Alzheimer-Frühtherapie: Nährstoff-Cocktail soll Progredienz bremsen können

  • Alzheimer’s & Dementia

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Das Nährstoffgemisch „Fortasyn Connect“ (Souvenaid) kann bei Patienten im Frühstadium der Alzheimer-Erkrankung möglicherweise den kognitiven Abbau verlangsamen. Das lassen die Drei-Jahres-Daten der europäischen placebo-kontrollierten Multizenter-Studie LipiDiDiet schlussfolgern. Die Ergebnisse der Studie sind im Fachmagazin „Alzheimer’s & Dementia“ erschienen.

Hintergrund

Die Forschung zu wirksamen und sicheren Antidementiva ist, wie schön öfter berichtet, bislang nicht von Erfolgen gekrönt, die den betroffenen Patienten tatsächlich helfen. Einen Rückschlag hat gerade  der monoklonale Antikörper Aducanumab von Biogen erlitten: Die Studien-Daten zu dem vielfach als „Hoffnungsträger“ eingeschätzten Antikörper sind von FDA-Wissenschaftlern insgesamt als positiv bewertet worden; ein Beratergremium von externen und unabhängigen Wissenschaftlern ist jedoch zu einem völlig entgegengesetzten Urteil gekommen.

Aufgrund der unzureichenden Fortschritte in der Entwicklung neuer Antidementiva wird seit Jahren verstärkt auf Prävention gesetzt, wobei die empfohlenen Maßnahmen, etwa mehr Bewegung, überwiegend identisch sind mit jenen der nicht-medikamentösen kardiovaskulären Prävention. Ein weitere Option, zu der seit einigen Jahren geforscht wird, sind Nahrungsergänzungsmittel oder „Functional Foods“. Dazu zählt zum Beispiel das in der vorliegenden Studie geprüfte „Fortasyn Connect“. Dabei handelt es sich um ein Gemisch aus essentiellen Fettsäuren, Vitaminen und anderen Nährstoffen. Dazu zählen Docosahexaensäure, Eicosapentaensäure, Uridinmonophosphat, Cholin, die Vitamine B12, B6, C, E und Folsäure sowie Phospholipide und Selen. Das Getränk des Unternehmens Danone soll unter anderem die Synapsen stimulieren und so dem kognitiven Abbau entgegenwirken.

Positive klinische Daten zu dem Nahrungsergänzungsmittel wurden bereits vor zehn Jahren veröffentlicht, und zwar die 3- und 6-Monats-Resultate der Placebo-kontrollierten Souvenir-I- und der Souvenir-II-Studie. Zudem erschienen 2017 die Zwei-Jahres-Daten der randomisierten und kontrollierten Studie „LipiDiDiet“ bei Patienten mit Morbus Alzheimer im Frühstadium („The Lancet Neurology“). Ergebnis: Das Nahrungsergänzungsmittel schnitt beim primären Wirksamkeitsendpunkt NTB (neuropsychological test battery) nicht signifikant besser ab als Placebo. Allein bei zwei von sechs sekundären Endpunkten gab es Hinweise auf positive Effekte. Einen möglichen Grund für das Negativ-Resultat beim primären Endpunkt sahen die Autoren in dem unerwartet langsamen Abbau der kognitiven Leistung in der Gesamtpopulation der Patienten. Die Studie habe möglicherweise nicht ausreichend statistische „Power“ gehabt, um hier einen signifikanten Unterschied nachweisen zu können. Bei den jetzt veröffentlichten Daten handelt es sich um die Drei-Jahres-Daten.

Design

153 Patienten gehörten zur Prüfgruppe und erhielten täglich 125 Milliliter des Nährstoff-Cocktails. Die 158 Patienten der Kontrollgruppe bekamen ein iskoalorisches Placebo-Getränk ,das im Geschmack sowie in der Konsistenz und Farbe identisch mit dem „Verum“ war. Primärer Endpunkt war die Änderung bei der NTB (Neuropsychological Test Battery). Nach drei Jahren konnten von 45 Patienten mit dem Nährstoffgemisch und 36 Patienten mit Placebo die Wirksamkeits-Daten ausgewertet werden. Diese Patienten waren im Mittel 72 (Verum) und 70 Jahre alt, der Frauen-Anteil betrug 44 und 47 Prozent). Im MMS-Test hatten diese Patienten der Verum-Gruppe einen Wert von 27,2, die Patienten mit dem Placebo-Getränk einen Wert von 27,7.

Hauptergebnisse

  • Patienten mit dem Verum schnitten bei primären Endpunkt besser als als die Patienten der Kontroll-Gruppe: Die durchschnittliche Änderung beim NTB betrug nach drei Jahren in der Verum-Gruppe −0,138 (SE 0,070) und in der Kontroll-Gruppe  −0,350 (SE 0,070); der Unterschied von  0,212 war statistisch signifikant (95% CI: 0,044 - 0,380; P = 0,014). 
  • Auch bei den Volumen-Messungen (MRT) sprach das Ergebnis für den Nährstoff-Cocktail: Gesamt-, Ventrikel- und Hippokampus-Volumen hatten in der Serum-Gruppe weniger abgenommen als in der Placebo-Gruppe.

„Bei den Patienten mit dem Nährstoff-Cocktail schrumpften die Gehirne der von Alzheimer betroffenen Teilnehmer um 20 Prozent weniger als bei der Vergleichsgruppe, der Veränderungsprozess im Gehirn konnte also deutlich verlangsamt werden. Noch wichtiger war, dass die Hirnleistung während der drei Jahre zwischen 40 bis 70 Prozent weniger nachließ als bei den nicht behandelten Probanden“, kommentiert Studienleiter Professor Tobias Hartmann (Universität des Saarlandes). Und: „Die positiven Effekte der Behandlung zeigten sich besonders deutlich bei den Teilnehmern, die in einem sehr frühen Alzheimer-Stadium damit beginnen konnten. Zudem konnten wir, was uns selbst überraschte, feststellen, dass die Wirkungen im Laufe der Behandlungszeit zunahmen und sich nicht nur im Bezug auf das Gedächtnis, sondern auch auf andere kognitive Bereiche ausweiteten, je länger die Behandlung andauerte“, erklärt Hartmann. Die Probanden konnten zum Beispiel alltägliche Herausforderungen, wie Rechnungen bezahlen, sich den Weg merken oder auch mit Notfällen umgehen, besser bewältigen als die Kontrollgruppe.

Klinische Bedeutung

Die Gesamt-Daten zu dem Nährstoff-Gemisch lassen schlussfolgern, dass die Ergebnisse bei frühem Beginn der Einnahme des Cocktails (im Frühstadium der Alzheimer-Erkrankung) im Laufe der Jahre besser werden. Dies bedeutet, dass es sich um eine Langzeit-Therapie handelt; zu klären wäre noch, wann genau sie beendet werden sollte. Die bisherigen Daten sprechen dafür, die Einnahme bei manifester Alzheimer-Demenz zu beenden. Zu klären wäre unter anderem auch noch der Nutzen des Nahrungsergänzungsmittels bei unterschiedlichen Demenz-Formen. Die Kosten pro Monat betragen  für die Patienten rund 100 Euro. 

 

Finanzierung: größtenteils durch Forschungsprogramme der Europäischen Union, außerdem durch Danone