Antigen-Schnelltests: Was sie können und was nicht

  • Michael van den Heuvel
  • The Lancet

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles by Medscape
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Alle Bürger sollen die Möglichkeit bekommen, sich unabhängig von Symptomen oder Risikokontakten per Antigen-Schnelltest untersuchen zu lassen. Hier sieht Spahn neben Testzentren öffentliche Apotheken in der Pflicht. Die Kosten übernimmt der Bund.

Außerdem wird demnächst die Abgabe von Corona-Antigentests an Privatpersonen erlaubt. „Bislang wurden beim BfArM fast 30 Anträge auf Sonderzulassung von Laien-Tests gestellt“, informiert das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Es erwartet Anfang März die ersten Sonderzulassungen.

Doch welche Bedeutung haben Schnelltests zur Kontrolle der Pandemie? Mit dieser Frage befasst sich Dr. Michael J. Mina von der Harvard T.H. Chan School of Public Health, Boston, zusammen mit Kollegen, in The Lancet. „Der Einsatz von Lateral-Flow-Antigen-Schnelltests (LFT) für SARS-CoV-2 wurde aufgrund unbestätigter Berichte über eine schlechte Sensitivität infrage gestellt“, schreiben die Experten. „Als Wissenschaftler und Mediziner, die einige der weltweit größten LFT-Pilotprojekte auswerten, möchten wir diese Interpretationen in Frage stellen und die Evidenz darüber klären, wie ein solcher Test eingesetzt werden kann (…).“

Die PCR – ein Goldstandard mit Schattenseiten

Seit Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie setzen Labors weltweit auf die quantitativen Reverse-Transkriptase-Polymerase-Kettenreaktion mit 30 bis 40 Zyklen oder mehr. „Die PCR ist somit ein leistungsfähiger klinischer Test, insbesondere wenn ein Patient mit SARS-CoV-2 infiziert ist oder kürzlich infiziert war“, so die Autoren. Sie sehen aber auch Defizite: „RNA-Fragmente können noch Wochen nach Eliminierung des infektiösen Virus im Körper verbleiben (…).“ Dies führe – bezogen auf eine mögliche Infektiosität – mitunter noch längere Zeit zu falsch-positiven Ergebnissen.

Für Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit sei deshalb ein anderer Ansatz erforderlich. „Tests, die helfen sollen, die Ausbreitung von SARS-CoV-2 zu verlangsamen, fragen nicht, ob jemand RNA von einer früheren Infektion in der Nase hat, sondern ob er heute infektiös ist“, erklären Mina und seine Kollegen. „Unserer Ansicht nach ist der aktuelle PCR-Test daher nicht der geeignete Goldstandard für die Bewertung eines SARS-CoV-2-Tests für die öffentliche Gesundheit.“

Wann sind Patienten infektiös?

Zum Hintergrund: Laut Robert Koch-Institut beträgt die mittlere Inkubationszeit, also die Zeit von der Ansteckung bis zum Beginn der Erkrankung, 5 bis 6 Tage. Der genaue Zeitraum, in dem Ansteckungsfähigkeit besteht, ist noch unbekannt. Bislang weiß man jedoch, dass die Kontagiosität in der Zeit um den Symptombeginn am größten ist.

Patienten sind nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 im Median 22 bis 33 Tage PCR-positiv – länger bei schweren Infektionen und kürzer bei asymptomatischen Personen. „Dies legt nahe, dass 50 bis 75% der Zeit, in der eine Person PCR-positiv ist, sie wahrscheinlich nicht mehr infektiös ist“, schreiben die Kommentatoren.

Vor diesem Hintergrund bewerten sie gängige Untersuchungsmethoden:

  • Antigen-Schnelltests detektieren – wie ihr Name verrät – virale Antigene, sprich Oberflächenproteine. Sprechen solche Assays an, liegen mit hoher Wahrscheinlichkeit biologisch aktive Viren in großer Menge vor; ein Patient ist infektiös.
  • Bei der PCR kann das auch zutreffen, jedoch detektiert das Verfahren auch Bruchstücke von Nukleinsäuren, die biologisch inaktiv sind. Der Patient ist in dem Fall nicht mehr infektiös.
  • Große Verwirrung herrscht bei Ct-Werten (cycle threshold). Darunter versteht man die Zahl an Vermehrungszyklen, bis das Fluoreszenzsignal deutlich ansteigt. Je höher die Ausgangskonzentration der gesuchten Sequenz im PCR-Test ist, desto geringer fällt die Anzahl der erforderlichen Zyklen aus. Damit kann der Ct-Wert als Maß für die Viruslast herangezogen werden (je höher, umso geringer die Viruslast). Es gibt jedoch keine internationale Standardisierung zwischen Laboren und Assays, was die Interpretation von Ct-Werten problematisch macht.

Daten aus der Praxis

Vor diesem Hintergrund wagen Mina und seine Kollegen einen Blick in die Praxis. LFTs wurden als Teil des britischen Testprogramms wegen ihrer vermeintlich geringen Sensitivität bei Personen ohne Symptome kritisiert – zu Unrecht, wie die Kommentatoren anmerken.

Als LFT- und PCR-Tests in einer Kohorte mit fast 8.000 Studenten der University of Birmingham parallel durchgeführt wurden, erkannten Lateral Flow Devices keine Infektionen mit PCR-Ct-Werten über 29-30. Werte über 30 weisen auf eine niedrige und Werte über 35 auf eine sehr niedrige Konzentration von SARS-CoV-2 hin.

In Summe detektierten Schnelltests nur 3,2% aller PCR-positiven Fälle. Man sehe mit den LFT-Tests eben nur akute SARS-CoV-2-Infektionen, für die Antigen-Schnelltests konzipiert worden seien, heißt es im Kommentar. PCR-Tests dagegen detektieren Nukleinsäure-Fragmente deutlich länger.

„Unserer Ansicht nach zeigte die Birmingham-Studie, dass PCR-positive asymptomatische Studenten zu einer Zeit sinkender COVID-19-Inzidenz im Vergleich zu symptomatischen Personen, die Testzentren aufsuchten, niedrige Viruslasten aufwiesen und dass der LFT wie erwartet funktioniert“, so das Fazit der Autoren. Sie betonen, wie wichtig bei Teststrategien eine „gesunde wissenschaftliche Debatte“ sei, um die Politik zu beraten.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf M edscape.de .