Alzheimer-Krankheit: Auch das Geschlecht spielt eine Rolle


  • Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die Alzheimer-Erkrankung verläuft bei Frauen anders als bei Männern. Unterschiede gibt es auch bei den Risikofaktoren. Die Kenntnis solcher Unterschiede ist eine wichtige Voraussetzung dafür, zielgerichtete Behandlungs-Verfahren für Menschen mit der heterogenen Hirnerkrankung zu entwickeln. 

Hintergrund

Es ist bekannt, dass Krankheiten bei Frauen und Männern unterschiedliche Symptome hervorrufen und auch ganz anders verlaufen können. Solche Geschlechter-Unterschiede können diagnostisch und therapeutisch relevant sein, wie einige Studien, etwa in der Herzgefäß-Medizin, gezeigt haben. Zunehmend befassen sich Wissenschaftler nun auch mit Geschlechter-Unterschieden bei zerebralen Erkrankungen, etwa dem Morbus Alzheimer. Im Vergleich zur kardiovaskulären Medizin, etwa beim Herzinfarkt und Schlaganfall, sind so genannte Gender-Unterschiede bei einigen wichtigen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen nicht so intensiv untersucht. Dies gilt zum Beispiel für den Morbus Alzheimer, eine zerebrale Erkrankung, die sehr heterogen ist, was die Forschung zu neuen Therapien und damit auch die Entwicklung neuer Behandlungs-Verfahren erschwert. Um herauszufinden, ob Geschlechter-Unterschiede bei der Alzheimer-Erkrankung eine wesentliche Rolle für Forschung, Diagnostik und Therapie spielen, haben sich Wissenschaftler des „Women’s Brain Project“ mit dem internationalen Forscher-Team der „Alzheimer’s Disease Precision Medicine Initiative” zusammengetan. Ein erstes Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist eine gerade publizierte Übersichtsarbeit.

Design

Systematische Auswertung der wissenschaftlichen Literatur hinsichtlich geschlechts-spezifischer Symptome, Biomarker, Risikofaktoren und auch Therapiewirkungen.

Hauptergebnisse

  • Frauen und Männer mit Alzheimer-Krankheit haben unterschiedliche kognitive und psychische Symptome.
  • Bei Frauen schreitet nach Diagnose einer Alzheimer-Demenz oder einer leichten kognitiven beeinträchtigung (MCI: mild cognitive impairment) der kognitive Leistungsverlust schneller voran alsd bei Männern.
  • Bei Frauen mit MCI nimmt das Hirnvolumen schneller ab als bei Männern, die Hirnatrophie schreitet also rascher voran.
  • Die mit PET gemessene Beta-Amyloid-Belastung im Gehirn und die Beta-Amyloid-Spiegel im Liquor unterscheiden sich bei Frauen und Männern nicht.
  • Es gibt keine Daten aus den kürzlich beendeten Antidementiva-Studien (Phase 3) dazu, ob die geprüften neuen Substanzen bei Frauen und Männern mit Alzheimer-Erkrankung unterschiedlich gewirkt haben.
  • Bei den zerebrovaskulären, metabolischen und sozioökonomischen Risikofaktoren gibt es einige Unterschiede zwischen Frauen und Männern mit Morbus Alzheimer. So ist zum Beispiel der Risikofaktor Adipositas bei Männern häufiger. 

Klinische Bedeutung

Die Wissenschaftler um Dr. Maria Teresa Ferretti (Universität Zürich) vom „Women’s Brain Project“ und Professor Harald Hampel (Sorbonne ), Vorsitzender der „Alzheimer Precision Medicine Initiative“, erhoffen sich von dieser Gender-Forschung wichtige Erkenntnisse im Sinne einer so genannten „Precision Medicine“; deren Ziel ist, vereinfacht formuliert, eine auf jeden Patienten so individuell wie möglich abgestimmte Diagnostik und Therapie. Ein Schema-F-Ansatz (one-size-fits all approach) hat bei der Alzheimer-Erkrankung nicht funktioniert - und kann offenbar, wie die vielen Rückschläge in Phase-3-Studien mit neuen Antidementiva zeigen, auch nicht funktionieren. Harald Hampel: „Der Morbus Alzheimer ist eine sehr heterogene Krankheit, bei der wir die spezifischen Bedürfnisse eines jeden Patienten in Betracht ziehen müssen.“ Für eine optimale Behandlung der Patienten ist daher nach Aussage der Autoren die Forschung zu den geschlechts-spezifischen Merkmalen der zerebralen Erkrankung erforderlich. Die Bemühungen auf diesem Feld der „Precision Medicine“ sollten zudem unbedingt verstärkt werden, da hier noch viele Wissenslücken zu füllen seien. Vorangetrieben werden sollte die Forschung insbesondere zu den Geschlechter-Unterschieden, zu Biomarkern und Risikofaktoren. Weitere wichtige Bereiche seien klinische Studien und die Grundlagenforschung. 

Finanzierung: mehrere Stiftungen, Universitäten und auch Alzheimer-Gesellschaften