 

Delegation voll ausgeschöpft

Eissing hat sich schon viel einfallen lassen, um der Patientenflut Herr zu werden. Dazu gehört, grundsätzlich alle Möglichkeiten der Delegation zu nutzen. Im „Gesundheitszentrum Birkenallee“ 17 gibt es Arzthelferinnen und Arzthelfer, die gewissermaßen Versorgungsspezialisten sind. Eine MFA kümmert sich um die Typ-2-Diabetiker, eine andere nur um chronische Schmerzpatienten und wiederum ein anderer Arzthelfer um Hypertoniker. Doch der Delegation von Leistungen an MFA sind rechtlich Grenzen gesetzt. Um ärztliche Aufgaben auf nichtärztliche Mitarbeiter übertragen zu können, will Volker Eissing in Zukunft ausgebildete Physician Assistants in dem MVZ anstellen. Zusammen mit dem Krankenhaus Ludmillenstift in Meppen versucht der 58-Jährige deshalb gerade, dort einen Außenstandort von einer Hochschule anzusiedeln, die Physician Assistants in einem berufsbegleitenden Studiengang ausbildet. Pfleger und MFA, die in der Region verwurzelt sind, sollen sich ortsnah weiterbilden können. Sieben Arzthelfer aus Eissings MVZ würden gerne das PA-Studium aufnehmen. Ursprünglich geplant war, dass der Lehrbetrieb in Meppen im Oktober 2019 startet. „Realistischer ist wohl der 1. April 2020“, sagt Dr. Eissing. Ob das Projekt erfolgreich sein wird, hängt davon ab, wie viele Unterstützer der Papenburger Hausarzt und das Krankenhaus finden.

 

PA-Ausbildung durch Vertragsärzte mitgestalten

Ein Gespräch mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zu seinem Vorhaben hat Eissing Ende Juni geführt. Die Zusammenfassung der „lebhaften Diskussion zum Pro und Contra“, welche die KV auf Nachfrage der Presseagentur für Gesundheit liefert, zeigt, welch ambivalentes Verhältnis viele Vertragsärzte zum Physician Assistant haben. Einerseits sehen die Praxisinhaber, dass sie angesichts der steigenden Zahl chronisch Kranker und des Ärztemangels Entlastung im Arbeitsalltag brauchen. Andererseits sitzt die Furcht vor Haftungsrisiken und einer Substitution des Arztes durch Arztassistenten tief. Bevor PAs etabliert werden, solle doch versucht werden, „die Bürokratie in den Arztpraxen abzubauen, damit Ärztinnen und Ärzte mehr Zeit für die Patienten haben“, teilt der Sprecher der KV mit. Gleichwohl will man den PA die Praxistür nicht zuschlagen. In der Diskussion sprechen sich die KV-Vertreter dafür aus, eine PA-Ausbildung zu etablieren und das Curriculum im Interesse der Niedergelassenen mitzugestalten.

 

PA willkommen, wo der Arztmangel groß ist

Bei den Lehrplänen mitreden würde auch die KV Sachsen-Anhalt gerne. An der Hochschule Magdeburg-Stendal soll ab dem kommenden Jahr ein PA-Studiengang eingerichtet werden. Dort sieht man die Bereitschaft der KV, an dem Curriculum mitzuwirken, grundsätzlich positiv. Eine ambulante Ausrichtung der Ausbildung könnte der Hochschule ein Alleinstellungsmerkmal sichern. Denn bei den bislang existierenden Hochschulen und Berufsakademien liegt der Fokus in der Ausbildung der PA „eher auf klinischen Aspekten“, wie KV-Vorsitzender Dr. Burkhard John feststellt. Laut einem Bericht der „Ärzte Zeitung“ ist die Mehrheit der Hausärzte in Sachsen-Anhalt dem Einsatz von Physician Assistants nicht abgeneigt. Mit ihm ließe sich laut John die Zahl der delegierbaren Aufgaben verdoppeln: Von jetzt etwa 20 bis 30 Prozent beim Einsatz einer VERAH auf knapp 60 Prozent bei Tätigkeit eines PA.    

 

In Sachsen sollen PA Ärzte entlasten

Sachsen hat den Physician Assistant inzwischen als eine von mehreren Waffen entdeckt, mit dem es den Ärztemangel in dem Bundesland bekämpfen will. Anfang Juni gaben das Sozialministerium, die Landeärztekammer, die Krankenhausgesellschaft, die AOKplus und die KV in einer gemeinsamen Mitteilung bekannt, künftig Modelle zur Delegation und „neue Berufsbilder wie nichtärztliche Praxisassistenten und Physician Assistants“ fördern zu wollen. Wie das aussehen könnte und ob es  schon konkrete Pläne gibt, dazu äußert sich die KV Sachsen auf Nachfrage nur ganz allgemein. Der PA sei eine Möglichkeit, neue Wege der Delegation zu erschließen, heißt es. Mit der Berufsakademie in Plauen stehe man zudem im aktiven Austausch, um gemeinsame Aktionspotenziale zu identifizieren mit dem Ziel, durch PA Ärzte zu entlasten und Absolventen bestmöglich in die Tätigkeitsfelder zu integrieren.

 

Honorierungsfrage muss geklärt werden      

Ein Grund, warum Physician Assistants in der ambulanten Medizin noch nicht angekommen sind: Frage der Honorierung ist noch nicht geklärt. Dr. Volker Eissing hätte eine Idee für eine Lösung. „Unser Vorschlag wäre, dass pro PA 500 Patienten mehr im Quartal abgerechnet werden dürfen. Das wäre einfach und man bräuchte keine zusätzlichen EBM-Ziffern.“ Ganz so einfach sieht die KV Niedersachsen diese Idee nach Aussage ihres Sprechers nicht: Sowohl EBM als auch die Honorarverteilung müssten dafür erst angepasst werden.

Eine Erhöhung des Budgets der Niedergelassenen hält auch der Berufsverband der PA für erforderlich. Mit der Beschäftigung eines PA könnten mehr Patienten von einer Praxis betreut werden. „Der Einsatz eines PA sollte generell mit einer Steigerung des Budgets pro Facharzt von mindestens 20 Prozent verbunden sein“, sagt Alexander Rabih Spiecker von der Deutschen Gesellschaft für Physician Assistants. – Die Unterversorgung dürfte die Etablierung dieses neuen Berufs vorantreiben.