Antiepileptika bei Schwangeren: Französische Studie liefert wichtige Infos für eine sichere Therapie

  • Neurology

  • von Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

Wie eine aktuelle französische Studie bestätigt, können Epilepsie-Medikamente in der Schwangerschaft zu embryonalen Fehlbildungen führen. Es wird geraten, die Therapie vor der Schwangerschaft in Rücksprache mit dem behandelnden Neurologen auf Substanzen umzustellen, die das Kind nicht schädigen. „Doch nicht jedes Medikament ist für jede Epilepsieform geeignet und das individuelle Ansprechen kann unterschiedlich sein, so dass manchmal mehrere Präparate ausgetestet werden müssen, bevor die Patientin optimal eingestellt ist“, erklärt Professor Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. 

Sichere Anfallsprophylaxe besonders wichtig

Bei schwangeren Frauen, die an einer Epilepsie leiden, ist eine möglichst sichere Anfallskontrolle von besonderer Bedeutung, da Anfälle zu Stürzen führen können, die Mutter und Kind gefährden. Zum anderen kann es bei „großen“ Krampfanfällen auch zur Sauerstoff-Unterversorgung des Embryos (bzw. Feten) kommen. „Eine gute medikamentöse Einstellung ist also wichtig; andererseits sind einige Antiepileptika in der Schwangerschaft problematisch, da sie in der Zeit der embryonalen Organentwicklung, also in den ersten 10-12 Wochen der Schwangerschaft, zu Fehlbildungen des Embryos führen können“, erinnert Peter Berlit.

Zehn Antikonvulsiva, über 20 Fehlbildungen

Eine große Studie aus Frankreich untersuchte das Risiko der zehn häufigsten Antiepileptika und deren Auswirkungen auf die embryonale Entwicklung im Hinblick auf 23 spezifische angeborene Fehlbildungen. Aus der nationalen „French Healthcare“-Datenbank (SNIIRAM/SNDS) wurden fast 1,9 Millionen Schwangerschaften zwischen 2011 und 2015 analysiert. Als relevante Antiepileptika-Exposition (untersucht wurde nur die Monotherapie, keine Kombinationen oder andere Substanzen) galt die Einnahme von einem Monat vor bis zwei Monate nach Schwangerschaftsbeginn. 2997 Schwangere hatten Medikamente mit dem Wirkstoff Lamotrigin erhalten, 1671 Pregabalin, 980 Clonazepam, 913 Valproat, 579 Levetiracetam, 517 Topiramat, 512 Carbamazepin, 365 Gabapentin, 139 Oxcarbazepin und 80 Phenobarbital. Verglichen wurden diese Frauen mit Schwangeren ohne Exposition.

Die Auswertung ergab bei Valproat ein fast 20-fach (dosisabhängig) erhöhtes Risiko für Spina bifida, ein 9-faches Risiko für Herzscheidewand-Defekte, ein über 5-faches Risiko für Lippen-, Kiefer-Gaumenspalten sowie höhere Risiken für Analatresien und Fehlbildungen der Harnröhre. Bei Topiramat war das Risiko für Lippenspalten fast 7-fach erhöht, während es unter Clonazepam zu höheren Raten an Mikrozephalien kam und unter Phenobarbital zu mehr Herzscheidewand-Defekten. Unter Pregabalin traten Fehlbildungen der Aorta häufiger auf, bei Topiramat Lippen- und Gaumenspalten. 

Sichere Anfallsprophylaxe nicht unmöglich

Keine Zunahme der Fehlbildungsrisiken gab es für Lamotrigin, Levetiracetam, Carbamazepin, Oxcarbazepin und Gabapentin. Die Studie bestätigt die bereits aus kleineren Studien bekannte Embryotoxizität von Valproat, das auch häufig zur Migräneprophylaxe und bei psychischen Störungen eingesetzt wird, und Topiramat, zeigt aber auch, dass es Präparate gibt, die nach jetzigem Erkenntnisstand nicht zur Schädigung des Embryos führen. Dies trifft beispielsweise auf Lamotrigin zu – das Medikament, welches in der Studienkohorte am häufigsten verordnet worden war. 

„Bei einer geplanten Schwangerschaft sollte die Medikation nach Möglichkeit im Vorfeld auf risikofreie Substanzen umgestellt werden. Auch kann ein Wechsel auf ein solches Therapieregime in der frühen Schwangerschaft noch sinnvoll sein. Wenn allerdings aus klinischer Sicht der Einsatz eines Medikaments notwendig ist, das mit Risiken für das Kind einhergeht, weil mit den risikofreien Substanzen keine ausreichende Anfallsprophylaxe erzielt werden kann, muss das Vorgehen mit der Patientin besprochen werden – im Idealfall natürlich vor der Schwangerschaft. Patientin und Arzt sollten dann gemeinsam die Risiken unkontrollierter Anfälle für Mutter und Kind gegen die Toxizität des Medikamentes abwägen“, erklärt Peter Berlit.

„Wegen der doch erheblichen Risiken für das ungeborene Kind sollte Valproinsäure bei Frauen im gebärfähigen Alter auch grundsätzlich nicht zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden“ betont zudem Professor Hans-Christoph Diener (Essen). Ähnliches gelte für die psychiatrischen Indikationen von Valproat; hier könne oft auf Lamotrigin ausgewichen werden.