Alte Menschen sind ehrlicher als junge, Frauen ehrlicher als Männer


  • Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Die Tendenz zu Unehrlichkeit hängt vom Alter und Geschlecht ab. Junge Menschen lügen mehr als ältere, Männer mehr als Frauen. Aber nur ein wenig. Unehrlichkeit scheint nicht einfach nur eine Eigenschaft einer Person zu sein; auch die  Bedingungen der Umwelt spielen womöglich eine Rolle.

Hintergrund

Von der Schummelei bei der Steuerklärung bis zu den großen Korruptionsskandalen – immer wieder lügen Menschen. Der Grundkonflikt jeder Lüge ist die Wahl, die man hat. Entweder ist man ehrlich und verzichtet auf Vorteile oder man lügt, um beispielsweise an mehr Geld, Macht oder Ruhm zu gelangen. Warum Menschen lügen, hängt von persönlichen Faktoren und Umweltfaktoren ab. Um diese empirisch zu untersuchen, wurde in vielen publizierten Studien dieser Grundkonflikt in einfachen Experimenten nachgestellt. Beispielsweise in Form des Münzwurf-Spiels. Dabei werfen Probanden eine Münze, ohne dass sie jemand dabei beobachtet. Das Ergebnis geben sie zum Beispiel per Computer an die Versuchsleiter durch. Bei Kopf bekommen sie Geld, bei Zahl gehen sie leer aus. Führt man diesen Versuch öfter und mit vielen Probanden durch, müsste das Verhältnis von Kopf zu Zahl insgesamt fünfzig zu fünfzig betragen. Doch zeigen fast alle Studien, dass Probanden öfter Kopf als Zahl nennen. Das heißt: Mindestens einige Probanden lügen, um mehr Geld zu „verdienen“. Zahlreiche Studien mit diesem oder ähnlichem Grundaufbau haben Wissenschaftler in den letzten zehn Jahren zum Phänomen des Lügens durchgeführt. Die Ergebnisse sind jedoch nicht eindeutig, teilweise sogar widersprüchlich. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Technion – Israel Institute of Technology haben daher eine umfangreiche Metaanalyse zum Lügen durchgeführt.

Design

Für die Metaanalyse haben die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Technion – Israel Institute of Technology die Daten von 565 Studien mit insgesamt 44.050 Probanden berücksichtigt. Für die Metaanalyse wurden publizierte sowie noch nicht publizierte Studien aus der Psychologie als auch aus den Wirtschaftswissenschaften herangezogen. Diese Studien untersuchten das Ausmaß von Unehrlichkeit mit Hilfe von wenigen, aber sehr unterschiedlichen experimentellen Anordnungen. In einigen bezog sich Unehrlichkeit auf ein Zufallsergebnis, wie bei dem Münzwurf-Spiel. In anderen Studien bezog sich Unehrlichkeit auf das Ausmaß der eigenen Fertigkeiten, zum Beispiel ob ein mathematisches Rätsel richtig gelöst wurde.

Hauptergebnisse

Insgesamt haben bei den untersuchten Experimenten 42 Prozent aller Männer und 38 Prozent aller Frauen gelogen. Die Vermutung, dass Männer häufiger lügen als Frauen, konnte die Studie damit bestätigen – auch wenn der Unterschied nur gering ist. Außerdem haben jüngere Personen häufiger gelogen als ältere. Dabei sank die Wahrscheinlichkeit, dass jemand lügt, mit jedem Jahr um 0,28 Prozentpunkte. Während sie bei einer 20-jährigen Person bei etwa 47 Prozent liegt, liegt sie bei einer 60-jährigen nur noch bei 36 Prozent. Andere, immer wieder diskutierte Faktoren konnte die Studie nicht bestätigen. So finden die Wissenschaftler zum Beispiel keinen Hinweis darauf, dass Wirtschaftsstudierende besonders häufig lügen.

Schlussfolgerungen

Die Forscher konnten mit ihrer Metaanalyse auch zeigen, dass strukturellen Unterschiede im Versuchsaufbau das Verhalten der Probanden beeinflussen und somit zu unterschiedlichen Ergebnissen über das Ausmaß der Unehrlichkeit führen. „Möchte man wissen, in welchem Ausmaß Menschen geneigt sind, sich unehrlich zu verhalten, muss man unbedingt berücksichtigen, mit welchen experimentellen Situationen und Versuchungen man Menschen konfrontiert. Dies deutet daraufhin, dass Unehrlichkeit nicht einfach nur die Eigenschaft einer Person ist, sondern systematisch mit den Bedingungen der Umwelt zusammenspielt “, sagt Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs „Adaptive Rationalität“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und einer der Autoren der Metaanalyse.

Finanzierung: Max-Planck-Gesellschaft