Anstieg von Carbapenemase-bildenden Klebsiellen in Deutschland durch Ukraine-Flüchtlinge

  • Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Im vergangenen Jahr sind in Deutschland und in den Niederlanden Isolate multiresistenter Gram-negativer Bakterien deutlich mehr geworden, darunter einfach und zweifach Carbapenemase-produzierende Stämme von Klebsiella pneumoniae (1, 2). Befragungen der Patienten und genetische Analysen ergeben eine Assoziation zu Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet und schon in ihrer Heimat stationär behandelt worden sind. Das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) empfiehlt, Geflüchtete gezielt nach Klinikaufenthalten zu fragen und gegebenenfalls auf multiresistente Keime (MDROs) zu screenen. Eine therapeutische Option bei schweren Infektionen mit multiresistenten K. pneumoniae ist die Kombination aus Aztreonam mit Ceftazidim/Avibactam.

Hintergrund

Seit 2016 sind in Deutschland Besiedelungen und Infektionen des Menschen mit Carbapenemase-produzierenden Enterobakterien (CPE) meldepflichtig. Dazu gehören unter anderem Klebsiellen, die Carbapenemasen produzieren, zum Beispiel die New-Delhi-Metallobetalaktamase (NDM) und/oder OXA-48. In der Vergangenheit wurden auch K. pneumoniae-Stämme mit Zweifach-Carbapenemasen (NDM/Oxa-48) plus Colistinresistenz isoliert (3). Nach einem Rückgang der CPE-Isolate in Deutschland während der COVID-19-Pandemie sind diese seit März 2022 über ein Niveau der präpandemischen Ära hinaus angestiegen, darunter vor allem Carbapenemase-bildende K. pneumoniae (1).

Design

Phäno- und genotypische Charakterisierungen von K. pneumoniae-Stämmen durch das Nationale Referenzzentrum (NRC) für multiresistente gramnegative Bakterien und Auswertung der Informationen zu den Patientenfällen

Hauptergebnisse

  • Ab März 2022 erhielt das NRC 335 Isolate unterschiedlicher K. pneumoniae Stämme, die NDM-1 oder NDM-1/Oxa-48 Carbapenemasen bildeten (1).
  • Der Anstieg basierte vor allem auf Klebsiellen-Stämmen mit NDM-Carbapenemasen, zu einem geringerem Anteil auch auf Oxa-48-Carbapenemase-produzierenden Erregern.
  • Bei 24 % der K. pneumoniae-Isolate hatten sich die Infizierten zuvor in der Ukraine aufgehalten, in den Jahren 2017 bis 2021 hatte dieser Anteil lediglich bei 0,2 % gelegen.
  • Auch bei anderen NDM-bildenden CPE wurden Zunahmen beobachtet, allerdings nicht so starke wie bei den Klebsiellen.
  • Die meisten Isolate stammten aus Wundinfektionen, im Allgemeinen sind NDM-bildende Klebsiellen in den Harnwegen lokalisiert.
  • Auch aus einem Bericht der Niederlande ans das ECDC geht ein deutlicher Anstieg der CPE-Zahlen zwischen März und August 2022 hervor, außer Klebsiellen waren dies Carbapenemase-produzierende Stämme von Pseudomonas aeruginosa, Carbapenem-resistente Acinetobacter baumannii (CRAB) und Methicillin-resistene Staphylococcus-aureus-Isolate (2).
  • Der Bezug zu Patienten, die aus der Ukraine gekommen waren, bestand hier ebenfalls deutlich stärker als in der Vergangenheit, nämlich zu 21-52 %.
  • Als therapeutische Option bei schweren Infektionen mit multiresistenten K. pneumoniae wird die Kombination Aztreonam plus Ceftazidim/Avibactam genannt.

Klinische Bedeutung

Das ECDC und auch die deutsche Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention empfehlen, Patienten, die in Ländern mit hohen Antibiotikaresistenzraten stationär behandelt worden sind, auf CPE zu screenen (4). Dazu gehört auch die Ukraine. Für den aktuellen Anstieg speziell der multiresistenten K. pneumoniae-Isolate in Deutschland gebe es vermutlich weitere Ursachen als den Krieg in der Ukraine, so die Autoren des deutschen Papers. Eine Zusendung aller entsprechenden Isolate aus Laboren an das NRC wäre wünschenswert, um mit Hilfe der genauen phäno- und genotypischen Typisierung die Quellen zu finden.

Finanzierung: öffentliche Mittel