Albträume: Gedächtnisreaktivierung verstärkt den Effekt der Imagery Rehearsal Therapy

  • Thomas Kron, Dr. med.
  • Medizinische Nachricht
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Kernbotschaften

Für Patienten, die Albträume quälen, ist die Imagery Rehearsal Therapy (IRT) die Standardtherapie. Manche Patienten sprechen allerdings auf diese Behandlung nicht an. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Universität Genf haben nun ein Behandlungsverfahren entwickelt, das diese klassische Therapie mit der Methode der gezielten Gedächtnisreaktivierung (TMR) kombiniert. Dank dieser neuen Therapie-Methode gingen die Albträume der Patienten in einer Studie deutlich zurück und ihre positiven Träume nahmen zu. Diese Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Current Biology“ erschienen.

Kinder besonders betroffen

Albträume sind Träume mit starken negativen Emotionen, die während des REM-Schlafs (Rapid Eye Movement) auftreten. Kliniker unterscheiden sie von einfachen „schlechten Träumen". Im Gegensatz zu Albträumen scheinen letztere eine nützliche Funktion bei der Förderung der Emotionsregulation zu haben. Wissenschaftler unterscheiden auch zwischen traumatischen Albträumen - d. h. Albträumen, die mit einem posttraumatischen Stress verbunden sind - und Albträumen ohne traumatischen Ursprung. Nach der von der American Academy of Sleep Medicine erstellten „International Classification of Sleep Disorders'' werden Albträume dann pathologisch, wenn sie wiederkehrend sind und Auswirkungen auf den Tag haben, z. B. Müdigkeit, Angst und Dysphorie. Dies wird als „Albtraumstörung'' bezeichnet.

Laut den Schlafforschern Professor Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und Dr. Jürgen Hoppe (Privatpraxis für Schlafschulung, Hamburg) wird die Prävalenz von häufigen Albträumen in der Allgemeinbevölkerung auf etwa fünf Prozent geschätzt. Am häufigsten von gelegentlichen Albträumen (etwa ein Albtraum pro Woche) betroffen sind, wie von Univadis berichtet, Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren. Frauen berichten öfter über Albträume als Männer. Sehr hoch ist die Prävalenz häufiger Albträume mit 30 Prozent bei Personen mit psychischen Störungen wie Depression, Angsterkrankung und Persönlichkeitsstörung, noch höher mit 60 bis 70 Prozent bei Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung.

In stressigen und krisenbehafteten Zeiten – wie aktuell den unseren – treten Albträume häufiger auf. 10-15 Prozent aller wiederkehrenden Albträume sind sogenannte Täterträume, in denen der Schlafende jemanden verletzt oder gar tötet, wie Professor Reinhard Pietrowsky von der Universität Düsseldorf in seinem Vortrag bei der 30. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (10.-12. November 2022 in Wiesbaden) berichten wird.

Imagery Rehearsal Therapie: wirksam, aber nicht immer

Bei der als Goldstandard geltenden Imagery Rehearsal Therapie (IRT) beschwören Patienten in ihrem Kopf Bilder aus ihren Albträumen herauf und lernen, diese durch weniger furchteinflößende Varianten zu ersetzen. Der erste Schritt der Therapie besteht aus dem Aufschreiben des Traums. Im zweiten Schritt wird die betroffene Person angeregt, sich vorzustellen, in der Traumsituation anders zu handeln.  Der dritte und letzte Schritt ist das Üben zu Hause. Ein Problem der IRT: Manchmal schwankt das Vermögen der Patienten, sich Albtraumszenarien vorzustellen. Gerade Kinder haben damit Mühe. Studien haben gezeigt, dass die Häufigkeit der Albträume nach zwei Wochen Übung abnimmt, so der Neurowissenschaftler und Schlafforscher Privatdozent Lampros Perogamvros von der Universität Genf. Einige Patienten seien jedoch für diese Methode nicht empfänglich. Um diese Einschränkung zu überwinden und den Behandlungsprozess zu verbessern, haben Lampros Perogamvros und seine Kollegen die IRT mit der Methode der gezielten Gedächtnisreaktivierung (TMR) kombiniert. Durch das Senden spezifischer Reize an das Gehirn einer schlafenden Person - oft Gerüche oder Geräusche, die mit kürzlich gemachten Erfahrungen in Verbindung gebracht werden - ist es möglich, die Erinnerung an diese Erfahrung zu verstärken. In diesem Fall bestand das Ziel darin, Erinnerungen an die IRT-Übungen zu reaktivieren.

Alle zehn Sekunden ein Klavierakkord

Das Genfer Forscher-Team nahm 36 Patienten in seine Studie auf, die unter nicht-traumatischen Albträumen litten. Es wurden zwei Gruppen gebildet: eine Gruppe übte die kombinierte Therapie, die andere die klassische Therapie nur mit IRT. Die Patienten wurden gebeten, sich positive Alternativszenarien zu ihren Albträumen vorzustellen. Patienten der einen Gruppe führten diese Übung jedoch durch, während alle zehn Sekunden ein Ton - ein Dur-Klavierakkord - gespielt wurde. Ziel war es, diesen Klang mit dem vorgestellten positiven Szenario zu assoziieren. Wenn das Geräusch dann erneut, aber jetzt im Schlaf, gespielt wurde, war es wahrscheinlicher, dass die positive Erinnerung im Traum reaktiviert wurde", erklärt Sophie Schwartz, Professorin in der Abteilung für Neurowissenschaften an der Universität von Genf. Jeder Teilnehmer erhielt dann ein sogenanntes Schlaf-Stirnband mit Elektroden, die die Gehirnaktivität registrierten. Zu Hause wurde dank dieses Geräts, das die verschiedenen Schlafstadien erkennt, alle zehn Sekunden ein Klavierakkord wiedergegeben, sobald der Patient den REM-Schlaf erreichte. Die Übung wurde zwei Wochen lang jede Nacht wiederholt.

Effizientere und nachhaltigere Wirkung

Am Ende des Experiments nahm die Häufigkeit der Albträume in beiden Gruppen ab, jedoch deutlich stärker in der Gruppe, in der das positive Szenario mit dem Klang assoziiert wurde. Außerdem führte diese Assoziation zu einer Zunahme positiver Träume", so die Studentin und Studienautorin Alice Clerget. Die Vorteile der kombinierten Behandlung waren den Autoren zufolge auch noch drei Monate nach dem Experiment spürbar: Die Patienten in der Gruppe mit der kombinierten Therapie hatten immer noch weniger Albträume als Patienten der Vergleichsgruppe.

Die Ergebnisse der neuen Methode müssen nach Angaben der Wissenschaftler zwar noch wiederholt werden, bevor diese Methode auf breiter Basis angewandt werden kann; aber alles deute darauf hin, dass es sich um eine besonders wirksame neue Behandlung für Patienten mit Albtraumstörung handele. „Der nächste Schritt für uns wird sein, diese Methode bei Albträumen im Zusammenhang mit posttraumatischem Stress zu testen", schließt Lampros Perogamvros.