Anti-Corona-Maßnahmen: Keine „Einsamkeits-Epidemie" in Deutschland

  • Preprint-Server Psyarxiv

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften 

Die Kontaktverbote zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie haben befürchten lassen, dass viele Menschen, insbesondere ältere, vereinsamen und psychisch krank werden. Ein Forschungsteam hat nun Menschen in Deutschland dazu befragt. Danach hat es keine so genannte „Einsamkeits-Epidemie“ infolge der Kontaktbeschränkungen gegeben. Die Ergebnisse der Online-Befragung hat das Team um Susanne Bücker von der Bochumer Arbeitseinheit Psychologische Methodenlehre und Prof. Dr. Kai Horstmann von der Berliner Arbeitsgruppe Psychological Assessment of Person-Situation-Dynamics auf einem Preprint-Server veröffentlicht. Die Ergebnisse haben noch kein Peer-Review-Verfahren durchlaufen.

Kontaktverbote, Ausgangsbeschränkungen und Abstandhalten – Ziel dieser Maßnahmen ist, das Infektionsgeschehen zu verlangsamen. Doch diese Beschränkungen könnten die psychische Gesundheit von Menschen beeinträchtigen, schrieben vor wenigen Monaten etwa Wissenschaftler der Universität Leipzig, die ein Kurzdossier zu den psychosozialen Folgen von Isolations- und Quarantäne-Maßnahmen veröffentlicht hatten. Dass solche restriktiven Maßnahmen auch psychische Folgen haben können, hatte,  wie berichtet, im Februar schon ein Team um die britische Psychologin Dr. Samantha K. Brooks (Department of Psychological Medicine, King’s College London) betont.

Keine Epidemie der Einsamkeit

Laut einer aktuellen Mitteilung der Universität Bochum hat sich das Einsamkeitsgefühl in Deutschland in den ersten vier Wochen des Corona-Lockdowns zwar verändert: So habe es im Durchschnitt in den ersten zwei Wochen zugenommen, in der dritten und vierten Woche jedoch abgenommen.

„Unsere Daten stützen die Theorie einer Epidemie der Einsamkeit nicht“, folgert Susanne Bücker. „Allerdings berichten wir nur Kurzzeiteffekte, die sich möglicherweise von Langzeiteffekten unterscheiden.“ Es komme hinzu, dass es in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern gut gelungen sei, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. „Psychische Konsequenzen könnten in anderen Ländern, die die Pandemie nicht so gut bewältigen konnten, anders ausfallen“, ergänzt Kai Horstmann.

Online-Tagebuch

Die Psychologen befragten 4850 deutschsprachige Erwachsene im Alter zwischen 18 und 88 Jahren im Zeitraum vom 16. März bis 12. April 2020 in einer Online-Tagebuchstudie. Die Teilnehmenden füllten jeweils vier Tage pro Woche einen Fragebogen zum vergangenen Tag aus, danach folgten einige Tage Pause und anschließend ein Fragebogen mit einem Wochenrückblick. Dieser Ablauf wurde für mehrere Wochen wiederholt.

Einsamkeit am größten bei den Jüngeren

In der untersuchten Stichprobe erzielten Menschen über 60 Jahren entgegen den Erwartungen die geringsten Einsamkeitswerte. Am einsamsten fühlten sich Teilnehmer zwischen 18 und 30 Jahren. Personen, die verwitwet oder alleinstehend waren, berichteten im Durchschnitt mehr Einsamkeit als Personen, die in einer festen Partnerschaft lebten. Auch Menschen mit einem erhöhten Risiko für eine Covid-19-Erkrankung gaben an, sich einsamer zu fühlen als diejenigen, die kein erhöhtes Risiko hatten. Die durchschnittliche Einsamkeit hing jedoch nicht damit zusammen, ob jemand alleine oder mit mehreren Personen zusammen in einem Haushalt lebte. Generell beobachteten die Forscher sehr unterschiedliche Einsamkeitsverläufe. Bei manchen Menschen nahm die Einsamkeit im Lauf des Lockdowns zu, bei anderen ab.

Anstieg in der Einsamkeit bei Eltern

Signifikante Unterschiede zeigten sich zum Beispiel in Abhängigkeit der Familiensituation. Bei Personen ohne Kinder nahm die Einsamkeit im Lauf der Zeit ab, bei Eltern hingegen zu. Eltern waren in der Krise besonders stark gefordert, da viele eine berufliche Tätigkeit, Beschulung, Kinderbetreuung und Freizeitgestaltung unter einen Hut bekommen mussten. Ihnen stand in dieser Phase möglicherweise weniger Zeit zur Verfügung, sich um ihre soziale Einbindung zu kümmern, spekulieren die Autoren der Studie.

Ältere Menschen berichteten zwar im Durchschnitt weniger Einsamkeit als jüngere, allerdings stieg bei ihnen die Einsamkeit im Lauf der vier untersuchten Wochen tendenziell an, während sie bei Jüngeren tendenziell abnahm. Die Vermutung der  Forscher: Möglicherweise gelang es jüngeren Menschen durch die Nutzung moderner Technologien in der Anfangsphase des Lockdowns besser als älteren Menschen, die negativen sozialen Auswirkungen der Distanzierungsmaßnahmen zu kompensieren. „Diese Erklärungen sind allerdings spekulativ“, unterstreicht Susanne Bücker. „Es ist weitere Forschung erforderlich, um die Hintergründe der beobachteten Effekte zu verstehen.“#

Wer Interesse hat, an der weiterlaufenden Studie teilzunehmen, kann dies nach wie vor tun. Neue Teilnehmerinnen und Teilnehmer können sich unter https://covid-19-psych.formr.org registrieren.