Antibiotikaresistenzen: RKI warnt vor schleichender Pandemie

  • Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Allein in Deutschland sterben jedes Jahr bis zu 9700 Menschen an Antibiotikaresistenzen, warnt das Robert Koch-Institut. Von einer "schleichenden Pandemie", sprach dessen Präsident Lothar H. Wieler am Dienstag anlässlich der Einweihung eines neuen WHO-Kompetenzzentrums für Antibiotikaresistenz, -verbrauch und nosokomiale Infektionen am RKI.

Weltweit sind es laut Schätzungen des Instituts für Health Metrics und Evaluation rund 1,3 Millionen Todesfälle pro Jahr. Die meisten durch Antibiotika verursachten Todesfälle entfielen dabei auf Blutstrominfektionen (47.200) gefolgt von intraabdominalen Infektionen (31.200 Todesfälle) und Atemwegsinfektionen (28.500 Todesfälle).

Kontinuierliche Erfassung unverzichtbar

Ohne wirksame Antibiotika würden viele Therapien der modernen Medizin wie Krebsbehandlungen und Transplantationen nicht mehr mit dem gleichen Erfolg durchgeführt werden können. „Um der Entstehung von Resistenzen und ihrer Ausbreitung bestmöglich zu begegnen, ist eine kontinuierliche Surveillance unverzichtbar“, warnte Wieler. Dabei soll das neue Kooperationszentrum die WHO unterstützen. Das RKI koordiniert bereits seit 2019 das WHO-Netzwerk Antimikrobielle Resistenz.

Schon seit Jahren erhebt daher das Berliner Institut umfassende Daten zu Antibiotikaresistenz und -verbrauch und wertet auch die Meldungen zu Erregern mit besonderen Resistenzen gemäß den Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes aus. Danach gibt hierzulande positive Entwicklungen, etwa die Abnahme von MRSA-Infektio­nen, aber auch problematische Trends, zum Beispiel die Zunahme bei Vancomycin-resistenten Enterokokken und zum Teil auch bei Carbapenem resistenten Enterobakterien, berichtete das RKI.

Großes Präventionspotential: Perioperative Antibiotika-Prophylaxe

Jeder Einsatz von Antibiotika sollte laut RKI gezielt und sachgerecht erfolgen, um die Resistenzbildung nicht zu fördern. Viel Aufmerksamkeit erfordere beispielsweise der sachgerechte Einsatz von Antibiotika zur perioperativen Prophylaxe im Rahmen von Operationen. „Antibiotika werden zu oft über den OP-Tag hinaus gegeben“, betonte das RKI. 13 Prozent aller Antibiotika-Anwendungen im Krankenhaus in Deutschland könnten eingespart werden, wenn konsequent auf den leitliniengerechten Einsatz geachtet würde.

85 Prozent aller Antibiotika in der ambulanten Versorgung

Der Löwenanteil, nämlich etwa 85 Prozent aller Antibiotika, wird jedoch im ambulanten Bereich verschrieben. Umso wichtiger ist es auch hier für einen sachgemäßen Antibiotikaeinsatz zu sorgen. Mit der vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Machbarkeitsstudie SAMBA (Surveillance ambulanter Antibiotika­verbrauch) entwickelt das RKI derzeit ebenfalls ein Surveillance-Systems für die Erfassung des Antibiotika­verbrauchs in der ambulanten Versorgung.