Amokläufe: vorschnelle Urteile unerwünscht

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Wie ähnlich schreckliche Ereignisse in den vergangenen Jahren hat auch der Amoklauf in Hanau großes Entsetzen ausgelöst und zu einigen von Empörung getriggerten Schnellurteilen geführt. Rasch war von einem „Rassisten, Rechtsextremen, Irren, Wahnsinnigen und Verrückten“ die Rede. Dass manche Schnellurteile nicht frei von politischen Interessen waren, ist bekannt und dementsprechend kommentiert worden. Obgleich es schwer zu fallen scheint: Selbstverständlich gilt auch in solchen Fällen - kaum anders als in der Medizin -, dass am Anfang die Anamnese und die Diagnostik stehen sollten, nicht die Diagnose und auch nicht irgendeine Therapie.

Amok kein monokausales Geschehen

Das mit der Anamnese ist allerdings im Falle von Amokläufen oft nicht mehr möglich, weil sich viele Täter entweder selbst das Leben nehmen oder von Sicherheitskräften erschossen werden. Ebenso wie bei anderen ähnlichen Taten müssen sich Kriminologen, Juristen und Mediziner dann auf Aussagen von Angehörigen, Kollegen und Bekannten und eventuell vorhandene schriftliche Zeugnisse oder Internet-Hinterlassenschaften verlassen. Dies trifft auch auf den Hanauer Täter zu.

Differenzierte Beurteilungen solcher Amokläufe sind schon aus diesem Grund alles andere als einfach; zudem ist ein Amoklauf kein monokausales und auch kein leicht vorhersagbares Phänomen. Es gebe niemals einen einfach zu benennenden Grund, „keine bestimmten Charakter- oder Persönlichkeitsmerkmale, die, für sich gesehen, erlauben würden, vorherzusagen, ob ein Einzelner so eine Tat begehen wird“, sagte vor wenigen Jahren etwa der Freiburger Psychiater und Internist Professor Joachim Bauer. 

Wahrscheinlich eine schwere psychische Erkrankung

Differenzierte Erklärungsversuche gibt es allerdings trotz der bekannten Hemmnisse. Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh etwa fand laut einem Beitrag in der „FAZ“ in einem Video und in den schriftlichen Ausführungen des Hanauer Täters Tobias R. Hinweise auf eine „sehr komplexe, schwere psychische Erkrankung“. Sie sehe den Täter nach aktuellem Kenntnisstand als einen Mann, der „schwerwiegend wahnhaft“ gestört gewesen sein und nach einer „rechtsextremen narrativen Folie“ gehandelt habe, heißt es in dem Beitrag der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ .

Auch Britta Bannenberg, Professorin für Kriminologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Expertin für Amoktaten, ist überzeugt davon, dass Tobias R. ein psychisch schwer kranker Mensch war. „Die wahnhaften Vorstellungen, die das Schriftstück durchziehen, sind recht eindeutig einer paranoiden Schizophrenie zuzuordnen – eine schwere psychiatrische Erkrankung, durch die der Bezug zur Realität verloren geht“, so Bannenberg in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ .  Die Kriminologin begründet ihre Einschätzung des Hanauer Täters nicht allein auf die Inhalte seines Internet-Manifestes und seiner Video-Botschaften, sondern auch auf die Ergebnisse systematischer wissenschaftlicher Untersuchungen ( Projekt TARGET ) von 39 Fällen mit 40 Amoktätern aus den Jahren 1964 bis 2015. Hier ein paar der wesentlichen Ergebnisse zu erwachsenen Amokläufern:

  • Erwachsene Amoktäter sind ganz überwiegend männliche Einzelgänger. Von 40 Tätern in 39 Fällen waren 38 männlich (95 %). 
  • In 13 von 39 Fällen der Untersuchten. lag eine Psychose vor. Von 40 Tätern waren 14 zur Tatzeit psychotisch, überwiegend paranoid schizophren (35 %). Von den schizophrenen Tätern töteten sich vier unmittelbar nach der Tat (29 %).  In fünf Fällen war der Täter kriminell/dissozial. 
  • In 15 Fällen lag den Autoren zufolge eine Persönlichkeitsstörung vor. Prägend war die paranoide Persönlichkeitsstörung, teilweise vermischt mit narzisstischen Anteilen. In zwei Fällen war eine ausgeprägte narzisstische Persönlichkeitsstörung mit Psychopathie zu verzeichnen. In den sechs verbleibenden Fällen war eine Persönlichkeitsstörung nicht sicher festzustellen, allerdings erschienen die Täter auch nicht psychisch unauffällig.

Psychische Erkrankung und rassistische Motivation 

Viele Amoktäter sind demnach psychisch krank oder zumindest psychisch auffällig, etwa paranoid persönlichkeitsgestört. Die Amoktaten erwachsener Täter seien, so Bannenberg, in den meisten Fällen durch die Psychopathologie der Täter erklärbar. Für die Radikalisierung bis hin zur Tat sind sicher auch die Sozialisierung, das gesellschaftliche Umfeld und gesellschaftliche Strömungen relevant. Dies bedeutet im konkreten Fall des Hanauer Täters, dass seine vermutete psychische Erkrankung und seine Tat eine rechtsextreme und rassistische Einstellung nicht, wie teilweise behauptet wurde, ausschließen.

Menschen mit einer paranoiden Schizophrenie oder einer ausgeprägten paranoiden Persönlichkeitsstörung könnten zugleich eine reale Feindseligkeit besitzen, erläutert Bannenberg in dem Interview mit der „Zeit“. Und gerade aus der Kombination eines negativen Wahnsystems und einer tatsächlichen Aggressivität und Feindseligkeit ergebe sich die besondere Gefährlichkeit des Verfassers. Ursache der Taten in Hanau ist laut der Kriminologin zwar die paranoide Schizophrenie. Doch „die rechtsextreme Einstellung des Täters, die sicherlich durch die Präsenz rechter und feindlicher Äußerungen in Medien, im Netz und durch das Vorbild früherer Gewalttaten genährt wurde“, habe die Art der Radikalisierung beeinflusst und damit auch, welche Taten begangen worden seien und gegen wen.

PS: Auch wenn viele Amoktaten von psychisch Kranken und Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen begangen werden, sind die meisten Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Störungen keine Gefahr für ihre Mitmenschen. Psychisch Kranke werden sogar selbst oft Opfer, und zwar häufiger als gesunde Menschen, so das Hauptergebnis einer schwedischen Kohorten-Studie, die vor wenigen Jahren im „British Medical Journal“  erschienen ist. Das höchste Risiko ermittelten die Autoren übrigens bei Suchtkranken: Sie fallen den schwedischen Daten zufolge neunmal so häufig einem Mord zum Opfer wie Gesunde. Um das Zwei- bis Dreifache erhöht ist das Risiko von Menschen, die unter Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Angststörungen oder Schizophrenie leiden. Ein Grund für die Gewalt gegen die psychisch Kranken: Andere Menschen halten sie für gefährlich, unberechenbar oder auch nur für verletzlich, hieß es in einem begleitenden Kommentar.