Antikörper zur Migräne-Prophylaxe: wirksam, aber nicht bei allen Patienten

  • Deutsche Schmerzgesellschaft

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Zur Migräne-Prophylaxe sind seit wenigen Monaten mit den monoklonalen Antikörpern gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) effektive neue Wirkstoffe verfügbar. Die Wirksamkeit dieser Antikörper (Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab) ist in mehreren Studien belegt worden. Allerdings wirken sie nicht bei allen Patienten. Und wie bei den meisten neuen Arzneimittel fehlen noch Langzeit-Daten - insbesondere zur Sicherheit. Für wen diese neuen Arzneimittel geeignet sind und wie sie sich im klinischen Alltag bewähren, wird ein Thema beim kommenden Deutschen Schmerzkongress (9. bis 12. Oktober) in Mannheim sein.

Etwa 18 Millionen Migräne-Patienten in Deutschland

Experten schätzen die Zahl der Menschen in Deutschland, die an Migräne leiden, auf etwa 18 Millionen. Außer Schmerzen beeinträchtigen die Begleitsymptome wie beispielsweise Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit die Lebensqualität der Patienten erheblich. Auch ihre Arbeitsfähigkeit wird dadurch eingeschränkt. „Deshalb wächst neben Mitteln gegen akute Attacken die Bedeutung von Arzneien, die Migräne-Attacken vorbeugen“, sagt Professor Dr. med. Till Sprenger, Tagungspräsident des Deutschen Schmerzkongresses und Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Neurologie der DKD Helios Klinik Wiesbaden. 

Neue Optionen für therapierefraktäre Patienten

Seit Kurzem sind in Deutschland drei monoklonale Antikörper zugelassen, die zur Prophylaxe von Migräne-Attacken bei therapierefraktären Patienten eingesetzt werden können, und zwar  Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab. Vor der Tür steht Rimegepant, zu dem kürzlich die positiven Ergebnisse einer placebo-kontrollierten Phase-3-Studie im Fachblatt „The Lancet“ erschienen sind. Diese Studie bestätigt die Resultate einer kurz zuvor publizierten ähnlichen Phase-3-Studie der selben Arbeitsgruppe im „New England Journal of Medicine“.

„Die monoklonalen Antikörper blockieren ein Neuropeptid beziehungsweise dessen Rezeptor, von dem wir schon längere Zeit wissen, dass es sich um einen wichtigen Botenstoff bei der Entstehung von Migräne-Attacken handelt“, erklärt Sprenger. Dieses sogenannte Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) wird aus Nervenzellen freigesetzt, überträgt Schmerzsignale und erweitert die Blutgefäße. Die monoklonalen Antikörper zirkulieren als immunologisch aktive Eiweiße im Körper und erkennen eine bestimmte Oberflächenstruktur des Botenstoffs CGRP beziehungsweise des CGRP-Rezeptors, binden daran und blockieren somit die Weiterleitung des Migränesignals. 

Bei jedem zweiten Patienten effektiv

Wie effektvoll die neuen verfügbaren Medikamente sind, zeigten verschiedene Studien. Durchschnittlich reduzierte sich etwa bei jedem zweiten Patienten die Häufigkeit der Attacken um 50 Prozent.  „Wir wissen derzeit noch nicht, warum nur ein Teil der Patienten auf die Therapie anspricht“, gibt Sprenger zu bedenken. In Zukunft könnten eventuell Biomarker helfen, vor Beginn einer Therapie diejenigen Patienten zu identifizieren, die besonders von einer Therapie profitieren.

Etablierte Substanzen dennoch nicht „out“

„Dieses Wissen ist auch deshalb so wichtig, da die neuen Medikamente einen relativ hohen Preis haben“, ergänzt Dr. med. Charly Gaul, Pressesprecher der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) e.V. und Ärztlicher Direktor an der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein. Für die monoklonalen Antikörper sprächen die gute Verträglichkeit und die einfache Anwendung mit einer einmal im Monat (oder sogar einmal im Quartal) erfolgenden Injektion. „Trotz der neuen Option der CGRP-(Rezeptor-)Antikörper behält die herkömmliche Migräne-Vorbeugung mit Tabletten oder durch die Behandlung mit Botulinumtoxin ihre Bedeutung. Die Wirksamkeit ist fast so gut wie bei den monoklonalen Antikörpern, allerdings bei etwas schlechterer Verträglichkeit“, so Gaul. Diese etablierten Substanzen haben den Vorteil, dass sie in Bezug auf die Langzeitverträglichkeit gut erforscht sind. Für die Antikörper gibt es hingegen noch keine ausreichenden Daten zur Langzeitverträglichkeit und -sicherheit. Notwendig sind darüber hinaus qualitativ hochwertige Studien, in denen die Antikörper mit Triptanen verglichen werden.