Anfallsrate bei Kindern mit Dravet-Syndrom unter Fenfluramin um 60 Prozent verringert

  • The Lancet

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die therapeutischen Möglichkeiten beim Dravet-Syndrom waren bislang äußerst beschränkt. Nun wurde der wegen seiner Nebenwirkungen vom Markt genommene Appetithemmer Fenfluramin zur Basistherapie hinzugefügt; er hat ohne kritische Nebenwirkungen die Anfallsrate gegenüber Placebo um mehr als 60 % reduziert.

Hintergrund

Das Dravet-Syndrom ist eine im frühen Kindesalter auftretende, sehr seltene und therapierefraktäre Epilepsieform mit Myoklonien, die bei etwa 80 % der Patienten durch einen Funktionsverlust der Natriumkanalgens SCN1A verursacht wird. Den ersten Anfällen folgen meist Kognitionsverluste sowie in etwa der Hälfte der Fälle Hyperaktivität und Ataxien. Neben Cannabidiol, für das eine moderate Reduktion der Anfallsrate gegenüber Placebo berichtet wurde (Devinsky, 2017), wird hier nun zum ersten Mal über zwei randomisierte, doppel-blinde und Placebo-kontrollierte Studien mit Fenfluramin berichtet. Das Medikament war ursprünglich gegen Übergewicht entwickelt und nach kardialen Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen worden, darf aber seit dem Jahr 2002 im Rahmen einer „Compassionate use“-Zulassung durch die belgische Regierung an Patienten verabreicht werden.

Design

Von 173 Patienten wurden 119 in diese Studien aufgenommen, die in Nordamerika bzw. Europa/Australien stattfanden. Weil jeweils zu wenige Teilnehmer eingeschrieben waren, wurden die Daten vor der Entblindung zusammengeführt und dann gemeinsam ausgewertet. Die Kinder waren durchschnittlich 9 Jahre alt, zu 54 % männlich, und erhielten über 14 Wochen zusätzlich zur Basismedikation täglich entweder 0,2 mg/kg Fenfluramin, 0,7 mg/kg Fenfluramin, oder Placebo.

Ergebnisse

  • Unter 0,7 mg/kg Fenfluramin täglich reduzierte sich die Anfallshäufigkeit von median 20,7 auf 4,7 / Monat (74,9 %).
  • Unter 0,2 mg/kg Fenfluramin täglich reduzierte sich die Anfallshäufigkeit von median 17,5 auf 12,6 / Monat (42,3 %).
  • Unter Placebo verringerten sich die Anfälle ebenfalls, und zwar von 27,3 auf 22,0 / Monat (19,2 %).
  • Für beide Dosierungen von Fenfluramin waren die Reduktionen gegenüber Placebo statistisch signifikant: p
  • Nebenwirkungen, die bei mindestens 10 % der Patienten und häufiger unter Fenfluramin auftraten, waren: verminderter Appetit, Durchfall, Fatigue, Lethargie, Somnolenz und Gewichtsabnahme. Zusätzlich wurden alle Patienten per EKG untersucht, es wurden aber keine Auffälligkeiten festgestellt.

Klinische Bedeutung

Mit Fenfluramin wurden hier beeindruckende Reduktionen der Anfallsraten erzielt, die jene unter Cannabidiol bei weitem übertreffen (ein Viertel der Patienten hatte zuvor bereits diesen Wirkstoff erhalten). Sowohl die Studienärzte als auch die Eltern hatten mit Fenfluramin behandelte Kinder zu einem signifikant höheren Anteil als stark oder sehr stark verbessert eingestuft, und dies war auch bei 2 von 3 Erhebungen zur Lebensqualität der Fall. Bemerkenswert ist auch die Verbesserung der Kognition, die mit den Skalen BRIEF (Behavioral Regulation Index, Metacognition Index) und Global Executive Composite Scores belegt wurde. Das Sicherheitsprofil war ebenfalls günstig, allerdings reicht eine Studiendauer von 14 Wochen nicht, um mögliche kardiovaskuläre Komplikationen auszuschließen.

Finanzierung: Zogenix.