Alkohol-bedingte Hirnschäden schreiten sogar nach dem Entzug noch voran


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Hirnschäden durch Alkohol schreiten, wie die Untersuchungen bei Menschen und Tieren übereinstimmend gezeigt haben, nach dem Stop des Alkohol-Konsums noch für mindestens sechs Wochen voran. Dauerhafte Schäden treten möglicherweise früher auf als bislang angenommen. Von den strukturellen Schäden betroffen ist vor allem die weiße Substanz, die überwiegend aus Nervenfasern besteht und eine wichtige Rolle bei Lernenvorgängen und Gedächtnisbildung spielt. 

Hintergrund

Bisher war man davon ausgegangen, dass sich alkoholbedingte Schäden schnell zurückbilden, wenn man mit dem Trinken aufhört. Insbesondere in der frühen Abstinenz-Phase sind allerdings die Rückfall-Quoten hoch.

Design

Die Forscher untersuchten bei 91 alkohol-kranken Patienten (Durchschnittsalter 46 Jahre) die Veränderung im zerebralen Nervengewebe nach dem Alkoholentzug. Die Kontroll-Gruppe bildeten 36 gesunde Männer. Für ihre Untersuchungen benutzten die Wissenschaftler eine spezielle MRT-Methode (Diffusion Tensor Imaging, DTI), durch die Diffusionsvorgänge von Wassermolekülen im Gehirn dargestellt werden können. Damit können die Forscher Veränderungen in der Mikrostruktur der weißen Substanz des Gehirns erkennen. Mit diesem bildgebenden Verfahren wurden dann auch Ratten untersucht, die Alkohol erhielten (n = 27). Auch bei den Tieren gab es eine Kontroll-Gruppe (n = 9).

Hauptergebnisse

Bei den Patienten konnten ausgedehnte mikrostrukturelle Schädigungen nachgewiesen werden. Überraschenderweise stellten die Forscher fest, dass die Schädigungen selbst über einen Zeitraum von mindestens sechs Wochen nach der Entgiftung noch fortschritten. Einer mathematischen Modellierung zufolge entsprechen diese Veränderungen einer Demyelinisierung. 

Die Tiere zeigten nach Beginn der Abstinenz genau die gleichen Hirnveränderungen wie die Patienten, was als Beleg dafür gilt, dass die zerebralen Schäden durch den Alkohol verursacht wurden. Da die zerebralen Schäden bei den Tieren bereits nach kurzen Trinkperioden auftraten, kann angenommen werden, dass Alkohol dem Hirn früher schadet als bisher angenommen.

Klinische Bedeutung

Die Forscher glauben, dass dies durch eine alkoholbedingte Entzündungsreaktion (eine gliale Reaktion) im Gehirn verursacht werden könnte. Diese Reaktion könnte auch für die hohe Rückfallrate von Patienten, insbesondere während der frühen Phase der Abstinenz, eine Rolle spielen. Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen nach Angaben der Autoren, wie wichtig langfristige Abstinenzperioden sind, um bleibende Schäden zu verhindern. Und sie sprechen selbstverständlich für einen zumindest zurückhaltenden Konsum von alkoholischen Getränken .

Da sich die beobachteten frühen Anzeichen von Gehirnschäden durch den Alkohol nicht mit Standard-MRT-Aufnahmen erkennen lassen, arbeitet das Forscherteam um Prof. Dr. Wolfgang Sommer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim nun an der Entwicklung einer MRT-basierten Screening-Methode zum Nachweis der Schädigung.

Finanzierung: EU, spanischer Staat, Deutsche Forschungsgemeinschaft u.a.