Akupunktur zur Migräne-Prophylaxe: „zu gute“ Ergebnisse einer chinesischen Studie?

  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Eine chinesische Studie, die Ende März im „British Medical Journal“ publiziert wurde, zeigte eine sehr hohe Wirksamkeit der Akupunktur in der Prophylaxe von Migräneanfällen. So hoch, dass deutsche Kopfschmerz-Experten Zweifel an der Richtigkeit der Ergebnisse äußern, wie es in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie heißt.

Die chinesische Akupunktur-Studie

Die randomisierte kontrollierte Studie wurde in sieben Krankenhäusern in China zwischen 2016 und 2018 durchgeführt. Eingeschlossen wurden 150 Patienten mit mittelschwerer, episodischer Migräne ohne Aura, die zuvor nicht mit Akupunktur behandelt worden waren und einer typischen Migräne-Population entsprachen (über 80% waren Frauen, das mittlere Alter betrug 36,5 Jahre). Verglichen wurden Standardbehandlung versus Akupunktur versus Scheinakupunktur (jeweils 20 Sitzungen á 30 Minuten über einen Zeitraum von acht Wochen zusätzlich zur Standardbehandlung). Bei der letzteren wurden die Patienten nur scheinbar akupunktiert, die Hautschicht wurde nicht durchstochen, allerdings fühlte es sich für die Behandelten so an. Außerdem wurden bei der Scheinakupunktur keine „echten“ Akupunkturpunkte angesteuert. „Es handelte sich hier um eine besonders ausgefeilte Methode der Scheinakupunktur, die Patienten konnten nicht zwischen den Verfahren unterscheiden“, kommentiert der Essener Neurologe Professor Hans-Christoph Diener in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Auch Privatodozent Dr. Charly Gaul (Königstein im Taunus) von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, lobt diesen Ansatz: „Dies ist eine innovative Methode, und nach Aussage der Autoren gelang die Verblindung. Positiv hervorzuheben ist darüber hinaus die zentrale Schulung aller Akupunkteure in der Studie.“

Ergebnisse machen stutzig

Das Ergebnis wirft laut DGN allerdings Fragen auf. Von den insgesamt 150 Patienten hatten 60 die Akupunktur, 60 die Scheinakupunktur und 30 die Standardbehandlung erhalten (die aus einer Lebensstilberatung bestand und keine medikamentöse Therapie enthielt). Beide Akupunkturverfahren zeigten einen signifikanten Nutzen im Vergleich zur Standardtherapie. Der primäre Endpunkt war die Reduktion der Migräneattacken und der Migränetage pro Monat. Es kam zu einem Rückgang um 3,9 Migränetage unter Akupunktur (im Vergleich zum Ausgangswert von 5,8 Migränetagen), um 2,2 Tage unter Scheinakupunktur (im Vergleich zu 6,3) und um 1,4 Tage (im Vergleich zu 5,8) unter Standardbehandlung in den Wochen 17-20; dies belegt einen signifikanten Nutzen der Akupunkturverfahren. Sekundäre Endpunkte waren der Anteil der Patienten, die eine 50%ige Reduktion der Migränetage oder -anfälle in den Wochen 17-20 erreichten. Im Akupunkturarm waren das 82,5%, im Scheinakupunkturarm 45,8% und in der Vergleichsgruppe 17,9%.

„Diese hohen Zahlen machen stutzig, auch weil sich das Ergebnis mit keiner bisherigen Studie deckt. In der großen Cochrane-Analyse zur Akupunktur bei Migräne aus dem Jahr 2016 gibt es beispielsweise keine einzige Arbeit, in der mehr als die Hälfte der Patienten eine 50%-Responderrate aufweisen. Hinzu kommt, dass die bisher publizierten großen randomisierten und kontrollierten Studien, die Akupunktur und Scheinakupunktur miteinander verglichen hatten, keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Verfahren feststellen konnten. Hier lag hingegen ein signifikant unterschiedlicher Behandlungseffekt vor – und das, obwohl die Verblindung bestens funktioniert hat, ein möglicher Placeboeffekt also in beiden Gruppen gleichermaßen zum Tragen gekommen sein muss“, erklärt Diener. „Die Rate der 50%-Responder hinsichtlich der Reduktion der Migränetage erscheint so spektakulär hoch, dass sie die ganze Studie etwas fragwürdig erscheinen lässt“, ergänzt Gaul. 

Keine valide Datenbasis 

Diener und Gaul sehen durch diese Studie noch keine ausreichend valide Datenbasis, um die Akupunktur in die Standardtherapie aufzunehmen und damit zu einer Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen zu machen. „Notwendig wäre dafür ohnehin eine große randomisierte Studie im europäischen Setting“, so Gaul. Hinzu komme, dass sich auch die Frage nach der Praktikabilität stelle – schließlich würden die Patienten innerhalb von acht Wochen 20-mal akupunktiert. „Das bedeutet, sie erhielten alle drei Tage eine Akupunkturbehandlung, was im Praxisalltag natürlich kaum umzusetzen ist.“