Alt, arm, einsam - eine drohende Epidemie?

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Einsamkeit scheint „in“ zu sein, etwa in der schöngeistigen Literatur und in Hollywood. Auch Politiker haben die Einsamkeit als „Thema“ für sich erkannt. Aus allen Medien heulten uns die einsamen Wölfe entgegen, schreibt der Journalist Michael Allmaier in der Wochenzeitung „Die Zeit“ . Dutzende Hollywoodstars seien abonniert auf die Rolle des mysteriösen Fremden oder auch des quietschfidelen Singles. Lifestyle-Autoren feierten das neue „Lebensgefühl", den „Weg zu innerer Freiheit", die „Kunst, sich auszuhalten". Und viele Leute kauften ihnen das ab. Warum sonst, so Allmaier weiter, „pilgern die Sinnsucher scharenweise auf dem Jakobsweg oder verkrümeln sich ins Schweigekloster? Einsamkeit ist das neue Yoga“. Aber die wirklich Einsamen seien selten glücklich. Sie seien in Wirklichkeit „arme Schweine, die niemand mehr sieht oder hört“.  „Einsamkeit und das Gefühl, unerwünscht zu sein, ist die schlimmste Armut“, so auch die indische Ordensschwester Mutter Teresa.

Allein sein versus allein gelassen werden

So wie Michael Allmaier und Mutter Teresa die hier Einsamkeit verstehen, ist damit nicht einfach die Abwesenheit von anderen Menschen gemeint. Was ja durchaus erwünscht, angenehm oder notwendig sein kann. „Ich habe nie gesagt: Ich will allein sein. Ich sagte: Ich will allein gelassen werden - das ist ein Riesenunterschied“, hat es die Schauspielerin Greta Garbo auf den Punkt gebracht. Menschen können alleine leben, sozial isoliert sein, sich aber trotzdem weder einsam noch unglücklich fühlen. Im Gegensatz dazu können andere Menschen sich in einer Großstadt und einem Hochhaus einsam fühlen und daran leiden. Etwas abstrakt formuliert ist mit Einsamkeit das unangenehme oder psychisch schwer belastende Gefühl gemeint, das bei großer Diskrepanz zwischen dem gewünschten Ausmaß an Sozialkontakten und der Realität entsteht.

Es gebe zwar einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und sozialen Interaktionen, aber nicht bei jedem Menschen, sagt die US-Psychiaterin Dr. Nancy J. Donovan (Brigham and Women’s Hospital in Boston). Aber „nur, weil man allein ist, heißt das nicht, dass man einsam ist. Als einsam gilt nur jemand, der das Alleinsein als schmerzhaft empfindet, der sich isoliert oder nirgendwo zugehörig fühlt“, erklärt auch Manfred Beutel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Mainz, im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel “. Außerdem: Das Gefühl der Einsamkeit sei nicht per se etwas Schlechtes, es sei sogar lebenswichtig, so Beutel weiter. Einsamkeit treibe uns an, bringe uns dazu, uns neu zu organisieren.

Eine Epidemie und schlimmer als Adipositas

Doch es gibt nunmal Menschen, die daran leiden. So habe eine Studie von Psychologie-Professorin Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum laut Spiegel ergeben, dass sich in Deutschland jeder Fünfte über 85 einsam fühle. Bei den 45- bis 65-Jährigen sei es jeder Siebte. „Es gibt keine Altersgruppe, in der sich Menschen nicht einsam fühlen." Besonders ältere, kranke Menschen, die kaum noch ihr Haus verlassen könnten, seien betroffen, wird die Psychologin zitiert. „Ein Teufelskreis, denn soziale Isolation kann Krankheiten wie Depression oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen. Betroffen sollen immer mehr Menschen sein. Sogar von einer „Epidemie“ wird schon gesprochen. Das Phänomen ist offenbar tatsächlich nicht selten: In einer Studie  von Beutel, an der 15.000 Menschen im Alter von 35 bis 74 Jahren teilnahmen, gab jeder Zehnte an, häufig einsam zu sein, wenig Kontakt zu haben und darunter zu leiden. Häufiger betroffen sind demnach Frauen, Alleinstehende und Kinderlose. Der Anteil von zehn Prozent könnte bei den über 74-Jährigen sogar noch größer sein, etwa weil in diesem Alter der Lebenspartner bereits gestorben ist. In Japan drohe einer ganzen Generation ein einsamer Tod, hieß es kürzlich in der „New York Times"

Laut der Einsamkeits-Forscherin Julianne Holt-Lunstad, Professorin an der „Brigham Young University“, sind Einsamkeit und soziale Isolation sogar ein größeres Gesundheitsproblem als Adipositas. So hätten zwei große Metaanalysen gezeigt, dass soziale Isolation und Einsamkeit mit einem erhöhten Risiko für einen vorzeitigen Tod einhergingen, berichtete Julianne Holt-Lunstad im vergangenen Sommer bei einem Kongress der „American Psychological Association“ in Washington und auch auf einer Veranstaltung in Aspen in Colorado.

Depressionen, Herzkrankheiten, Schlaganfall 

Wissenschaftliche Belege dafür, dass Menschen, die unter Einsamkeit leiden, besonders gefährdet sind, krank zu werden, gibt es inzwischen viele. Betroffene seien wesentlich häufiger depressiv und hätten einen ungesünderen Lebensstil, ergab zum Beispiel die 2017 erschienene Studie von Manfred Beutel . Eine frühere Studie (2012) zeigte, dass bei alten Menschen, die sich isoliert und einsam fühlen, während einer sechsjährigen Beobachtungszeit wichtige Fähigkeiten zur Bewältigung des Alltags abnahmen, so etwa sich eine Mahlzeit zuzubereiten oder sich zu waschen; zudem war ihre Sterberate größer als die alter Menschen, die sich nicht einsam und isoliert fühlen. Und einer 2016 publizierten Metaanalyse zufolge gehen Einsamkeit und soziale Isolation mit einem erhöhten Risiko für KHK und Schlaganfall einher. Darüber hinaus gibt es auch Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und vorzeitigem geistigem Abbau. Möglicherweise sei Einsamkeit ein frühes Symptom der Alzheimer-Erkrankung, so eine  Studie von Nancy Donovan, in der ein Zusammenhang zwischen Einsamkeit und zerebraler Amyloid-Belastung festgestellt wurde.

Mehr Einsatz , mehr Staat"?

Was tun? In Großbritannien gibt es seit wenigen Wochen einen Regierungsposten gegen Einsamkeit. Was in manchen Medien Erheiterung ausgelöst hat. Fast so wie das Ministerium für Bohnen, das in Nord Korea eingerichtet worden ist. Von einer cleveren PR-Aktion soll ebenfalls die Rede gewesen sein - angesichts der Tatsache nämlich, dass gerade in Großbritannien soziale Institutionen und Strukturen demontiert worden seien. Auch in Deutschland fordern wegen der möglichen negativen Folgen der Einsamkeit Politiker „mehr Einsatz dagegen“, so etwa der SPD-Politiker Karl Lauterbach. Dagegen ist natürlich wenig zu sagen. Außer vielleicht, dass auf reine Symbolpolitik verzichtet werden kann. Denn deren Wesen liegt ja darin, eine Wirkung zu symbolisieren, die sie nie erzielt.