ALS-Bluttest ermöglicht Differenzialdiagnose und Prognoseeinschätzung.


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft

Forscher der Universitäten Ulm und Mailand haben einen Bluttest entwickelt, der die Diagnose der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) erleichtert. Der neue Test hilft dabei, die ALS von anderen neurodegenerativen Erkrankungen zu unterscheiden. Weiterhin ermöglicht er eine Prognose des Krankheitsverlaufs.

Hintergrund

Bis zur Diagnose der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) können mehrere Monate vergehen: Selbst erfahrenen Neurologen fällt es teilweise schwer, die vielfältigen Symptome von anderen neurodegenerativen Erkrankungen zu unterscheiden. Mit bundesweit etwa 8000 Betroffenen zählt ALS zu den selteneren neurodegenerativen Erkrankungen. Die meisten Patienten sterben ein bis zehn Jahre nach Krankheitsbeginn. Inzwischen gibt es jedoch vielversprechende therapeutische Ansätze, die eine frühe Diagnose immer wichtiger machen.

Ergebnisse

Ergänzend zur klinischen, neurophysiologischen und bildgebenden Diagnostik hat die deutsch-italienische Forschergruppe um Professor Markus Otto und Dr. Federico Verde einen Test entwickelt, der eine Unterscheidung der ALS von weiteren Nervenkrankheiten erleichtert. Dafür ist keine Liquor-Entnahme nötig, sondern lediglich eine Blutprobe. Der Bluttest misst die Konzentration von Neurofilamenten (Neurofilament light chain/NFL) im Serum der Patienten. Dabei handelt es sich um Proteine, die das „Gerüst“ von Nervenzellen wie Motoneuronen bilden. Sterben diese Nervenzellen wie im Verlauf der Amyotrophen Lateralsklerose ab, werden Fragmente des Proteingerüsts freigesetzt. Infolgedessen ist die Konzentration des Biomarkers NFL bei den Patienten erhöht. „In den vergangenen Jahren haben sich Messverfahren im Bereich Proteomik stark weiterentwickelt. Dadurch wird der Nachweis von Biomarkern wie NFL in sehr geringen Konzentrationen und sogar im Serum nunmehr fast routinemäßig möglich“, erklärt Erstautor Federico Verde, Wissenschaftler in der Abteilung Neurologie am IRCCS Istituto Auxologico Italiano der Universität Mailand, der zuvor an der Universität Ulm geforscht hat. Dabei beruhe der neue Bluttest auf der so genannten Single Molecule Array Technologie (Simoa).

Die Zuverlässigkeit der neuen diagnostischen Methode wurde nun an 124 ALS-Patienten der Ulmer Universitätsklinik für Neurologie überprüft sowie an 159 neurologisch gesunden Menschen sowie Personen ohne ALS, aber anderen neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer (20), frontotemporale Demenz (20), Parkinson (19) und Creutzfeldt-Jakob (6).  Tatsächlich erwies sich die NFL-Konzentration im Blut von ALS-Patienten am höchsten (Ausnahme: Creutzfeldt-Jakob-Krankheit) und ermöglichte eine Differenzialdiagnose. Die Sensitivität betrug bei einem Schwellenwert von 62 pg/ml knapp 86 Prozent, die Spezifität fast 82 Prozent. Keine Differenzierung ermöglichte der NFL-Wert bei unterschiedlichen Krankheitsstadien der ALS. Allerdings korrelierte der NFL-Wert mit der Aggressivität der Erkrankung. „ALS-Patienten mit einer höheren NFL-Konzentration im Blut erleben eine schnellere klinische Verschlechterung und haben im Mittel eine kürzere Überlebensdauer“, erklärt Otto. Der Biomarker NFL sei bereits kurz nach Auftreten der ersten Symptome messbar, und womöglich lasse sich auch das Therapieansprechen mit dem Test nachvollziehen. 

Klinische Bedeutung

Die Blutuntersuchung eignet sich besonders für größere multizentrische Kohorten und zudem große Therapiestudien. Geeignet ist der Test auch bei Patienten, bei denen keine Liquorpunktion durchgeführt werden kann. Außerdem plant die Forschergruppe, weitere Marker in die Diagnostik einzuführen, die die Labordiagnose noch spezifischer machen. Die Ulmer Gruppe konnte bereits zeigen, dass sich die Neurofilamente zur Frühdiagnostik in Familien mit der vererbten ALS-Variante eignen.

Finanzierung: Bei der aktuellen Studie wurde die Forschergruppe vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), mit EU-Mitteln sowie von der Baden-Württemberg- und der Thierry Latran-Stiftung unterstützt. Weitere Förderer sind die ALS Association, das BIU BioCenter Ulm sowie das virtuelle Helmholtz-Institut in Ulm.