Akute Proktitis und Effloreszenzen in Mund- und Analbereich: Achtung Affenpocken!

  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die Fallzahlen von Affenpocken sind vor allem in Europa hoch. Spanien, Deutschland und Großbritannien stehen dabei an der Spitze. Eine große internationale Studie und eine britische Untersuchung belegen: Affenpocken werden wegen der initial ähnlichen Symptome zu „klassischen“ sexuell übertragbaren Erkrankungen wie Gonorrhoe, Herpes genitalis oder Syphilis häufig erst spät erkannt. Die Studienautoren empfehlen, bei Schmerzen und nicht erklärbaren akuten Effloreszenzen in der Analregion oder im Mundbereich während des Ausbruchs auch an Affenpocken zu denken, vor allem bei der aktuellen Risikogruppe von Männern, die Sex mit Männern haben. Der Nachweis erfolgt über PCR an Abstrichen.

Hintergrund

Endemien mit Affenpocken (Orthopoxvirus simiae) beim Menschen waren bislang nur sporadisch und selbstlimitierend und kamen vor allem in afrikanischen Ländern vor. Als häufigste Ursache gilt ein Kontakt zu Wildtieren, vor allem zu Nagern. Vor circa drei Monaten begann sich ein globaler Ausbruch unter Menschen zu entwickeln. Weltweit sind bislang 20 846 Fälle diagnostiziert worden (Stand: 28. Juli) davon 13 043 Erkrankungen in Europa (Stand: 26. Juli; [1]). Deutschland hat mit bisher 2410 Fällen die zweithöchste Erkrankungszahl nach Spanien (3596), auf Platz 3 steht Großbritannien (2208 Fälle). Eine große internationale Studie in 16 Ländern inklusive Deutschland und eine britische Studie beschreiben initiale klinische Befunde, Krankheitsverläufe und demographische Merkmale von Patienten mit Affenpocken (2, 3).

Design

  • Datenbasis:
    • 528 bestätigte Affenpockenfälle aus 43 Zentren für sexuelle Gesundheit in 16 Ländern, davon 5 Zentren in Deutschland (2) und
    • 54 bestätigte Fälle an 4 britischen Zentren für sexuelle Gesundheit (3)
  • Falldefinition: entsprechend der U.K. Health Security Agency als labordiagnostisch gesicherter Fall bei positivem PCR-Test an Patientenproben (meist anogenital und/oder Oropharynx)

Hauptergebnisse

  • Fast alle Patienten mit gesicherter Affenpockenvirusinfektion waren Männer, die Sex mit Männern haben (98 % [2] bzw. 100 % [3]).
  • Das Durchschnittsalter bei Diagnose lag zwischen 38 und 41 Jahren (2, 3).
  • Bei 95 % der Studienteilnehmer wurde eine Übertragung des Virus durch Sexualkontakte vermutet.
  • Hautläsionen in Form von Pusteln, Vesikeln und teils als ulzerierende Läsionen, wurden vor allem rektal, perianal und im Mundbereich gefunden (75 bis 95 %).
  • 10 % hatten Läsionen an den Handinnenflächen oder Fußsohlen.
  • Als systemische Krankheitszeichen traten bei 6 von 10 Patienten Fieber auf sowie Müdigkeit und Lethargie bei 41 bis 67 %.
  • 41 % der Patienten waren HIV-positiv.
  • Der Anteil mit „klassischen“ sexuell übertragbaren Erkrankung (STI) wie Gonorrhoe, Chlamydieninfektion, Syphilis oder Herpes genitalis war mit 25-29 % ebenfalls hoch.
  • Häufig wurden auf Basis der Symptomatik zunächst solche STI als Ursache der Beschwerden vermutet.

Klinische Bedeutung

Affenpocken seien keine STI im herkömmlichen Sinn, betonen die Autoren. „Die Erkrankung kann jeden treffen, auch wenn bislang vor allem homo- oder bisexuelle Männer erkrankt sind.“ Die Studienautoren empfehlen, bei systemischen Symptomen, perianalen Schmerzen und akuten, nicht aus der Anamnese erklärbaren Effloreszenzen in der Analregion oder im Mundbereich auch an Affenpocken zu denken und entsprechende Abstriche auf die Viren untersuchen zu lassen. Dies gelte vor allem bei der aktuellen Risikogruppe von Männern, die Sex mit Männern haben.

Die Weltgesundheitsorganiation hat am 23. Juli den Affenpockenvirusausbruch als Notfall für die öffentliche Gesundheit mit internationaler Tragweite erklärt (4).

In Deutschland wird von der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) eine Impfung gegen Affenpocken mit Imvanex (MVA-Impfstoff) für die Postexpositionsprophylaxe empfohlen und als Indikationsimpfung für Personen mit einem erhöhten Expositions- und Infektionsrisiko (5). Die Impfempfehlung betreffe einen für diese Indikation bisher nicht zugelassenen Impfstoff, der über einen Sonderverteilungsweg zugänglich gemacht werde.

Finanzierung: öffentliche Mittel